Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Dr. Jean-Marc Tétaz

Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien

Postfach 900 221

99105 Erfurt

 

 

 

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Vita

Publikationen

Aufsätze über Ricoeur:

  • La métaphore entre sémantique et ontologie. La réception de la philosophie analytique du langage dans l’herméneutique de Paul Ricœur (PDF)
  • L’identité narrative comme théorie de la subjectivité pratique. Un essai de reconstruction de la conception de Paul Ricœur (PDF)
  • L’herméneutique biblique comme problème philosophique (PDF)

 

Forschungsprojekt

Die Konstitution des ethischen Subjekts bei Paul Ricœur

Der Rang der philosophischen Anthropologie Paul Ricœurs, so wie er sie abschließend im Soi-même comme un autre (dt: Das Selbst als ein Anderer) dargelegt hat, besteht nicht zuletzt darin, dass Ricœur zwei philosophisch-systematische Fragen eng verknüpft hat. Die Studien 1-6 sind der Konstitution des Selbst als sprach-, handlungs- und verantwortungsfähigen Subjekts gewidmet, während die Studien 7-9 sich mit der Begründung und Durchführung einer Ethik des guten Lebens für eben dieses Subjekt beschäftigen. Den Schnittpunkt beider Fragestellungen bildet die Theorie der narrativen Identität, deren Grundlage Ricœur in dem dreibändigen Werk Zeit und Erzählung gelegt hatte. Die narrative Identiät läßt nämlich das Selbst erscheinen als eines, das sich selbst Verantwortung zuschreiben kann und der ethischen und moralischen Selbstbeurteilung zugänglich ist. Das Selbst als Subjekt von Verantwortung und ethischer Selbstbeurteilung ist demzufolge der ethisch-moralischen Stellungnahme und Qualifizierung fähig.

Zwei Punkte seien dazu noch kurz erwähnt, die den Gegenstand des zu bearbeitenden Projekts umreißen. Der erste betrifft die philosophische Methode, der Ricœur sich spätestens seit dem Abbruch seines ursprünglichen Projekts einer Philosophie de la volonté bedient. Sie lässt sich nur unscharf als hermeneutisch charakterisieren. Denn die Pointe von Ricœurs manchmal verwirrend umständlichen Erörterungsstil besteht ja gerade darin, mit den Mitteln einer hochkomplexen, sowohl die strukturalistischen und poststrukturalistischen Sprach- und Literaturtheorien wie auch die zeitgenössischen sprachanalytischen Arbeiten einbeziehenden Synthese, eine Texttheorie zu entwickeln, die ihm die systematischen Mittel an die Hand gibt, die klassischen Probleme einer hermeneutischen Anthropologie (wie sie im ersten Teil von Sein und Zeit vorliegt) neu und präziser in Angriff zu nehmen. Der Verwurzelung in der hermeneutischen Tradition bleibt Ricœur aber insofern treu, als seine Hinwendung zu einer Theorie des Subjekts in Soi-même comme un autre ausdrücklich die Form einer Philosophie des Selbst annimmt, der es darum geht, die Bedeutung der Selbstverhältnisse für die Konstitution des menschlichen Individuums aufzuklären, ohne deswegen das Subjekt zu einer absoluten Begründungsinstanz zu stilisieren. Die Philosophie des Selbst ist also die Erbin der hermeneutischen Kritik eines sich selbst ermächtigenden Subjekts. Der Umweg über die Texttheorie dient nicht zuletzt der methodischen Absicherung dieser Entmachtung: Das Subjekt, das seine Identität narrativ konstruiert, weiß sich als ein solches, das weder der Urheber noch der Verfasser seines Lebens ist.

Der zweite Punkt betrifft die Verbindung und die Spannung zwischen philosophischer und theologischer Subjekttheorie. Soi-même comme un autre geht auf die Gifford-Lectures des Jahres 1986 zurück. Diese Vorlesungen schlossen mit zwei Kapiteln über die religiöse Konstitution des Selbst ab, die aus systematischen Gründen in der Buchfassung ausgeschieden und als Aufsätze separat erschienen sind (jetzt in: Amour et justice, Paris, Points-Seuil, 2008). Auch in diesen Texten bleibt Ricœur seinem hermeneutischen Zugriff treu. Die systematische Pointe dieser theologischen Texte dürfte darin zu finden sein, dass die religiöse Dimension die Zerbrechlichkeit der narrativ konstituierten Selbstidentität keineswegs aufhebt, sondern theologisch vertieft und auf Dauer stellt. Man wird wohl darin das doppelte Erbe der frühen Beschäftigung Ricœurs mit Jaspers sowie seiner Rezeption der sog. Dialektischen Theologie sehen. Wiederum bleibt dies nicht folgenlos für die Frage nach dem Objekt der Ethik. Die Funktion der Religion besteht eben nicht darin, das gesellschaftlich Gute in der Transzendenz zu begründen, sondern im Gegenteil, die normativ-institutionellen Formen des Guten (Gerechtigkeit und politische Macht) radikal infrage zu stellen. Erst durch diese theologische Erschütterung hindurch ließe sich Ricœur zufolge ein ihrem Anspruch genügender moralischer Universalismus formulieren, der wohl deswegen immer ein Gegenstand der Hoffnung bleiben wird und eben darum auf die Mittel der religiösen Einbildungskraft nicht verzichten kann.

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