Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Alexander Zinn

ehemaliger Gastkollegiat am Max-Weber-Kolleg

Vita

Alexander Zinn, geboren 1968 in Berlin, ist Diplom-Soziologe und Journalist. 1995 schloss er sein Studium der Soziologie an der Freien Universität Berlin mit einer Diplomarbeit über die "Soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten" ab, die sich mit dem Homosexuellenbild in der Propaganda der antifaschistischen Exilpresse, aber auch mit Fragen der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung auseinandersetzte. Zinn ist Autor verschiedener Publikationen zum "Dritten Reich" und zu den Ursachen und der Prävention von Homosexuellenfeindlichkeit.

Forschungsprojekt

"Aus dem Volkskörper entfernt"? Alltag und Verfolgung homosexueller Männer im "Dritten Reich"

Über Jahrzehnte tabuisiert, rückt die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung erst seit den 90er Jahren ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit. Auch die historische Forschung tat sich lange schwer mit dem Thema. Inzwischen liegt zwar eine ganze Reihe von Detail- und Regionalstudien vor, insbesondere zur Situation in einigen Großstädten. Woran es jedoch mangelt, sind überregionale Untersuchungen, die einen Überblick über Alltag und Verfolgung Homosexueller im „Dritten Reich“ geben. Diese Lücke zu schließen, dazu soll meine Studie beitragen, an der ich seit 2010 gearbeitet habe und die nun abgeschlossen ist. Im Fokus stand dabei nicht nur die Verfolgungspolitik der Machthaber, die sich in den Jahren der NS-Herrschaft immer weiter radikalisierte, sondern auch die Rolle von Polizei, Justiz und Bevölkerung sowie – nicht zuletzt – die der Betroffenen selbst.

Konzentrierte sich die Aufarbeitung der Homosexuellenverfolgung bislang auf das wahnwitzige Verfolgungsprogramm der Gestapo und dessen Opfer, so nimmt meine Studie verstärkt die Probleme in den Blick, die es bei der praktischen Umsetzung gab und fragt nach den Auswirkungen auf das alltägliche Leben. Mit welchem Elan setzten Polizei- und Justizbehörden den 1935 verschärften § 175 des Strafgesetzbuches durch, der die „Unzucht“ unter Männern mit Gefängnis bedrohte? Wie viele Homosexuelle gerieten in das Visier der Verfolgungsbehörden und wie hoch war der Anteil derjenigen, die sich einer Bestrafung entziehen konnten? Wie reagierte die Bevölkerung und welche Spielräume gab es – trotz alledem – für homosexuelles Leben?

Im Laufe meiner Arbeit zeigten sich teilweise überraschende Resultate: Anders als gemeinhin angenommen, klafften Anspruch und Wirklichkeit der Verfolgungspolitik oft eklatant auseinander. Die radikale Rhetorik, mit der SS und Gestapo versuchten, den Verfolgungseifer anzuheizen, täuscht leicht darüber hinweg, dass es bei der praktischen Umsetzung massive Probleme gab. Denn nicht immer erwiesen sich die regulären Polizei- und Justizbehörden als die ‚willigen Vollstrecker‘, als die man sie heute oft wahrnimmt. Und auch die Bevölkerung arbeitete dem Verfolgungsapparat keineswegs in dem Maße zu, wie es bislang meist unterstellt wurde.

Meine Studie soll denn auch dazu beitragen, eine differenziertere Perspektive auf die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung zu gewinnen. Dazu gehört auch eine kritische Betrachtung der Überschneidungen von NS-Bewegung und Homosexuellen-szene. Dass sich SS-Chef Heinrich Himmler mit der von ihm konzipierten Verfolgungspolitik durchsetzen konnte, war kein Selbstläufer, sondern das Ergebnis eines harten Machtkampfes, der im Juli 1934 in der Ermordung des homosexuellen SA-Stabschefs Ernst Röhm gipfelte. Die Verschwörungstheorie einer Unterwanderung des NS-Staates durch Homosexuelle, mit der die Verfolgung gerechtfertigt wurde, ist ohne dieses Vorspiel ebenso wenig verständlich wie der daraus resultierende Verfolgungseifer Himmlers und der Gestapo.

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