Universität Erfurt

Neuere und Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik

Diktaturerfahrung und Transformation - Partizipative Erinnerungsforschung

Teilprojekt Familienerinnerungen an die Alltags- und Herrschaftswirklichkeit in der SED-Diktatur. Eine generationenvergleichende Untersuchung der biografischen Erzählungen über die DDR

Laufzeit: 2019-2022
Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts steht die generationelle Schichtung von Familienerinnerungen und -narrativen über die Erfahrungen in der SED-Diktatur und Transformationsphase nach 1989/90. Ausgangspunkt bilden Ergebnisse des Thüringen Monitor, wonach einem überwiegend positiven Urteil über das Alltagsleben in der DDR, das sich wesentlich auf die Überlieferungen im engen Familien- und Freundeskreis stützt, ein markant negatives Urteil der Befragten zur politischen Ordnung des SED-Staates („Unrechtsstaat“) gegenübersteht. Das Projekt soll diese beiden auseinanderfallenden Perspektiven zusammenbringen und geht der Frage nach, wie die Bilder von Alltags- und Herrschaftswirklichkeit in der DDR in Bezug zueinander gesetzt werden können.

In dem Projekt wird in einem ersten Schritt danach gefragt, welche Geschichtsbilder in den Familien heute vorzufinden sind und wie sich diese, insb. generationell, unterscheiden. Hierzu sollen die Erinnerungen von 15 ausgewählten Thüringer Mehrgenerationenfamilien recherchiert und erschlossen werden. Inwiefern rekurrieren sie auf eigenen Erfahrungen der älteren Familienmitglieder, welche Rolle spielen die politischen und sozialen Veränderungen während der Friedlichen Revolution und in den Jahren seit 1990? Zu fragen ist zudem, wie diese Familienüberlieferung sich zu den Deutungen von öffentlicher Erinnerungskultur und Geschichtswissenschaft und deren Veränderungen in den letzten drei Jahrzehnte verhält. Im Unterschied zu bisherigen Studien fokussiert die Interpretation dabei nicht in erster Linie auf die Frage nach der (mehr oder weniger erfolgreichen) Überwindung der SED-Herrschaft. Vielmehr soll untersucht werden, wie die Erzählungen über das jüngste abgeschlossene Kapitel deutscher Geschichte, die DDR-Vergangenheit, von den Interviewten zur Beschreibung ihrer komplexen Gegenwart verwandt wird.

In einem zweiten Schritt sollen in den DDR-Beständen des Thüringer Landesarchivs solche Vorgänge recherchiert werden, die Bezüge zu den Familienerzählungen haben. Es wird danach gefragt, wie sich schriftliche Quellen und die erzählten Narrative zueinander verhalten. Indem die komplexen Bezüge ausgelotet werden, wird ein multiperspektivischer Blick auf die erzählten Sachverhalte möglich, der gleichzeitig die spezifische Aussagekraft und -grenzen der unterschiedlichen Quellen betont.

Das Projekt führt nicht nur ein eigenes Oral-History-Projekt durch, sondern koordiniert in einer Forschungsstelle für Zeitzeugenbefragung auch die Zeitzeugenquellen der anderen Projekte im Verbund. Begleitet wird dies in einer zweiten geplanten Projektphase von einer thüringenweiten Erfassung bereits vorhandener Zeitzeugenarchive. Diesem entstehenden Zeitzeugenarchiv des Forschungsverbundes ist ein partizipatorischer Aspekt immanent, indem die Quellenbasis von den Institutionen zu den Individuen verbreitert wird und deren historisches Interesse, das Erfahrungspotential und Rezeptionsvermögen ernst genommen werden.

Teilprojektleitung und Projektsprecherin: Prof. Dr. Christiane Kuller
Bearbeiter:  Dr. Patrice G. Poutrus

 

Forschungsstelle für Zeitzeugenbefragung

Ansprechpartner  Dr. Patrice G. Poutrus

  • +49 361 737-1610

philfak.ddr_erinnerung@uni-erfurt.de

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