Universität Erfurt

Geschichtswissenschaft

Vergangene Exkursionen 2018

Exkursion nach Venedig

Exkursionsseminar „Das Mittelmeer als Interaktionsraum für wirtschaftliche und kulturelle Transferprozesse in der Frühen Neuzeit“ im Sommersemester 2018

Venedig ist zweifelsohne einer der Sehnsuchtsorte für Menschen weltweit – wenn sich also die Möglichkeit bietet, diesen Ort im Rahmen einer universitären Exkursion, deren Wert ja stets kaum schätzbar ist, zu bereisen, gilt es, den Koffer zu packen. So fuhren also acht Studierende und Promovenden der Universität Erfurt in der ersten Woche der Semesterferien nach Venedig, um dort den Ort, an dem der frühneuzeitliche Orient und Okzident sich begegneten, handelten und koexistierten, zu besuchen und zu erforschen. Das Gefühl, tatsächlich in diese noch immer schwirrende Weltstadt zu gehören, vermittelte uns Dr. Evelyn Korsch, Habilitandin des Lehrstuhls für Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit, die vor Ort lebt und forscht. So hatten wir dank einer langjährigen Bekanntschaft die Möglichkeit, im zweiten Stock des Palazzo Pisani Santa Marina im Sestiere Cannaregio Quartier zu beziehen. Die fünf Schlafzimmer, die drei Salons, die Eingangshalle, die Loggia und die zahlreichen Durchgangszimmer sowie die wunderbar gelegene Altane mit Blick bis nach San Marco bildeten zusammen eine luxuriöse und herrschaftliche Ausgangsbasis für unsere Erkundungen, die von verlassenen Inseln in der Lagune bis an die geschichtsträchtige Festlanduniversität zu Padua führten. Zugleich profitierten wir von den zahlreichen Kontakten unserer Exkursionsleiterin in die Wissenschaft und die gelehrten Kreise der Stadt, wie etwa das Deutsche Studienzentrum. Dieses hatte uns freundlicherweise zur Vorstellung der Düsseldorfer Komponistin und aktuellen Stipendiatin Yasuko Yamaguchi sowie zur Begegnung mit weiteren Forschenden und Kunstschaffenden eingeladen. So konnten wir uns in angenehmer Runde auf der Terrasse des Palazzo Barbarigo della Terrazza über Operngeschichte, unfreiwillige Nonnenschaften, Kompositionsplastiken und den venezianischen Staatsapparat unterhalten.

Am ersten Tag bereits hatte unsere Reisegruppe zudem das Vergnügen, Professor Giovanni Sarpellon kennenzulernen. Als inzwischen emeritierter Ordinarius der Università Ca' Foscari und Experte für Glaskunst begleitete er uns durch das Glasmuseum auf der Insel Murano. Neben den erstaunlichen Miniaturen, die bereits im 19. Jahrhundert auch als Souvenirs hergestellt wurden, lag besonders der Sammlungs- und Präsentationskontext im Fokus seiner Führung. Das venezianische Glas stellte über Jahrhunderte ein bedeutendes Luxusgut dar, dessen Formen- und Farbvielfalt überall begehrt war. Entsprechend waren die Glasbläser an strenge Auflagen gebunden, um den für die Stadt überlebenswichtigen Handel zu garantieren. Venezianische Glaswaren waren nicht nur auf dem europäischen Festland begehrt, wohin manche Glasbläser unter Lebensgefahr emigrierten, sondern auch im mittleren Osten. Indische Fürsten schätzten die feinen venezianischen Kelche ebenso, wie zugleich die feinen Seidenstoffe und Textilerzeugnisse aus dem Orient in Europa auf großes Interesse stießen (zum Thema referierte Johanna Weißler). Der textilhistorische Teil im Museum Palazzo Mocenigo zeigte in seiner Sonderausstellung just solche teils bereits für den Export nach Europa hergestellten Stücke: Phantasievoll gestaltete Morgenmäntel, schwer drapierte Kimonos und bunt bestickte Hauskappen. Wie solche aufwändigen Stücke hergestellt werden, konnten wir dank einer großzügigen Unterstützung durch Prof. Dr. Susanne Rau am Dienstag in der historischen Weberei Luigi Bevilacqua sehen. Dort entstehen auf Webstühlen aus dem 18. Jahrhundert feinste Damaste, Samte und Jacquarde. Die Webbreite liegt bei rund einem halben Meter, die Tagesleistung einer Weberin beträgt selbst bei vergleichsweise weniger aufwändigen Geweben circa 35 Zentimeter. Derzeit etwa wird ein überaus opulenter, vierstufig aufgebauter Stoff für Tapeten und zum Beziehen von Polstern für den russischen Kreml hergestellt; parallel dazu entsteht über mehrere Jahre hinweg ein roter Seidensamt für die Rekonstruktion des Thronsaales im Dresdner Residenzschloss.

Wäre eine solche Bestellung aus dem Reich vor fünfhundert Jahren in Venedig eingetroffen, hätten die betreffenden Händler im Fondaco dei Tedeschi am Canal Grande in Sichtweite der Rialtobrücke gesessen. Dieses Handelshaus war zu Zeiten der venezianischen Republik der verpflichtende Aufenthaltsort für deutsche Kaufleute; hierhin mussten sie sich nach ihrer Einreise begeben, hier hatten sie ihre Waren zu lagern, hier mussten sie wohnen – das großzügige Gebäude wurde im Gegenzug vom Staat gestellt. Nachdem die Hauptpost vor einigen Jahren das Gebäude verlassen hat, gehört es nun der Benetton Group, die darin ein großes Luxuskaufhaus vorrangig für Kundschaft aus dem arabischen und fernöstlichen Raum betreibt – auch hier ist Venedig Treffpunkt der Weltregionen im Zeichen des Handels. Die Dachterrasse des Hauses ist jedoch nach Voranmeldung für die Öffentlichkeit zugänglich, sodass unser Besuch uns durch sämtliche Abteilungen bis ganz nach oben führte. Die Renovierung und der Umbau des Palazzos aus dem frühen 16. Jahrhundert ging dank heftiger öffentlicher Kontroversen übrigens recht glimpflich vonstatten, sodass im nun ja öffentlichen Haus etwa die Kamine der Schlafräume für die Händler besichtigt werden können. In weniger großzügigen Wohnstätten hatten im frühneuzeitlichen Venedig die Juden zu leben: Das weltweit erste Ghetto, so der ältere Name der für die Juden bestimmten Insel, liegt etwas abseits und ist auch heute noch nur an drei schmalen Stellen zu betreten – wenn auch die Tore, die es bis vor rund 200 Jahren nachts vom Rest der Stadt abriegelten, nicht mehr zu sehen sind. Da der Platz begrenzt war, baute man im Ghetto nach oben, sodass das nicht sehr große Gebiet geprägt ist durch schmale, aber hohe Gebäude mit erkennbar niedrigen Geschossen. Während in der Frühneuzeit die jüdische Bevölkerung hier vor allem wegen ihrer für die Kaufleute wichtigen Tätigkeit als Bankiers geduldet war, ist das Ghetto heute nicht nur ein beliebtes Wohngebiet, sondern auch aufstrebendes Zentrum jüdischen Lebens (zum Thema referierte Corinna A. Dahl). Einer der Mittelpunkte christlichen Lebens hingegen war die Frari-Kirche mit ihrem Konvent. In diesen franziskanischen Klostergebäuden befindet sich seit der zweiten Phase der österreichischen Herrschaft über Venedig das zentrale Staatsarchiv. Am Donnerstag besichtigten wir, geführt durch die stellvertretende Leiterin des Hauses, Dr. Alessandra Schiavon, die großzügigen Räumlichkeiten mit ihren 60 Kilometern an schriftlicher Überlieferung. Die Bau- und Bestandsgeschichte sowie auch die aktuellen

Brandschutzvorrichtungen dieses Archivs wären jeweils eines eigenen Textes würdig, sodass hier lediglich die für die Exkursion ganz vorrangig bedeutenden Stücke erwähnt werden können. Das Staatsarchiv Venedig hält umfangreiche Bestände, die den Fernhandel wie auch die hiermit untrennbar verbundenen politischen Vertretungen im Orient betreffen. Neben in Seide gebundenen, zweisprachigen Handelsverträgen, die etwa auch Besitzansprüche im Fall von Schiffsbruch regeln, einer Zeichnung der venezianischen Botschaft im Konstantinopel des 18. Jahrhunderts und umfangreichem Kartenmaterial sind auch Korrespondenzen zwischen der venezianischen Staatsführung und ihren Gesandten erhalten. Diese wurden, wenn delikate oder vertrauliche Themen berührt wurden, von den Schreibern in einer jeweils eigenen Geheimschrift verfasst, deren Entschlüsselungen auch heute computergestützt unmöglich ist. Die Kombinationen aus Zahlen, Buchstaben und Zeichen können nur in den Fällen verstanden werden, in denen noch der Schlüssel zur Verfügung steht.

Ähnlich wenig zugänglich war und ist der berühmte Arsenale. Teils märchenhafte Zahlen kursieren über die Zahl der Schiffe, die hier täglich auf Kiel gelegt werden konnten. Venedigs Vormachtstellung auf See war hier begründet, jedoch handelt es sich auch heute um militärisches Sperrgebiet, sodass für Zivilisten mit einigen wenigen Ausnahmen nur eine Betrachtung von außen möglich ist. Davor jedoch ist ein sehr adrettes Plätzchen zu finden, sodass also auch der Aufenthalt lediglich in Sichtweite angenehm ist (es referierten Katharina Kolczok zur Piraterie und Magdalena Gutzeit zum Schiffsbau).

Geistiges Zentrum der Republik Venedig war über Jahrhunderte die berühmte Universität von Padua. Rund eine halbe Stunde Zugfahrt von Venedig entfernt, zieht es auch heute noch tausende Studierende aus Venetien und ganz Italien hierhin. Auch die Universität Erfurt unterhält übrigens eine Partnerschaft mit Padua im Rahmen des Erasmus-Programms. Zeugnis der dortigen fast achthundert Jahre währenden Lehrtradition sind die historischen Universitätsgebäude, die teilweise noch heute als solche genutzt werden. Zwar ist das berühmte Theatrum anatomicum von 1594 inzwischen außer Betrieb, jedoch wird der noch etwas ältere, ebenfalls als erster seiner Art geltende Botanische Garten nicht nur weiter gepflegt, sondern wurde auch erst kürzlich um einen großen Glashausbau erweitert, in dem etwa die Flora der verschiedenen tropischen Wälder präsentiert und erforscht wird. Am Mittwochnachmittag fand zudem ein Workshop mit dem Historischen Institut der Universität Padua, vertreten unter anderem durch Prof. Andrea Caracausi und Prof. em. Salvatore Ciriacono, zum Thema „Das Mittelmeer als Interaktionsraum“ statt. Da auch in Padua die Handelsbeziehungen und daraus resultierenden Lebensumstände für die venezianischen Händler intensiv erforscht werden, konnten die Paduaner und Erfurter Promovenden (Tim Thierbach referierte zur historischen Wirtschaftsgeographie) ihre Forschungen vorstellen, woraufhin sie fachkundig diskutiert wurden.

Zwar sind längst nicht alle Themen genannt, mit denen sich die Exkursion auseinandersetzte (im Dogenpalast referierte Claudia Heise über die staatliche Festkultur, Juliane Haberichter über Pilger und Missionare sowie Marian Hefter auf der Quarantäneinsel Lazzaretto Nuovo über die Pest und Seuchenpolitik), noch alle Orte erwähnt, die bereist und besichtigt worden sind, jedoch sei der Versuch, mit diesen dürren Worten ein wenig der Vielfalt und Pracht, mit der Venedig auch heute noch als historisch wie gegenwärtig lebendiger Ort inmitten von Okzident und Orient seine Gäste empfängt, zu beschreiben, hier beendet. Die Teilnehmenden der Fahrt danken ihrer Dozentin, Dr. Evelyn Korsch, sowie dem Historischen Seminar der Philosophischen Fakultät für ihre Mühen, Unterstützungen und Möglichmachungen und halten ihre Koffer gerne schon bereit für die nächste Exkursion.

(Bericht: Marian Hefter)

Exkursion nach Rumänien

Das moderne Rumänien feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass führte eine Exkursion der Professur für Antike Kultur dorthin, die Prof. Dr. Kai Brodersen gemeinsam mit Dr. Kornelia Konczal (Hannah-Arendt-Institut, Dresden) und Dr. Peter Wurschi (Stiftung Ettersberg, Weimar) in einem gemeinsamen Seminar vorbereitet und vom 21. bis 28.7.2018 mit insgesamt 33 Teilnehmenden durchgeführt hat.

Ziel war ein Kennenlernen und Diskutieren von Erinnerungskultur in diesem europäischen Staat, der sich schon im Staatsnamen, aber auch sonst auf die römische Antike zurückführt und für eine besondere Form der Revolution von 1989 steht. Erstes Zentrum war Sibiu/Hermannstadt, wo die Gruppe in der Ev. Akademie Turnisor/Neppendorf untergebracht war, zweites Ziel war Bukarest. Die Gruppe unternahm Stadtführungen (22.7. in Hermannstadt mit Herrn und Frau Brodersen, 26.7. in Bukarest mit Dr. M. Waściucionek vom New Europe College), Besuche in Museen (in Hermannstadt 22.7. Astra National Museum, in Alba Iulia/Karlsburg, 27.7. in Bukarest Palatul Parlamentului sowie Historisches Nationalmuseum mit F. N. Roaită) und im Honterusarchiv Brasov/Kronstadt (25.7. mit Dr. B. Heigl). In Sibiu und Petresti/Petersdorf führten wir Zeitzeugengespräche mit Prof. H. Klein 23.7., Dr. M. Trappen von unserer Erasmus-Partner-Universität in Sibiu 23.7.; Dechant Dr. W. Wünsch 24.7.; in Bukarest fanden Seminare in Forschungsinstituten statt: im Institute for the Investigation of Communist Crimes and Memory of the Romanian Exile mit Dr. A. Mureșan und im Elie Wiesel Institute for the Study of Holocaust in Romania mit Dr. A. Bărbulescu am 26.7. und bei der Experts for Security and Global Affairs Association mit Dr. I. Racheru am 27.7.

Einen Teil der Kosten für die Unterkunft und Busfahrten im Land (216 Euro) trugen die sehr interessierten Studierenden selbst, da das Historische Seminar keine finanzielle Unterstützung der Studierenden leisten konnte; die Professur für Antike Kultur gewährte aber aus ihren eigenen Mitteln einen Zuschuss von gut 1000 Euro. Weitere Details finden sich auf www.rumaenien100.de.

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