Universität Erfurt

Alte Geschichte

Forschungsfelder und -Interessen

• Geschlechtergeschichte, Geschichte der Männlichkeit
• Politische Geschichte der Römischen Republik und des Klassischen Griechenland
• Ordnungsvorstellungen und Organisation des Zusammenlebens in antiken Gesellschaften
• Römische und Griechische Historiografie 

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Akademischer Werdegang

• Seit 04.2016 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Alte Geschichte, Universität Erfurt
• 10.2013 - 03.2014 PostDoc-Kollegiat am Max Weber Kolleg der Universität Erfurt
• 10.2008 - 07.2013 Doktorand für Alte Geschichte an der Universität Erfurt; Einreichen der Dissertation mit dem Titel „Hegemoniale Männlichkeit bei Titus Livius.“
• 04.2006 - 09.2007 Magisterprogramm der Geschichtswissenschaft an der Universität Erfurt mit dem Schwerpunkt Südwesteuropäische und Lateinamerikanische Geschichte; Einreichen der Magisterarbeit „Geschlechterbeziehungen in Spanien. Männlichkeit und Männerbilder im Wandel (1931-1975).“
• 09.2005 - 03.2006 Auslandssemester und Rechercheaufenthalt an der Universidad Autónoma de Madrid
• 10.2002 - 03.2006 Studium an der Universität Erfurt in den Fächern Geschichtswissenschaft, Staatswissenschaft mit sozialwissenschaftlicher Richtung und Studium Fundamentale 

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Forschungsprojekt: Das Phantasma der Tyrannis in den Historien des Herodot

„Sic semper tyrannis!“ Diese Worte soll John Wilkes Booth am 14. April 1865 ausgerufen haben, als er Abraham Lincoln ermordete. Damit bezieht er sich, wie zahlreiche andere Rezeptionen dieses M. Iunius Brutus zugeschriebenen Ausrufs auch, auf den Begriff des Tyrannen, welcher nicht nur in der Moderne eine grausame Alleinherrschaft bezeichnet und doch uneindeutig darin ist, wem er mit welchen konkreten Inhalten zugeschrieben wird.

Die in diesem Forschungsprojekt im Mittelpunkt stehende sogenannte ältere Tyrannis (7.-5. Jh. v.Chr.) hat von der Forschung bereits umfangreiche Aufmerksamkeit erfahren. Dennoch bleibt das Wissen um die Tyrannen lückenhaft. Dies ist zum einen der Materialbasis geschuldet, zum anderen blieben die Fragen an die Quellen zu diesem Themenkomplex meist einer einseitigen Betrachtungsweise verhaftet. Ziel des Forschungsprojektes ist es daher, neue Fragen aufzuwerfen und alte aufzugreifen, sie aber in andere Richtungen zu lenken, mit anderen Themenfeldern zu verknüpfen und sich so neue Perspektiven zu erarbeiten. Es soll gezeigt werden, dass die Tyrannis selbst als Konzept wie auch in seinen historischen Verwirklichungen problematisch ist und dass die Tyrannen paradoxe Figuren sind, denen dennoch eine maßgebliche Funktion in den politischen Ordnungsvorstellungen des klassischen Griechenland zukommt.

Das Forschungsprojekt nimmt seinen Anfang bei Aristoteles, der im 4. vorchristlichen Jahrhundert und sicherlich auch unter dem Eindruck der „jüngeren Tyrannis“ ein Schema für die Verfasstheit von Gemeinwesen entwirft, in dem den Tyrannen ein fester Platz zugewiesen wird – als gesetzlose und unrechtmäßige Ableitung des Königtums (Aristot. pol. 1279a-b; vgl. Plat. polit. 301a-c; 302e). Somit gilt die Tyrannis neben der Oligarchie und der Demokratie als eine der schlechteren Möglichkeiten der Organisation des Zusammenlebens, erscheint aber als eigenständige Kategorie. Bei näherer Betrachtung jedoch erweist sie sich als problematisch: So führt Aristoteles aus, dass die Tyrannis widernatürlich, gar die schlechteste aller Herrschaftsformen sei und dass sie nur Bestand habe, wenn sie sich verleugne und in ein Königtum überführt werde (Aristot. pol. 1287b; 1289b; 1314a-1315b). Trotz einer konkreten Beschreibung tyrannischer Verhaltensweisen, die als Vorlage für den maßvollen, tugendhaften Monarchen dienen, verfängt sich eine Analyse des Tyrannisbegriffs bei Aristoteles bald schon in Widersprüchen und verharrt in einer Tautologie: Die Tyrannis ist schlecht, weil sie nicht gut ist; sie nimmt als Differenzbegriff zum positiv besetzten Königtum die negativen Auswüchse und das Übermaß der Alleinherrschaft ebenso auf wie sie die Übel von Demokratie und Oligarchie in sich vereint (Aristot. pol. 1311a).

Damit drängt sich ein Verdacht auf, der als These formuliert dem Forschungsprojekt zugrunde liegt: Die Tyrannis ist trotz ihrer Position im Schema der Verfasstheiten von Gemeinwesen keineswegs eine eigenständige Kategorie, sondern lediglich ein „leeres Behältnis“, eine inhaltsleere Pseudo-Kategorie (ŽIŽEK 2014, 60f.; 107; vgl., am Beispiel des Barbarenbegriffs: Plat. polit. 262a- 263a), welche die überschüssigen Elemente der anderen Kategorien in sich aufnimmt, damit angefüllt wird, sich so als Begriff formiert und eine Positivität erhält, die sich als Differenz in die Struktur einschreibt und wiederum Rückwirkungen auf die Ordnungsvorstellungen hat.

Die Beweisführung für diese These mit den Schriften von Aristoteles oder Platon anzutreten, wird als nicht sinnvoll erachtet, da hier die Konstruktion des Tyrannisbegriffs als bereits vollzogen anzunehmen ist. Stattdessen soll davon ausgegangen werden, dass der Begriff „Tyrannis“ keineswegs festgelegt war und erst im Laufe der Zeit immer stärker negative Konnotationen annahm. Die Untersuchung wendet sich daher mit den Historien des Herodot einem Text zu, der in der Forschung zuweilen als Anfangspunkt an die lange Kette von Rezeption und Wiederholung des Tyrannisbegriffs gesetzt wird. Obwohl die Tyrannis hier keineswegs als erstes bezeugt wird, erscheint in den Erzählungen Herodots ein konkretes Spektrum an Bedeutungen, welches in vorherigen Überlieferungen und Fragmenten nicht greifbar ist.

Sollte sich der begründete Verdacht bestätigen, dass die Tyrannis bei Herodot in sich die Elemente versammelt, die durch Grenzziehung aus anderen Begriffen ausgeschlossen werden, Überschuss sind oder schlichtweg nicht passen, dann kommt der Tyrannis damit eine nicht zu unterschätzende Funktion zu: Sie wäre als paradoxes Element und Supplement zu betrachten, welches keine Identität hat (es ließe sich die rhetorische Frage aufwerfen: Welche der Figuren in den Historien bezeichnet sich selbst als Tyrann?), in der Erzählung des Herodot ethnische und politische Serien formiert, Ordnungsvorstellungen strukturiert und eine Positivität erhält, die wiederum in den Status des Phantasmatischen erhoben wird – als das Verdrängte, welches in den anderen Begriffen enthalten war und in Form eines Begehrens immer wiederkehrt: das Begehren, die Tyrannis sowie die darin enthaltenen Elemente nicht zu wollen.

In einer solchen Herangehensweise ist es gar nicht mehr wichtig, ob die Tyrannis ein konsistenter Begriff ist oder ob die Tyrannen den jeweiligen, nachträglichen Mustern und Definitionen entsprechen. Die Figur des Tyrannen wird vielmehr zum Schnittpunkt verschiedener Bedeutungszusammenhänge von Sexualität, Männlichkeit, Wirtschaft, Familie und Ausübung von Macht, sie oszilliert zwischen schillernd-ästhetischem Herrscherbild und brutal-abstoßender Projektion des Wahnsinnigen. Der Tyrann ist damit keineswegs Abbild, sondern eine diskursiv konstruierte Figur, ein in die symbolische Ordnung eingebettetes Phantom, welches ausfindig zu machen und zu dekonstruieren sich diese Untersuchung vorgenommen hat, um über den Text des Herodot als literarisch-historischen Schauplatz (Un-)Möglichkeiten der Organisation von Gemeinwesen und damit Machtdiskurse und Ordnungsvorstellungen freizulegen. Darin entpuppt sich die Tyrannis als Phantasma und Idee, die den Referenzpunkt für politische Diskurse des 5. und 4. vorchristlichen Jahrhunderts darstellt, indem sie sich in der schriftlichen Verarbeitung an historische Personen und Ereignisse heftet und diesen symbolischen Gehalt verleiht.

Dieser Spur wird nachgegangen und die Tyrannen innerhalb des reichhaltigen wie vielfältigen Panoramas an Ethnien, Räumen und Zeiten, Genealogien und Anekdoten, das Herodot mit seinem Text präsentiert, eingeordnet. In diesem narrativen Panorama des Werdens, der Veränderungen und Wechselfälle menschlichen Seins wie auch der Organisation des Zusammenlebens, fallen Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart der Narration zusammen und die Tyrannen erscheinen als die Schnittstellen von Veränderung, als Differenzen und Antagonismen, aber auch als Phantasmen, welche andere Konflikte verdecken und überlagern. Damit formiert sich ein Differenzbegriff, der zunächst nichts weiter in sich trägt als die Spur des Anderen, der sich aber in die formale Struktur einschreibt, sie erweitert und ein literarisch nachweisbares Bemühen um dessen Festlegung in Gang hält – etwa bei Thukydides, Platon oder Aristoteles.

Literatur:

ŽIŽEK 2014 = ŽIŽEK, S.: Weniger als Nichts. Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus. Berlin 2014.

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