Universität Erfurt

Neuere und Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik

Luise Poschmann, M.A.

Kontakt

Nordhäuser Straße 63, 99089 Erfurt
Lehrgebäude IV / Raum 140

Zur Person

  • seit Oktober 2016 - Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der interdisziplinären DFG-Forschergruppe "Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989"
  • seit Mai 2015 freie Korrespondentin für die Ärzte Zeitung in Sachsen
  • 12/2013-6/2017 freiberufliche Journalistin in Leipzig, zeitweise Korrespondentin für den Evangelischen Pressedienst (epd) (3 Jahre) und die Ärzte Zeitung (2 Jahre)
  • 10/2005 - 12/2011 Studium der Neueren und Neusten Geschichte, Neueren deutschen Literatur und Politikwissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und dem University College Cork (Magistra Artium)

Forschungsschwerpunkte

    • Das Subsidiaritätsprinzip und die Diakonie im bundesdeutschen Sozialstaat
    • Die US-amerikanische Jugoslawienpolitik der frühen 1990er Jahre

    Aktuelles Forschungsprojekt

    Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989

    wissenschaftliche Mitarbeiterin

    Webseite

    Subsidiarität des Sozialstaates und kirchliche Diakonie

    Nach ihrer Gründung im Jahr 1949 stand die Bundesrepublik Deutschland vor der Frage, wie sie künftig ihr schnell expandierendes wohlfahrtsstaatliches Handeln organisieren sollte. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur hatten Skepsis gegenüber einem allzu einflussreichen Staat hinterlassen und auf sozialpolitischem Feld standen nach 1945 beide Kirchen als Träger wohlfahrtlicher Aktivitäten bereit. Zu einem wichtigen Schlagwort in den rechtlichen und ethischen Debatten über die Organisation des bundesdeutschen Sozialstaates wurde der Grundsatz der Subsidiarität. Das Subsidiaritätsprinzip ist ein zentrales Element der katholischen Soziallehre und zielt auf die Selbstbestimmung und Eigenleistung des Individuums und seines nächsten Umfeldes ab. So darf etwa der Staat dieser Maxime zufolge nur dort (und nur unterstützend) eingreifen, wo eine tiefere hierarchische Ebene (z.B. Bundesländer, Kommunen, Familien) nicht in der Lage ist, die erforderliche Leistung zu erbringen.

    Die "Subsidiarität sozialstaatlichen Handelns" wurde im Nachkriegsdeutschland zum maßgeblichen Argument für die Verteidigung kirchlicher Organisationsinteressen und der massiven Expansion in Bereichen wie der Krankenhäuser, Jugendhilfe, Beratung und Heimen aller Art genutzt. Im europäischen Vergleich errang die kirchliche Wohlfahrtspflege in der BRD eine nahezu einmalige Stellung als Träger sozialstaatlich refinanzierter Einrichtung und als Erbringer sozialstaatlich refinanzierter Leistungen. Eine besondere Aufmerksamkeit erlangte das Subsidiaritätsprinzip in der Auseinandersetzung über das Bundessozialhilfegesetzes (BSGH) sowie über die Reform des Jugendwohlfahrtsgesetzes (JWG). Beide Gesetze verankerten einen Vorrang freier vor öffentlichen Trägern. Schon vor ihrer Verabschiedung 1961 und auch nach Inkrafttreten der Gesetze wurde erbittert um die Frage der Subsidiarität und die Stellung der kirchlichen Wohlfahrtspflege in diesem gesellschaftlichen Ordnungsprinzip gerungen. Der Streit mündete in einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Dieses stellte 1967 fest, dass es dem Gesetzgeber freisteht, sein Ziel einer gerechten Sozialordnung auch mit Hilfe von privaten Wohlfahrtsorganisationen zu erreichen. Die Auseinandersetzungen über das Subsidiaritätsprinzip waren trotz des Bundesverfassungsgerichtsurteils in den folgenden Jahrzehnten nicht ausgestanden. Zugleich wandelten sich die Rahmenbedingungen: Während die kirchlichen Träger große Anstrengungen zur Professionalisierung unternahmen, geriet der bundesdeutsche Sozialstaat zunehmen in eine finanzielle Überforderungssituation. In den 1980er Jahren mündete dies in erste Überlegungen zur Ökonomisierung sozialer Leistungen. Welche Rolle das Subsidiaritätsprinzip sowohl als rechtliches, kirchenpolitisches und sozialethisches Argument in der Debatte um die Gestaltung des bundesdeutschen Sozialstaates zwischen 1949 und 1989 gespielt hat, ist in der bisherigen Forschung kaum beleuchtet worden. Insbesondere gilt dies für den Einfluss protestantischer Akteure in den geführten Diskussionen. Das Projekt will aufarbeiten, welche Bedeutung dem Protestantismus und seinen Vertretern - insbesondere seitens der kirchlichen Diakonie - im Prozess der Gestaltung des westdeutschen Sozialstaates zukam. Auf dem Prüfstand steht auch die (historische) Rezeption des Begriffs der Subsidiarität selbst.

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