Universität Erfurt

Antike Kultur

Collectanea

Die Collectanea des Gaius Iulius Solinus:
Ein Reiseführer für Sitzenbleiber - sachlich ohne Belang?

Eine Tagung an der Forschungsbibliothek Gotha 2013

Publikation

http://verlag-antike.de/va/titel/978-3-938032-86-2

Wissenschaftliche Zielsetzung der Veranstaltung

Gaius Iulius Solinus ist der Autor eines spätantiken Werks, das unter dem Titel Collectanea rerum memorabilium oder Polyhistor bekannt ist  Der Erfolg dieses Werkes in Spätantike, Mittelalter und früher Neuzeit war enorm: Solinus erfreute sich einer „almost unrivalled popularity in the Middle Ages” (Kimble 1938, 5) und blieb „immensely popular in western Europe” (Chibnall 1973, 59) - kurz: Solinus war „the chief Latin geographer to a millennium” (Milham 1986, 74).

Dies änderte sich am Ende jenes „Millennium“ grundlegend: „Da wir … die Vorlagen Solins noch heute besitzen, sind die Collectanea sachlich für uns ohne Belang.” (Diehl 1918, 828) - Urteile wie dieses, das sich in der großen Real-Encyclopädie findet, sind für die Geringschätzung von Solinus’ Werk in der altertumswissenschaftlichen Forschung der letzten hundert Jahre typisch. Man hat Solinus als „schwachköpfigen Kompilator” bezeichnet (Weymann 1896, 911), und die „Irrtümer eines lächerlichen Lehrerleins” (ridiculi magistelli errores: Mommsen 1895, viii) in seinem „wretched” und „trivial” Werk (Stahl 1962, 122 und 137), einem „Reiseführer für Sitzenbleiber” (Borst 1995, 44), haben zu einem anhaltenden Desinteresse in der Forschung geführt. Außer ins Spanische (Fernandez Nieto 2001) wurde das Werk nicht mehr in eine moderne Sprache - nicht etwa ins Englische, Französische, Deutsche - übersetzt, und selbst die jüngsten Studien zur Rezeption Plinius’ d.Ä. (Berno 2010 und Goody 2010) behandeln Solinus nur sehr knapp („scant and passing”: Kitchell 2012, 1); ja, ein umfangreicher altertumswissenschaftlicher Sammelband speziell zu „Condensing Texts / Condensed Texts” (Horster/Reitz 2010) nennt Solinus überhaupt nicht, und auch die Encyclopedia of Ancient History (Bagnall et al. 2013) hat keinen Eintrag zu Solinus.

Angesichts der großen Bedeutung von Solinus’ Collectanea für das „Weltwissen” in Spätantike, Mittelalter und früher Neuzeit scheint die Vernachlässigung des Werks in der Altertumswissenschaft nicht angemessen. Doch ist es möglich, fast alle Gelehrten, die in den letzten Jahren überhaupt Untersuchungen zu Solinus begonnen oder bereits publiziert haben, an einen Tisch zu bringen, um laufende Projekte zu diskutieren und abzustimmen, Forschungsdesiderate zu identifizieren und neue Studien anzuregen. Diese Möglichkeit soll im Juni 2013 in der Forschungsbibliothek Gotha, einem Teil der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha, ergriffen werden, deren großer Bestand an frühen Editionen der Collectanea seit dem 15. Jh., die während der Tagung den Teilnehmenden zugänglich gemacht werden.

Darstellung der Bedeutung der Veranstaltung für die beteiligten Fachgebiete

In seinen Collectanea feiert Solinus den Ruhm der Stadt Rom: Das Werk beginnt mit der urbs Roma caput (Pr. 1,1) und bietet umfangreiche Informationen über die römische Frühgeschichte, über den Kalender und seine Reformen bis Caesar und Augustus sowie zur Anthropologie (1). Anschließend erklärt es die Welt und ihre Wunder (2-56) in der altvertrauten Form der Wiedergabe geographischer Daten in einem Periplus (circumvectio), einer Küstenfahrt. Nach Rom beschreibt Solinus zunächst Italien (2-6), Griechenland und seine Inseln (7-11), Thrakien und Skythien (12-19), Germanien, Gallien, Britannien und Hispanien (20-23), dann Afrika von Mauretanien über Libyen bis Ägypten (24-32), Arabien, Syrien und Persis (33-37), Kleinasien von Kilikien bis Kappadokien und Baktrien (38-45), Assyrien, die Serae (Chinesen), Indien, Taprobane (Sri Lanka), Parthien und Chaldaea (46-55), schließlich Äthiopien, Westafrika und seine Inseln (56). Solinus’ Werk umfasst also die ganze antike Welt von Rom bis zu den Inseln der Seligen.

Zur Entstehungszeit bieten einen terminus post quem der letzte im Werk (29,3) erwähnte römische Kaiser, Vespasian (imp. 69-79 n.Chr.); der erste verlässliche terminus ante quem sind Zitate aus Solinus’ Werk bei Ammianus Marcellinus (325/330 - nach 391 n.Chr.; s. Cichocka 1975) und bei seinem Zeitgenossen Maurus (oder Marius) Servius Honoratius (Paniagua Aguilar 2007). Einige Handschriften nehmen später Bezug auf eine unter Kaiser Theodosius II. (imp. 408-450 n.Chr.) gefertigte Abschrift. In der Spätantike und im Mittelalter fanden Solinus’ Collectanea viel Beachtung: Augustin verwendete es im 5. Jh. ebenso wie Marcianus Capella, Priscian in seiner Übersetzung des Dionysios Periegetes und Isidor (Gasti 1988)  in seinen enzyklopädischen Etymologiae, und im 6. und 7. Jh. gehören Aldhelm und Beda Venerabilis zu den Nutzern des Werkes. All diese Bezugnahmen auf Solinus’ Werk sind älter als die frühesten erhaltenen Abschriften: Über 250 Codices (Milham 1983) bewahren Solinus’ Werk und zeugen von der hohen Bedeutung, die man ihm ein Jahrtausend lang zumaß. Die früheste Druckausgabe stammt aus dem 15. Jh. und fand zahlreiche Nachahmer: Allein die Forschungsbibliothek Gotha verfügt über weit über 50 vormoderne Druckausgaben.

Die bis heute maßgebliche kritische Edition stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird Theodor Mommsen (1817-1903) verdankt. Sie beruht auf Vorarbeiten von Karl Ludwig Roth (1811-1860) und Gustav Parthey (1798-1872), auf Autopsie von Codices und auf Kollationen vieler anderer Gelehrter aus Mommsens großem Netzwerk von Mitarbeitern. Mommsen hielt zwar sehr wenig von Solinus, brachte aber in einem „Akt der Selbstverleugnung” (Weymann 1896, 911) zwei Auflagen seiner Edition (1864, 1895) heraus, die trotz des seitherigen Bekanntwerdens von weiteren hundert Codices seit mehr als einem Jahrhundert nicht ersetzt worden sind.

Solinus führt 68 verschiedene Autoren an, die er benutzt habe - sicher nicht alle aus erster Hand. Zwei Urheber geographischer Bücher jedoch bleiben unerwähnt, sind aber längst als Solinus’ Hauptquellen erkannt worden: Pomponius Mela, dessen Werk 43/44 n.Chr. entstand, und das enzyklopädische Werk des eine Generation später wirkende Plinius d. Ä. Ja, der niederländische Gelehrte Gerardus Iohannes Vossius (Gerrit Janszoon Vos, 1577-1649) stellte 1627 fest, Solinus habe „so viel aus Plinius kopiert, dass er als ‚Plinianischer Affe‘ bezeichnet zu werden verdiene“ (tam multa ex Plinio exscribit, ut etiam ‘Pliniana simia’ dici meruerit). Die Quellenforschung des 19. und 20. Jahrhunderts hat vor über vier Jahrzehnten Hermann Walter (1963 und 1969) zusammengefasst und erweitert. Doch bieten die Collectanea weit mehr als Anlass zu Quellenforschung (vgl. dazu zuletzt Schmidt 1995, Bedon 2004).

Einige wenige Einzelstudien sind neuerdings bemüht, dem Werk gerechter zu werden. Einzelstudien zur Überlieferungsgeschichte der Collectanea (von Büren 1996 und 1997), zu einer in Solinus’ Werk genannten Person (Fernandez Nieto 2011) und einer Region (Bianchetti 1992), zur gegenüber Plinius veränderten Weltdarstellung (Brodersen 2011) und zur Wirkung der Collectanea (Gasti 1988, von Martels 2003a und b) liegen bereits vor. Ferner sind neue Übersetzungen bzw. zweisprachige Ausgaben ins Deutsche (Brodersen), Englische (Romer, Wilson) und Französische (Bedon) geplant.

Die meisten neuerdings zu den Collectanea forschenden Gelehrten hat die Tagung an der Forschungsbibliothek Gotha zusammengeführt, um laufende Projekte zu diskutieren und abzustimmen, Forschungsdesiderate zu identifizieren und neue Studien anzuregen.

Eine Publikation der erweiterten und revidierten Vorträge ist erschienen: http://verlag-antike.de/va/titel/978-3-938032-86-2

Summary

(cf. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4979)

 

The conference first looked at Solinus' Collectanea as a "fluid" text. Felix Racine (St Andrews) examined the messy textual transmission of Solinus' Collectanea in late antiquity and the early Middle Ages, as well as the impossibility of creating a traditional edition on the model of Mommsen's. He rather agreed that the great number of surviving manuscripts make this text particularly suited to an edition made according to the principles of the 'new philology' movement, which seeks to present various manuscripts within their intellectual context. Using evidence from Carolingian era, this presentation also shows insights that can be gained from identifying circles of readers of Solinus, as well as the relationship between the Collectanea and texts copied in the same manuscripts.

Solinus' sources have been studied intensively in the past, but there is still room for further thoughts: Thomas Hillard (Sydney) examined parallel passages in Pliny's Natural History and in Solinus' work dealing with items of a prosopographical nature, showing that close resemblances - often verbatim - demonstrate an unmistakable relationship between the material. However, a number of cases where Solinus augments - correctly - the relevant nomenclature indicate that Solinus was not dependent upon Pliny's work. Hillard argued that both Pliny and Solinus transmit items that came into their hands from an ultimate common source in a close but occasionally divergent fashion; this in turn indicates that Solinus preserves valuably independent data. Arwen Apps (Sydney) examined Solinus and source citation in general. She showed that much has been written (but little definitively concluded) regarding the exact literary antecedents of Solinus' book. She did not grapple with these complex textual arguments, but explored Solinus' relationship with his sources in more general terms. How did Solinus think about his source material? And in terms of source material, what did Solinus perceive his job as an author to be? These questions were discussed via an examination of the first dedicatory letter and the explicit citations in the Polyhistor. A third paper, by Robert Bedon (Limoges), was read by Kai Brodersen, it argued that the chorography of Titianus the Elder is a very likely source of Solinus.

Special interest was focussed on Solinus as an author. Frank Romer (Greenville, NC) studied Solinus and the myth(s) of empire. He showed that Solinus, unlike his models, privileged Rome and problematized history, imperial ideology, and time. Roman calendars regulate religious life and form cultural memory, but many cults and customs antedate the city, leaving certain ambiguitates (1.7; cp. the Parilia at 1.19.) Solinus included the history of Caesar's astronomically-based calendar (1.34-52), which surpassed Egyptian and Greek science (1.34) and embodied Roman imperium: Caesar mastered time through control of foreign knowledge, and Roman power extended over heaven and earth. Astronomy underlies the celestial plagae whose counterparts Solinus innovatively described on the earth's surface (2.48, etc.). Readers form mental images of Roman history, much as they do of a mental world map (however imperfect). Caroline Belanger (Ottawa) examined Solinus' success in bridging popular and didactic literature. She examined the ways in which Solinus enriches authoritative tradition with appealing elements to create a work that concurrently informs and amuses the reader. Special attention was given to Solinus' authorial comments on his purpose in the opening letter and throughout the text, and to the questions of genre and readership. Finally, she showed that one ancient reader, Augustine, associates the type of work that Solinus wrote with curiositas, a notion whose presence in Solinus' preface and in the larger cultural context of his age deserves close attention. Finally, Zweder von Martels (Groningen) spoke on the limits and limitations of Solinus' bratteae eloquentiae. He showed that according the dedication letter of Solinus's work, the author wanted his readers to believe that he placed contents (fermentum cognitionis) above eloquence (bratteas eloquentiae). These words do not mean that the rules of rhetoric were neglected by him. At the contrary, the dedication letter provides many examples of the author's acquaintance with the rules of rhetoric and shows that we must look with different eyes at him. The same is true, as von Martels argued, for the contents of the work itself. Solinus followed several strategies in order to attract the attention of readers. One of these is the use of amplification, and vivid language aiming at visualization. This technique can be connected with specific rhetorical training exercises used at schools, shedding new light on Solinus.

The reception of Solinus is a field which deserves further study, as the conference amply demonstrated. Felix Racine (St Andrews) studied Solinus and late Roman schools. He examined the use of Solinus' Collectanea as a source of information by school authors for the later Roman empire, from Servius and Martianus Capella in the early 5th century to Priscian in the 6th century. He studied the relationship between Solinus' project, the contents of the Collectanea and its mode of presentation and customary geographical instruction in Roman schools. Also, he studied school authors' attitudes toward Solinus, including Martianus Capella who saw him as an expert on the geography and ethnography of the East, and Priscian who saw him as a model of good Latin usage. David Paniagua (Salamanca) studied Solinus and late antique Christian Literature. He showed that Johannes Camers in the Vita Solini opening his In C. Iulii Solini Polyhistora enarrationes (1520) remarked that Jerome of Strido, Ambrose of Milan and Augustine of Hippo, had often reproduced information from Solinus' Collectanea. Camers' statement became communis opinio and was repeated over and again, until Mommsen's second edition was published and Camers' statement rejected, since no one had been so far to demonstrate that any passage by Jerome or Ambrose has been taken from Solinus. Paniagua first explored whether there are reasons to back Camers or not, and then paid attention to the third element of his "Christian triad": Augustine's use of Solinus' work was revisited to give an answer to the questions when, how and for what purpose did Augustine read Solinus. Finally, Paul Dover (Kennesaw) asked how Heinrich Bullinger and Joachim Vadian read their Solinus. Dover examined the reading of classical geography among two humanists who spearheaded the Swiss Reformation in and around Zurich in the first half of the 16th century. He did so through an examination of the annotations these humanist readers left in their copies of Solinus. Within this reasonably small world of the Swiss reformed community, the connections between these leading reformers created sodalities committed to a reformed brand of humanism of distinctly Erasmian flavour; their interests included classical geography and cosmography. Both Heinrich Bullinger, the successor to Huldrych Zwingli as pastor at the Grossmünster in Zürich and a major figure in pan-European Reform Christianity, and Joachim von Watt (more commonly known as Vadian), the humanist polymath who led the reform in nearby St Gallen, owned and glossed editions of Solinus' work. The marginal notes left by these readers include examples of humanistic philology, extensive cross-referencing with a vast array of texts that formed part of their humanistic formation, and a number of personal asides reflecting their own circumstances at the time of their reading. These annotations reveal that they read Solinus as a resource, if not a guide, for their broader geographical interests. But they also occasionally betray a critical attitude to what they read. This shared interest in classical geography among this interconnected association of humanists demonstrates that the interests of early humanists indeed extended into the realm of the natural and geographic knowledge of antiquity, and testifies to the enduring popularity of Solinus' work in the surprising humanist ferment of the Swiss lands in the 16th century, even amid the increasingly critical attitude toward classical, narrative geography, evidenced in the marginal comment added by Rudolf Gwalther, the successor to Bullinger in the Zurich Grossmünster , to his own copy of Solinus in 1539: Geographia sine picture muta est.

Among the active respondents were Barbara Pavlock (Bethlehem, Pennsylvania), Veit Rosenberger (Erfurt), Karin Schlapbach (Ottawa), and Lutz Spitzner (Mannheim). The lively conference, which showed that Solinus rewards the study of his text, his sources, his position as an author, and his "Nachleben", will be the foundation for a book to be published in 2014.

 

Liste der Referentinnen und Referenten und ihrer Vortragsthemen

Solinus' Collectanea as a „fluid“ text

- Felix Racine (St Andrews): Solinus' Collectanea as a "fluid" text

Solinus' sources

- Thomas Hillard (Sydney): Shared prosopographical items in Solinus and Pliny
- Arwen Apps (Sydney): Solinus and Source Citation
- Robert Bedon (Limoges, read by Kai Brodersen): A very likely source of Solin: the chorography of Titianus the Elder

Solinus as an author

- Frank Romer (Greenville, NC): Solinus and the Myth(s) of Empire
- Caroline Belanger (Ottawa): Solinus' Success: Bridging Popular and Didactic Literature
- Zweder von Martels (Groningen): The limits and limitations of Solinus' "bratteae eloquentiae"
{- Kai Brodersen (Erfurt): Solinus and Censorinus on the human condition}

The reception of Solinus

- Felix Racine (St Andrews): Solinus and late Roman schools
- David Paniagua (Salamanca): Solinus and late antique Christian Literature
- Paul Dover (Kennesaw): How Heinrich Bullinger and Joachim Vadian read their Solinus

Weitere Teilnehmende

- Barbara Pavlock (Bethlehem, Pennsylvania)
- Veit Rosenberger (Erfurt)
- Karin Schlapbach (Ottawa)

Tagungsprogramm

Freitag, 21.6.2013

    Anreise
    15 Uhr: Bibliothek, Sonderlesesaal: Frühneuzeitliche Drucke der Collectanea
    17 Uhr: Solinus' Collectanea as a „fluid“ text
    Abend zur freien Verfügung

Samstag, 22.6.2013

     9 Uhr: Solinus' sources
    Mittagspause (12:30 im Pagenhaus, Tel. 03621 403612)
    14 Uhr: Solinus as a contemporary
    17 Uhr: Research Agenda – Round table
    Abendessen (19:00 im Ratskeller, Tel. 03621 512594)

Sonntag, 23.6.2013

     9:30 Uhr: The reception of Solinus
     Mittagessen im Pagenhaus
     Abreise

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