Universität Erfurt

Slawistische Literaturwissenschaft

Lehre

Lehrveranstaltungen widmen sich der russischen, tschechischen und polnischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Einem Schwerpunkt von Prof. Meyer liegt in der Romantik und dem Spätstalinismus. Ein besonderer Fokus der Erfurter slawistischen Literaturwissenschaft ist auf die Literaturtheorie gerichtet, vor allem auf Theorien aus den slawischen Ländern und deren Geschichte. 

Bachelor- oder Magisterarbeiten von Studierenden der Uni Erfurt können zu selbstgewählten Themen aus der russichen, polnischen oder tschechischen Literatur abgefasst werden. Eine intensive und persönliche Betreuung macht der relativ kleinen Fachbereich möglich. Weitere Promotionsvorhaben zu den genannten Literaturen, evtl. in komparatistischer Perspektive oder zur slawischen Literatur- und Kulturtheorie sind willkommen und werden unterstützt.

Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2017

Der Petersburger Text in der Moderne

Prof. Dr. Holt Meyer

donnerstags 16-18 Uhr

Dieses Seminar beschäftigt sich mit dem Problem „Petersburg“ in der russischen Literatur ab dem 18. Jahrhundert, und zwar in zweierlei Hinsicht: 1. Im Nachzeichnen des „Petersburger Textes“ des 19. Jahrhunderts, der vor allem in den Schriften Puškins, Gogol’s und Dostoevskijs zu sehen ist und von Vladimir Toporov theoretisch beschrieben wurde. 2. Im Hinarbeiten zum Roman „Petersburg“ von Andrej Belyj, einen Klassiker der späten Moderne im frühen 20. Jahrhundert. Dieses Seminar bildet den Abschluss des 4-teiligen Zyklus zur Geschichte der russischen Literatur im 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Briefe nicht über die Dichtung: künstlerische Literatur von Theoretikern

Prof. Dr. Holt Meyer

donnerstags 16-18 Uhr

In dieser Lehrveranstaltung werden wir uns mit dem Phänomen des Theoretikers befassen, der auch künstlerische Texte schreibt. Aus der russischen Literatur sind die prominentesten Beispiele die Formalisten Viktor Šklovskij und Jurij Tynjanov, und diese sind ein Teil des Paradigmas, von dem wir ausgehen. Wir werden aber eine weitreichende (europäische) vergleichende Perspektive einnehmen, welche auch ‚belletrisierende’ theoretische Schreibweisen einbezieht, und hier wird Jacques Derridas „Die Postkarte“ neben einiger Schriften von Roland Barthes tonangebend sein. Der Fall Milan Kundera wird uns auch beschäftigen.

Das sowjetische Puškin-Denkmal

Prof. Dr. Holt Meyer

mittwochs 10-12 Uhr

In diesem Seminar werden wir das sowjetische Puschkindenkmal analysieren, und zwar aus der Sicht von 1. Stalinistischer Monumentalität; 2. Der Geschichte des Puschkinkults im Stalinismus nach dessen Beginn 1936 (und damit der Vergleich zur Denkmalarbeit vor dieser Zeit); 3.der Beziehung zwischen Text und Visualität; 4. der Vergleich zwischen dem Denkmal und anderer Medien des Kults; 5. der Topographie des Denkmals. Mit Blick auf den letzten Punkt werden wir insbesondere das 1957 enthüllte Denkmal auf dem Platz der Künste in Leningrad studieren, auch als Ausdruck der ‚zweiten Welle’ des Puschkinkults ab dem Jahre 1949. Wir werden auch der Frage nachgehen, wie diese Ereignisse Teil bzw. Versuch der Beendigung des "Petersburger Textes" sind.

Schizophrene Historiografie: Bohumil Hrabals Prosa

Prof. Dr. Holt Meyer

donnerstags 10-12 Uhr

Das literarische Wirken Bohumil Hrabals, das sich über sechs Jahrzehnte sehr bewegter tschechischer bzw. tschechoslowakischer Geschichte erstreckt, ist mit der Möglichkeit und den Modi der Aufschreibung der Geschichte eng verbunden. Spätestens mit der Machtübernahme des totalitären Staatssozialismus im Februar 1948 beginnt eine Spaltung im Geschichtsbewusstsein, die man über die folgenden 40 Jahre der Existenz dieses Regimes und darüber hinaus verfolgen kann. Diese Spaltung ist der Gegenstand unserer Lehrveranstaltung.

Die textuellen Schwerpunkte dieser Lehrveranstaltung bilden: 1. Der ‚Kain-Komplex’, der ab der frühen 50er Jahre verschiedene Formen annimmt, die bis zum Text Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht (Ostře sledované vlaky) und dessen Verfilmung Mitte der 60er Jahre reichen; 2. einzelne Erzählungen von Verkaufe Haus, in der ich nicht mehr wohnen will (Inzerát na dům, ve kterém už nechci bydlet), insbesondere “Verrat der Spiegel” (Zrada zrcadel) über die Demontage des weltgrößten Stalin-Denkmals in Prag 1962; 3. Die sog. “autobiographische Trilogie” der 80er Jahre, in der die Zeit (50er und 60er Jahre) in der Wohnung Na Hrázi 24 in Praha-Libeń aus der Perspektive der Ehefrau des Autors-Protagonisten aufgezeichnet wird – v.a. der letzte Text Proluky; 4. Die ‚Selbst-Aufzeichnung’ „Wer ich bin“. Mögliche weiteren  Lektüren bilden der Roman Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglickêho krále) und die Boudnik-Marysko-Bondy-Texte, in denen die formative Männerfreundschaft mit zwei großen Künstler aufgezeichnet wird, die auch ein Medium ist, um über die Medien der Kultur-Geschichtsaufschreibung nachzusinnen. Tonangebend wird die Nachzeichnung der Bedeutung der Schriften Roland Barthes’ für Hrabals Schreiben sein. Insbesondere der letzte Punkt ermöglicht einen Einblick in eine Methodologie zum Studium eines gespaltenen Geschichtsbewusstseins und einer gespaltenen Geschichtsaufschreibung.

Mähren archivieren: Die Sammlung Teufel

Prof. Holt Meyer

freitags 10-12 Uhr

In diesem MA-Seminar werden wir uns mit der Sammlung von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen befassen, die Dr. Helmut Teufel der Universitätsbibiliothek Erfurt geschenkt hat, beschäftigen. Wir werden uns mit den Besonderheiten und den Schwerpunkten der Sammlung befassen (z.B. böhmischen und insbesondere mährischen Judaica). Die Materialen zum ersten Präsidenten der Tschechoslowakei  Tomáš Garrigue Masaryk (1850-1937), die sehr bedeutend sind, werden im Mittelpunkt stehen. Da Brünn, die bedeutendste Stadt in Mähren, der Ausgangspunkt der Sammlung ist werden Brünn und Mähren als Sammlungsort und als Gegenstand der Materialien ein wichtige Rolle spielen. Der Stifter der Sammlung, Dr. Helmut Teufel wird in der Veranstaltung auftreten, sowie Vertreterinnen der Universitätsbibiliothek Erfurt. 

Deutsche Russlandreisende

Dr. Holger Baumann

dienstags 14-16 Uhr

1692-94 bereist der Erfurter Heinrich Wilhelm Ludolf Russland. Im Ergebnis der Reise erscheint 1696 in Oxford die erste Russischgrammatik. Eine Sonderausgabe widmet HWL dem Zaren Peter. Wir wollen uns mit Ludolfs Reise und seiner Grammatik befassen. Besonderes Interesse gilt dem Gesprächsteil und Landeskundeteil der Grammatik. 1937 gibt Boris Larin die Grammatica Russica in Leningrad neu heraus, mit einer russischen Übersetzung - diese Arbeit beziehen wir mit ein.

Ein weiterer Russlandreisender, der Erwähnung finden soll: Alexander von Humboldt, der 1829 Russland und Sibirien bereist und auf seiner Reise eine russische Wortsammlung anfertigt.

Für die Gegenwart legen wir einen Schwerpunkt auf die Reise mit der Tanssibirischen Eisenbahn. Der erste deutsche Reisende war 1903 Eugen Zabel ("Auf der sibirischen Bahn nach China" Berlin 1904). 2006 folgte ihm der Lehrende dieser Lehrveranstaltung.

Veranstaltungssprachen sind Deutsch und Russisch (Russisch mindestens A1).

Verwundbare Landschaften und zerklüftete Körper

Dr. des. Nora Schmidt

dienstags 16-18 Uhr

Stefan Żeromski schrieb große polnische Literatur als es kein souveränes Polen gab: Die Vergewisserung darüber, was kulturell Polen und polnisch ist, wird in der Literatur verhandelt ebenso wie das, was Polen sein könnte. Die fesselnden und zugleich besonders poetischen Romane Żeromskis geben den Ansichten der jüngeren Generation eine Stimme, die zugleich vom inneren Kampf zwischen Adoleszenz, Ehrgeiz und Liebe, dem Kampf gegen die Alten und Traditionen und das Aufbegehren gegen Konservatismus zeugen. In diesem Sinne versucht das Seminar eine Neulektüre Żeromskis, dessen Romane bisher vor allem als historische gelesen wurden. In der Spannung zwischen Sujetfügung und literarischen Moden, wie im Bruch mit Darstellungsmustern des Feudalsystems und des Krieges, zeigt sich die literarische Innovation dieser Literatur ganz zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie verschränkt Landschaftsbeschreibung mit Körperdarstellungen und führt den Prozess der Nationsbildung mit der Verwundung und Heilung des Körpers eng. Überraschend aktuell sind politische Themen wie Genozit, Kriegverbrechen und Flucht, überwältigend die Landschaftsbeschreibungen jenseits des Visuellen und überraschend modern die Fokussierung des Körpers.

Im Seminar lesen wir Auszüge aus den auch auf Deutsch vorliegenden Romanen, die ich Ihnen in Vorbereitung auf das Seminar (in Auswahl) zur Lektüre empfehle: Vorfrühling, In Schutt und Asche, Die Heimatlosen, Der getreue Strom. Es wird erwartet, dass Sie die literarischen Textauszüge im Umfang bis zu 100 Seiten für die jeweilige Seminarsitzung lesen. Daran werden verschiedene Verfahren der Textarbeit eingeübt, weshalb Ihre Anwesenheit im Seminar für eine erfolgreiche Prüfungsleistung wichtig ist. Außerdem baut der Seminarplan eine zusammenhängende Argumentationskette auf, die nur durch Teilnahme erfasst werden kann. Zusätzlich (und fakultativ) werden wenige Theorietexte zur Vertiefung angeboten. Der Seminarplan sieht zur Kontextualisierung zwei Filmscreenings mit Diskussion vor.

Prüfungsleistungen können Referate mit schriftlicher Ausarbeitung oder Hausarbeiten sein.

Fremdsprachenkenntnisse Polnisch sind sehr gern gesehen, werden aber nicht vorausgesetzt.

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