Universität Erfurt

Nordamerikanische Geschichte

Profil

An der Universität Erfurt wird nordamerikanische Geschichte vom Beginn der Kolonialzeit im frühen 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart angeboten. Die Themenfelder, die in Forschung wie Lehre bearbeitet werden, sind vielfältig und erstrecken sich von der Geschichte des Politischen bis zur Geschichte der Sexualitäten. Konzeptionell steht gleichwohl ein kulturhistorischer Ansatz im Vordergrund. Dies bedeutet, dass wir die Arbeit am Lehrstuhl vor allem darauf ausrichten, das historisch veränderliche Zusammenspiel menschlicher Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen zu erfassen und in seiner Bedeutung für individuelle Existenzen und kollektive Ordnungsformen zu verstehen.

Eine der bedeutendsten Wendemarken in der nordamerikanischen Geschichte wie in der Geschichte überhaupt war die Erklärung der Unabhängigkeit durch die dreizehn englischen Kolonien am 4. Juli 1776. Die Revolutionäre verabschiedeten ausdrücklich den Despotismus der Monarchie und formten eine Gesellschaft, die sich auf die Freiheit, die Unabhängigkeit und das Recht auf Glück berief. Damit wurden das Denken und die Prinzipien der Aufklärung in Amerika in die Tat umgesetzt. Das Recht aller Menschen auf "life, liberty, and the pursuit of happiness", das die Unabhängigkeitserklärung verkündete, gilt bis heute als zentraler Wert der US-amerikanischen Gesellschaft.

Ein genauerer Blick in die nordamerikanische Geschichte zeigt jedoch, dass die Revolution und die Gründung der USA nicht als unvermittelter Umbruch und plötzlicher Startschuss in die Geschichte menschlicher Freiheit gedeutet werden können. Erstens hatten schon die Menschen der kolonialen Gesellschaften von Massachusetts im Norden bis Georgia im Süden zunehmend an Handlungsspielraum und Unabhängigkeit gewonnen. Zweitens kann auch nach Revolution und Staatsgründung nicht von einer durch und durch egalitären Gesellschaft die Rede sein. Schließlich lebten vor allem in den Südstaaten nach wie vor die weitaus meisten afroamerikanischen Menschen im System der Sklaverei, und Frauen sollten bis in das 20. Jahrhundert hinein von unmittelbarer politischer Teilhabe ausgeschlossen bleiben - um nur zwei der deutlichsten Beispiele zu nennen.

Hier liegt ein erster von drei Themenschwerpunkten, die im Umfeld des Lehrstuhls bearbeitet werden. In Forschung wie Lehre richten wir die Aufmerksamkeit auf dieses Spannungsverhältnis von Freiheit und Unterwerfung, von Selbstbestimmung und Fremdführung, von Gleichheit und Differenz, das in der Geschichte der USA von besonderer Bedeutung ist. Inwieweit die Menschen in der neuen amerikanischen Republik tatsächlich die Möglichkeit hatten und haben, sich selbst und ihr Lebensumfeld zu gestalten, hing und hängt im Wesentlichen davon ab, welche Farbe ihre Haut zeigt, welches Geschlecht sie haben, wie ihr sozialer Status ist, welche sexuellen Präferenzen sie verfolgen usw. Man denke nur an die unterschiedlichen Lebensumstände und Handlungsmöglichkeiten einer schwarzen Sklavin in Alabama und eines weißen Baumwollhändlers in New York während der 1830er Jahre, um eine Vorstellung von der Macht der Kategorien zu entwickeln.

Ein zweites zentrales Arbeitsfeld des Lehrstuhls ist die Geschichte der Gewalt. Hier ist zunächst ganz einfach festzuhalten, dass Gewalt eine Geschichte hat, die zugleich innerhalb größerer kultureller Zusammenhänge steht. Die Formen der Gewalt und deren Legitimität verändern sich in der Geschichte, so dass entsprechende Betrachtungen den Blick auf ganze Wert- und Weltordnungen freilegen und verdeutlichen, wie sich diese historisch verändern. So lassen sich zum Beispiel Unterschiede und Gemeinsamkeiten des US-amerikanischen Nordens und Südens im späten 19. und im 20. Jahrhundert dadurch erfassen, dass wir die Gewalthaftigkeit ihrer Strafsysteme miteinander vergleichen. Weitere zentrale Themen der amerikanischen Gewaltgeschichte sind Sklaverei und Rassismus, die Expansion seit der Kolonialzeit, die Vertreibung der indigenen Bevölkerung und die so genannte frontier. Es ist offensichtlich, dass die Geschichte der Gewalt untrennbar mit dem ersten Forschungs- und Lehrschwerpunkt des Lehrstuhls verbunden ist, nämlich der Geschichte menschlicher Kategorisierungen. So ist die kulturelle Legitimierung von Gewaltanwendungen davon abhängig, wie Täter und Opfer in Kategorien wie "Rasse", Klasse, Geschlecht, Alter, Sexualität etc. verortet werden.

Ein drittes Arbeitsfeld am Lehrstuhl widmet sich der Einbindung der Vereinigten Staaten und ihrer Vorläufergesellschaften in internationale Zusammenhänge und eine interdependente Welt, was ein wesentlicher Schwerpunkt im Profil des Erfurter Geschichtsstudiums überhaupt ist.

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