Teilprojekte

Dr. Benjamin Bunk

"Bildung, Biographie und Bewegung(en) – Bildungsprozesse zwischen pädagogischem Bezug und sozialen Voraussetzungen am Beispiel der brasilianischen Landlosenbewegung"

Das geplante Forschungsvorhaben zielt auf eine Vertiefung und Weiterentwicklung eines bildungstheoretischen Zugangs zu Sozialen Bewegungen mit qualitativen Forschungsmethoden und ist zunächst auf einen Forschungsaufenthalt im Ausland angelegt. Angedacht ist dieser erste Schritt als Vorbereitung eines umfassenderen, vergleichend angelegten Forschungsprojektes.

Eine bildungstheoretische Perspektive betrachtet Soziale Bewegungen im Kontext der internationalen Bewegungsforschung als soziale Praxis, an der Menschen teilhaben - die Sie gestalten aber mittels welcher Sie auch werden (lernen). Sie fragt danach, wie in ‚Bewegungsräumen‘ individuelle Bildungsprozesse ermöglicht, herausgefordert, dynamisiert, geprägt oder verhindert werden und dem gegenüber welche besonderen Mechanismen und Strukturen diese bedingen. Dieser Zugang steht innerhalb der Bewegungsforschung neben anderen, die primär nach den gesellschaftlichen Ursachen oder politischen (Aus)Wirkungen Sozialer Bewegungen fragen. Zugleich erlaubt eine solche Betrachtung auch die Vermittlung, Stabilisierung oder Destabilisierung von Normen einerseits, und andererseits die individuelle Bindung an solche Normen mittels Protesterfahrungen, Politisierungsprozessen in Bewegung und durch Protestereignisse in den Blick zu nehmen. Ausgehend von dem Phänomen Sozialer Bewegung und einhergehend mit einem angemesseneren Verständnis von Bildungsprozessen in Bewegung – so zumindest die längerfristige Idee, ermöglicht dieser Ansatz die Rolle von Sozialen Bewegungen als Vermittler im Kontext von kulturellem Wandel und zwischen Individuum und Gesellschaft anders zu verstehen. 

Im Vordergrund des Vorhabens steht zunächst die Untersuchung Sozialer Bewegungen als Räume für individuelle Bildungsprozesse, und damit einhergehend die systematische Rekonstruktion variierender, individueller Verarbeitungsmuster von sozialen und normativen Strukturen in Bewegung(en). Ausgehend von dem Zusammenhang von Bildung und Bewegung, bzw. der allgemeinen Frage „Wie werden Menschen in Bewegung?“, konkretisiert sich dieses Vorhaben einerseits in Fragen nach „Wie gestalten oder bedingen Bewegung(en) Handlungen, Handlungsformen und Handlungszusammenhänge“, „Wie werden deren Reflexion und die Ausbildung von Eigensinn selbst erfahren“ oder weiterführend auch „Wie unterscheiden sich aus solcher Perspektive unterschiedliche Bewegungen, als auch Formen des Protestes“?

Andererseits aber eröffnen sich ausgehend von solch einem konzeptionellen Verständnis zwei neue, spannungsreiche Dimensionen: ‚zeitlich‘ im Bezug zur Biographie und ‚räumlich‘ im Verhältnis zu anderen (Sozial)Räumen und Lebenskontexten. Gebrochen wird diese Systematisierung durch pädagogische Traditionen (selbstreflexive) Bildungsprozesse von Subjekten in einem Spannungsverhältnis zwischen ‚pädagogischem Bezug‘ und dessen ‚sozialen Voraussetzungen‘ als ambivalentes (und offenes) Verhältnis von Aneignung und Vermittlung zu begreifen. Auch hier ist ein wichtiger Anhaltspunkt dieser Konstellation die Frage nach der in und durch Soziale Bewegungen sich (möglicherweise) vollziehenden „lokalen Politisierung globaler Normen“: sei es als vermittelnde Räume lokaler Politisierung, sei es in der individuellen Aneignung solcher Normen im biographischen Bezug oder in der Übertragung angeeigneter Normen aus sozialen Bewegungskontexten in andere (Sozial)Räume.

Zugleich trägt dieser Ansatz in die Bildungsforschung Perspektiven ein, durch die individuelle Verarbeitungsmuster von sozialen Strukturen rekonstruierbar werden. Bildung erscheint dann nicht als der individuierende, selbstreflexive oder autonome Prozess, sondern setzt Handeln in sozialen Beziehungen und Zusammenhängen voraus. Weder erscheint das Subjekt aus dieser Perspektive ausschließlich unterworfen und von sozialen Strukturen bedingt, noch völlig rational handelnd, sondern es eröffnen sich in der Aneignung von Strukturen immer wieder Fenster individueller Reflexion,  Bewusstheit und Transformation. Ein in solcher Art und Weise differenzierender Blick will die Wechselwirkungen, Kopplungen und Dynamiken dieses bi-subjektiven Prozesses zwischen Bildung und Kultur in und durch Bewegungsräume verstehen. Methodologisch ist die Soziale Bewegung (ggfs. Bewegungssituation) zum einen dann der notwendige Rahmen, welcher einerseits die Wechselwirkung dieser Prozesse umgrenzt und andererseits gängige Vorstellungen von Gesellschaft oder Kultur über ihre Relation in Frage stellen vermag. Besonders im pädagogischen Kontext lässt sich zum anderen dieser Bewegungsraum als ein besonderer Modus neben anderen zu verstehen, in welchem sich die sozialen Voraussetzungen als Ermöglichungsgrund von Bildung in charakteristischer Weise zeigen - wobei der Bezug zu diesen Bewegungsräumen zwischen Menschen als auch im biographischen Verlauf variiert und welche sich (vielleicht) aber auch andernorts (nicht) wiederfinden oder (nicht) übertragen lassen, oder zu anderen Zeiten (nicht) in gleicher Weise bedeutsam sind.

So viel – in aller Vorläufigkeit und Kürze – zu den theoretisch-methodologischen Vorüberlegungen. In einem ersten Schritt, treten diese nun in den Hintergrund um mittels methodischer Ansätze der qualitativen Bildungs- und Biographieforschung und am Beispiel der brasilianischen Landlosenbewegung (Movimento dos Sem Terra, MST) der Akteursperpektive und individueller Sinnrekonstruktionen nach-zu-folgen und auf-den-Grund gehen.

Website von Dr. Benjamin Bunk

Dr. Petra Gümplová

"Natürliche Ressourcen in einer globalen Welt"

Staatliche Souveränität und natürliche Ressourcen in der globalen Welt ist ein Forschungsprojekt (Buchprojekt) auf dem Feld der internationalen politischen Theorie. Es analysiert kritisch das gegenwärtige System der Rechte auf natürliche Ressourcen, das in dem völkerrechtlichen System der souveränen Territorialität verankert wird. Das Projekt hat zwei Ziele. Das erste, kritische Ziel ist zu zeigen, dass das gegenwärtige System der Rechte auf natürliche Ressourcen nicht genügend die Staaten und ihre Rechte auf natürliche Ressourcen beschränkt. Es wird demonstriert, dass es nach dem gegenwärtigen System praktisch keine Beschränkungen auf die Nutzung der natürlichen Ressourcen innerhalb der territorialen Grenzen gibt; und dass viele urgente globale Probleme mit im dem gegenwärtigen System der Rechte auf natürliche Ressourcen in Zusammenhang stehen – environmentale Degradation der lebenswichtigen planetarischen Ressourcen und der "global commons" (Atmosphäre, Weltmeere) und eine ungerechte Aneignung und ökonomische Ausbeutung der natürlichen Ressourcen von illegitimen Regierungen in armen, ressourcereichen Ländern. Das zweite, preskriptive Ziel ist, ein neues normatives Konzept der Ressource Gerechtigkeit zu entwerfen. Anhand der Methode der kritischen Theorie des Völkerrechts, das Buch argumentiert für die Verstärkung der Grenzen der staatlichen Souveränität über natürliche Ressourcen; und argumentiert, dass die Extension der Grenzen der staatlichen Souveränität über natürliche Ressourcen mit gültigen Normen und Prinzipien des Völkerrechts konsistent ist.

Website von Petra Gümplová

Marc Holland-Cunz

"Eine soziologische Untersuchung der Antidiskriminierungsberatung"

Lokale Antidiskriminierungsbüros beraten und begleiten die von Diskriminierung Betroffenen in Klärungsprozessen, formulieren Beschwerden, vermitteln Rechtsbeistand oder untermauern Diskriminierungsvermutungen etwa durch sogenannte Testings. Die vermutlich umstrittenen objektiven wie normativen Bezüge, mit denen Diskriminierungsfälle hier verhandelt und „hergestellt“ werden, sollen in meinem Promotionsvorhaben untersucht werden: Was wird überhaupt als (rassistische) Diskriminierung verstanden und wie als Fall etabliert? Unter welchen Bedingungen sind Beschwerden „erfolgreich“ und welche Muster der Auseinandersetzung gibt es im Spannungsverhältnis zwischen dem individualisierten Auftrag durch die Ratsuchenden und einem gesellschaftspolitischen Anspruch?

Als empirische Basis des Vorhabens möchte ich Daten aus jenen Mitgliedsorganisationen im Antidiskriminierungsverband Deutschland (advd) nutzen, die „unabhängige“ Beratung anbieten und rassistische Diskriminierung bearbeiten. Dabei sind mehrere Schritte für die Rekonstruktion von Erfolgs- und Diskriminierungskonzepten sowie von Rechtfertigungs- und Konfliktmustern vorgesehen: 1) Die Erhebung veröffentlichter Dokumente der Beratungsstellen der letzten fünf Jahre (Fallbeschreibungen, Jahresberichte, Konzeptpapiere). 2) Die Durchführung von problemzentrierten Interviews mit Beratenden und ehemaligen Ratsuchenden. 3) Die Erhebung von der Öffentlichkeit zugänglichen Beschwerdebriefwechseln der ausgewählten Stellen. Die Analyse aller drei Datengrundlagen erfolgt zunächst inhaltsanalytisch, ggf. ergänzt durch stärker rekonstruktive Verfahren.

Theoretisch möchte ich mich der Fragestellung zunächst mit dem Instrumentarium der Soziologie der Kritik nähern, das um Luc Boltanski (Boltanski/Thévenot 2007, Boltanksi/Chiapello 2003) entwickelt wurde. Es erlaubt, die normativen und objektiven Bezugnahmen, die Formen der Kompromissfindung wie auch die Konstitution relevanter Subjekte und Objekte in Situationen der Beratung und des gerechtigkeitsorientierten Konflikts um Diskriminierung theoretisch zu fassen und so vermutlich auch die Spezifika der Praxis von Diskriminierungskritik in den Antidiskriminierungsstellen herauszuarbeiten. Dies soll auch theoretische Impulse für die kritische Diskriminierungsforschung liefern.

Website von Marc Holland-Cunz

Dr. Urs Lindner

"Gerechtigkeit als Gleichstellung. Affirmative Action in Indien, den USA und Deutschland"

Die von der Großen Koalition beschlossene Einführung einer Frauenquote in Leitungspositionen börsennotierter Unternehmen hat affirmative action auch in Deutschland (wieder) auf die politische Tagesordnung gesetzt. Dabei sind Beschäftigungsquoten neben Bevorzugung bei gleicher Qualifikation, gruppenspezifisch angepassten Zugangskriterien oder quotierter Vergabe öffentlicher Aufträge nur ein, wenn auch wichtiges Element dieses gleichstellungspolitischen Ansatzes. ‚Positive Maßnahmen‘ – so der deutsche Terminus für affirmative action – wurden in § 5 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz von 2006 ausdrücklich für zulässig erklärt. Auch deshalb stellt sich die Frage: Inwiefern sind Politiken der ‚positiven Diskriminierung‘ bzw. ‚Vorzugsbehandlung‘ anhand von Kategorien wie Geschlecht, Ethnie oder Behinderung ein geeignetes Mittel, um sozio-strukturell verankerten Diskriminierungen und Benachteiligungen entgegenzuwirken?

Diese Frage – so die zugrundeliegende Intuition des Forschungsprojekts – lässt sich nur vergleichend beantworten, indem Debatten und Politiken von affirmative action in den Blick genommen werden, die in anderen sozialen Kontexten Realität sind. Das als Habilitationsvorhaben angelegte Projekt kontrastiert daher den latecomer Deutschland mit den beiden klassischen Ländern von affirmative action: Indien und den USA. In Indien reicht gleichstellungsorientierte Vorzugsbehandlung für niedrigkastige Menschen bis in die Kolonialzeit zurück und existiert heute als umfangreiches Quotierungssystem in der politischen Repräsentation, dem öffentlichen Sektor und der höheren Bildung. In den USA wiederum ist affirmative action als Reaktion auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung entstanden und erstreckt sich neben der höheren Bildung vor allem auf die Privatwirtschaft. In beiden Fällen haben Politiken der positiven Diskriminierung eine expansive Dynamik gewonnen, die über Kaste und race hinaus auch auf andere Ungleichheitsachsen wie Ethnizität, Geschlecht und Behinderung ausgegriffen hat. Während diese expansive Dynamik in Indien anhält, ist sie in den USA seit der Reagan-Ära zum Stillstand gekommen bzw. affirmative action immer weiteren Restriktionen unterworfen worden.

Über den Vergleich von Politiken und Debatten um affirmative action in Indien, den USA und Deutschland zielt das Forschungsprojekt auf eine Identifikation von best practices und best reasons, um auf diese Weise pragmatische und normative Kriterien zu entwickeln, anhand derer sich Maßnahmen gleichstellungsorientierer Vorzugsbehandlung beurteilen lassen. Auf diskursiver Ebene werden dabei politische Debatten untersucht, wie sie in allen drei Ländern ausgehend von Gerichtsurteilen, Parlamentsbeschlüssen und Regierungsverordnungen geführt wurden, mit speziellem Fokus auf antagonistische Konzeptionen von Gerechtigkeit, Gleichheit und Bürgerschaft. Auf der Ebene der Praxis konzentriert sich das Projekt auf affirmative action in Beschäftigungsverhältnissen und öffentlicher Auftragsvergabe, indem – unter besonderer Berücksichtigung sich überkreuzender Ungleichheitsachsen – institutionelle Mechanismen und Akteurskonstellationen analysiert werden. Auf diese Weise soll ein auch politisch relevanter Beitrag zur Gleichstellungsforschung entstehen, der die übliche Kluft zwischen normativer politischer Theorie und sozialwissenschaftlicher Ungleichheitsforschung überwindet.

Website von Urs Lindner

Amrita Mondal

"Hidden Stories of Women's Empowerment and Plight for Justice: A Critical Review of Land Rights of Women in West Bengal, India"

This study locates itself in the broader context of women’s relation to land, examining how this relationship manifests their legal and actual empowerment. Ten years after passage of the Hindu Succession (Amendment) Act 2005, which celebrates the Constitutional value of egalitarianism and promises to promote gender equality via women’s property rights, my project aims to identify continuing gaps between heterogeneous customs and law. In a still continuing patrilocal-patrilineal framework married women, especially in rural India, are expected to relocate and live with their husbands in the latters’ family holdings. There, they develop economic, emotional and symbolic ties to land (including agricultural land) that legally and socially (according to custom) belongs to their new, matrimonial families which they cannot own or inherit as wives. The Amendment Act 2005 grants married and unmarried daughters equal inheritance right in their natal families, but it does not consider their de facto ability to exercise those rights. A close reading of the 2005 Succession Amendment, as well as the Hindu Succession Act 1956, is needed to explore how this lived social reality is addressed by such laws, and whether the formal, legal provision to endorse property rights of women in fact promotes real women’s interests. By analyzing ethnographic data derived from interviews and participatory observation in the district of Bardhhaman in West Bengal, India, my study aims to answer the following research questions: What is women’s relation to land, and how do they understand that relation? How does formal land ownership enhance (or not) women’s empowerment – understood as self-sufficiency and self-determination, at least comparable to males? How relevant is land ownership as such for rural women in a society whose power dynamics remain generally fractured along gender lines? To what extent are the Hindu Succession Law(s) effective in realizing distributive justice and, thereby, contributing to women’s empowerment and welfare?

Website von Amrita Mondal

PD Dr. Andreas Pettenkofer

"Beweissituationen. Grundzüge einer soziologischen Theorie der lokalen Evidenz"

Dieses Teilprojekt soll einen systematischen soziologischen Zugang zum Problem der lokalen Evidenz entwickeln, das eine entscheidende Rolle spielt, wenn Erfolg und Scheitern einer lokalen Politisierung globaler Normen erklärt werden soll. Damit soll das Projekt zugleich einige allgemeine sozialtheoretische Konsequenzen ausarbeiten, die sich bei der Beschäftigung mit diesem empirischen Gegenstand zeigen, deren Relevanz aber über ihn hinausreicht.

Entwickelt werden soll eine Perspektive, die soziale Ordnung weder allein von der unterstellten Eigendynamik gesellschaftlicher Makrostrukturen her erklärt, noch auf gegebene Individuen und deren vermeintlich stabile Orientierungen (‚Präferenzen‘, ‚Habitusformen‘) abstellt, sondern stattdessen die Rolle von Situationen aufwertet und auch alle ‚Makro‘-Effekte als durch Situationen vermittelt begreift. Im Zentrum steht ein Konzept von Situationen, durch die eine bestehende Ordnung ihre Evidenz bestätigt sieht oder verliert, die also – auch wo diese Evidenz nicht reflexiv gesucht und geprüft wird, sondern zunächst affektiven Charakter hat – als Beweissituationen wirken. Soziale Ordnung erweist sich dann als prekäres Produkt einer Verkettung von Situationen, die geltende Deutungsmuster festigen oder destabilisieren, und die auch neuen Deutungsmustern Evidenz verleihen können. Auch der ‚Akteur‘ mit seinen ‚Präferenzen‘ lässt sich auf diese Weise als variables Produkt einer Verkettung von Situationen zu rekonstruieren. Das hilft auch, die sozialen Mechanismen genauer zu erfassen, die jene Art tiefgreifenden kulturellen Wandel antreiben, den das Entstehen neuer Normbindungen bedeutet.

Damit knüpft das Projekt zunächst an die neuen Moralsoziologien (Boltanski/Thévenot, J. Alexander, Joas) an. Es rekonstruiert diese Ansätze von diesem Bezugsproblem her: Welche je unterschiedlichen Typen lokaler Evidenz beschreiben sie? Von welchen Modellsituationen gehen sie aus? Welche sozialen Mechanismen identifizieren sie? Wie wird eine Verknüpfung mit Aussagen über Makrostrukturen hergestellt? Für diese Rekonstruktion nutzt es auch die zwischen diesen Ansätzen geteilten Theoriebezüge: Sie lassen sich erstens als teils konkurrierende, teils einander ergänzende Anknüpfungen an Durkheims Religionsbuch lesen, aus denen sich unterschiedliche Theorien darüber ergeben, was in solchen Beweissituationen bestätigt bzw. nicht bestätigt wird, und durch welche sozialen Mechanismen das jeweils geschieht. Ein zweiter gemeinsamer Bezugspunkt besteht in einer teils intensiven, teils erst begonnenen Pragmatismusrezeption.

Mit diesen Mitteln lässt sich auch das derzeit viel diskutierte Konzept ‚sozialer Praktiken‘ rekonstruieren. Dieses Konzept ist für die Frage nach den Bedingungen einer lokalen Politisierung globaler Normen zunächst sehr einschlägig: Es erhellt einen Teil der Mechanismen, die das In-Gang-Kommen eines Reflexionsprozesses bremsen, der zur Betrachtung lokaler Abläufe im Lichte allgemeinerer Normen führen könnten. Der pragmatistische Grundgedanke, dass Reflexivität nur durch spezifische Situationen ausgelöst wird, kann Theorien über ‚Praktiken‘ (als Teiltheorien der Vermeidung von Reflexivität) und die neuen moralsoziologischen Konzepte (als Teiltheorien des In-Gang-Kommens von Reflexivität) verknüpfen. Er hilft auch, differenzierter zu erfassen, warum ein Erfolg neuer Normen, der auf dem reflektierten Nachvollzug rationaler Begründungen gründet, einen voraussetzungsvollen Sonderfall darstellt. Denn auch ein erheblicher Teil der Erklärungen, die unter dem Stichwort ‚Praktiken‘ präsentiert werden, verweist tatsächlich auf Effekte der Situation. Berücksichtigt man das, dann lassen sich diese Erklärungen so rekonstruieren, dass der von Bourdieu verteidigte Habitusbegriff mit seinen übertriebenen Stabilitätsunterstellungen nicht mehr benötigt wird.

Insgesamt sollen – um das Wirksamwerden bzw. Nichtwirksamwerden neuer Normen genauer zu erklären – nicht nur normstützende Beweiseffekte erfasst werden, sondern auch gegenläufige Beweiseffekte: Mechanismen, die die gegenwärtigen Umstände der Hinterfragung entziehen; Mechanismen, die den Werten, durch die Normbindungen stabilisiert werden, gerade ihre Evidenz nehmen (Goffman); Mechanismen, die moralfreie Koordination auf Dauer stellen, auch weil sie den Eindruck fördern, jeder Versuch der Normdurchsetzung sei aussichtslos (Gambetta). So kann diese theoretische Rekonstruktion auch helfen, Modelle normorientierten Handelns und Modelle normfreier Kooperation differenziert zueinander in Bezug zu setzen; das hilft, auch die Grenzen und das Scheitern einer lokalen Politisierung globaler Normen zu erklären

Website von Andreas Pettenkofer

Janna Vogl

"Zwischen internationaler Entwicklungszusammenarbeit und lokaler Legitimation. Akteursperspektiven im Umfeld von südindischen Frauenrechts-NGOs"

Im Rahmen der durch die massenmediale Präsenz auch global geführten Debatte um die brutalen Vergewaltigungsfälle in Indien Ende des Jahres 2012 wurde selten gefragt, wie indische Akteurinnen die Situation von Frauen interpretieren und versuchen, diese zu verändern. Dies ist umso erstaunlicher, als ein breites Netz an Frauenrechtsorganisationen in Indien existiert, die sich mit der massiven Gewalt gegen Frauen auseinandersetzen, politische Entscheidungen beeinflussen und sich selbst als Akteurinnen von „Emanzipation“ oder „Modernisierung“ verstehen.

Mein Dissertationsprojekt knüpft hier an: Ich betrachte Frauenrechtsorganisationen im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu und gehe von der Annahme aus, dass diese innerhalb zweier Kontexte zu verorten sind. Einerseits arbeiten die Frauenrechtsorganisationen in lokalen Kontexten. Zunächst ganz konkret: Sie sind in spezifischen Dörfern oder Stadtgebieten tätig, die z.B. durch Kastenbeziehungen strukturiert sind. Darüber hinaus weist die politische Geschichte Tamil Nadus Besonderheiten im gesamtindischen Kontext auf und es ergibt sich die Frage, inwiefern sich deren Spuren in den Konzepten und Ideen der Akteurinnen finden. Verschiedene politische und soziale Bewegungen könnten wichtig sein: Das self-respect-movement Anfang des 20. Jahrhunderts, welches säkular-rationalistische Argumente integrierte, der tamilische Nationalismus oder die populistische Politik der regierenden tamilisch-nationalistischen Parteien. In allen Bewegungen ging es um (eine Kritik der) Verhältnisse von Kaste, Geschlecht und Religion. Andererseits sind die betrachteten Organisationen aber auch in Netzwerke der Entwicklungszusammenarbeit eingebunden. Sie arbeiten häufig mit internationalen Geldgebern zusammen und verpflichten sich damit, bestimmte „Zielvorgaben“ umzusetzen. Die Kontexte der eigenen Organisation werden deshalb auch mithilfe von Begriffen beschrieben, die im Austausch mit den Geldgebern zentral sind, wie z.B. backwardness oder development. Solche Begriffe sind über die institutionelle Einbindung hinaus in indischen Diskursen relevant – manchmal umstritten – und werden mit bestimmten Deutungen und Erklärungen verbunden.

In meinem Dissertationsprojekt verfolge ich auf der Grundlage dieser Annahme einer „doppelten Einbindung“ der Organisationen die Frage, unter Aneignung welcher Begrifflichkeiten und Praxen sich die Akteurinnen selbst darstellen. Daran anschließend interessiert mich, welche Aussagen über die Chancen und Grenzen der Arbeit der Frauenrechtsorganisationen möglich werden, wenn die (Selbst-)Darstellungen verschieden positionierter Akteurinnen gegenüber gestellt werden. Diese Fragen sollen mithilfe von qualitativen Interviews und teilnehmender Beobachtung angegangen werden. Ziel ist es nicht nur, das bisher lückenhafte Wissen über das konkrete Feld auszubauen, sondern im Ergebnis auch zu einem besseren theoretischen Verständnis der Praxis der Akteurinnen im Rahmen ihrer „doppelten Einbindung“ zu gelangen – eine Praxis, die bisher z.B. mit dem Begriff „Übersetzung“ zu fassen versucht wurde. Die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen der Umsetzung der verfolgten Ziele – wie z.B. „Emanzipation“ – weist darüber hinaus auf theoretischer Ebene auf das Verhältnis von sozia-lem Wandel und sozialer Reproduktion bzw. Stabilität.

Einen Ausgangspunkt bildet die von Shmuel N. Eisenstadt angestoßene multiple modernities-Debatte. Der Bezug auf Aspekte von Eisenstadts Ideen ermöglicht es, die „doppelte Einbindung“ der Frauenrechtsorganisationen nicht als Widerspruch zwischen traditionalen („nicht-westlichen“) und modernen („westlichen“) Deutungszusammenhängen zu verstehen, d.h. die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht am Maßstab einer „westlichen Moderne“ zu messen. Dies soll den Weg ebnen, um die Praxis der Akteurinnen als Aneignung von und Auseinandersetzung mit verschiedenen Elementen unterschiedlicher Kontexte und „Herkünfte“ zu beschreiben. Eine solche praxistheoretische Perspektive könnte helfen, im konkreten Kontext zu beschreiben, welche Veränderungen für Frauen ermöglicht bzw. verhindert werden. Insgesamt soll versucht werden, in der Beschäftigung mit dem gewählten empirischen Feld praxistheoretische Argumente mit Aspekten der multiple modernities-Debatte zusammenzubringen.

Website von Janna Vogl

Benjamin Wilhelm

"How finance translates into labour – The case of capital requirements in the EU"

Projektbeschreibung folgt ...

Website von Benjamin Wilhelm