Universität Erfurt

Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart

Inhaltliches

Mit der Einrichtung eines Research Centre „Dynamics of Jewish ritual practices in pluralistic contexts from Antiquity to the Present“, das am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien zusammen mit dem Theologischen Forschungskolleg und dem Forschungszentrum Gotha in Kooperation mit international führenden Spezialist(inn)en für religiöse Praktiken im Judentum aufgebaut werden soll, beabsichtigt die Universität Erfurt ein internationales und interdisziplinäres Forum für historische, kulturwissenschaftliche wie theologische Forschungen zum Judentum zu schaffen. Dieses soll der in Deutschland im 19. Jahrhundert entstandenen, aber durch die nationalsozialistische Judenvertreibung und -vernichtung weitgehend abgebrochenen Erforschung jüdischer religiöser Praktiken und daran anknüpfender Diskurse einen Ort bieten, der zentrale Fragen der jüngsten Forschung in einen interdisziplinären Forschungskontext einbettet. Er soll neue Impulse für eine vergleichende wie verflechtungsgeschichtliche Herangehensweise schaffen, indem konsequent nach religiös, intellektuell und kulturell pluralistischen Kontexten und Wechselwirkungen gefragt wird.

Inhaltliche Fokussierung

Die Fokussierung der Arbeit erfolgt durch die Frage: Wie gestalten sich Veränderungen von Ritualen und Beschreibungen, Historisierungen und Deutungen jüdischer ritueller Praxis und von Judentum? Dabei sind insbesondere die Bedingungen des lokalen Nebeneinanders vielfältiger religiöser Praxis, von Grenzziehungen zwischen „Religionen“ und weitreichender intellektueller Verflechtung der Akteure zu berücksichtigen.

„Ritual“ wird im Research Centre breit im Sinne ritualisierter religiöser Praktiken verstanden, die Liturgie im engeren Sinne ebenso meinen wie ritualisierte Praktiken etwa des Lesens und Lernens von Torah und Talmud oder kalendarische Praktiken.

„Kontexte“ schließen nicht nur die jeweils eigene religiöse Tradition ein, als deren Ausdruck vielfach Liturgien verstanden werden, sondern auch anderweitig präsente Ideen und gruppenspezifische wie in der Gesellschaft präsente Institutionen.

Verflechtungsgeschichtliche Perspektiven

Die Arbeit des Research Centre konzentriert sich auf drei, in bestimmten Epochen fokussierte verflechtungsgeschichtliche Probleme:

1) Ritualisierungen: Wie ist die Ko-Evolution von jüdischen und christlichen sowie kulturell breit geteilten („paganen“, „magischen“) rituellen Praktiken in der Zeit nach Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) und der Zerschlagung aller Hoffnungen auf Wiederaufbau nach dem Bar-Kochba-Aufstand (132-135 n.Chr.) für die Spätantike zu rekonstruieren?

2) Intellektualisierungen: Welche Impulse ergaben sich für die jüdische liturgische Entwicklung und ihre Reflexion in der jüdischen Theologie wie der nichtjüdischen Gelehrsamkeit in den intensiven Austauschprozessen der entstehenden Gelehrtenrepublik und islamischer Denker des 17. und 18. Jahrhunderts?

3) Übersetzungen und Tradierungen: Welche Parallelen und Interaktionen gibt es zwischen
liturgischen und musikalischen Reformen in jüdischen und christlichen Konfessionen? Welchen wechselseitigen Einfluss haben Übersetzungsprozesse und explizite Aneignungen von Traditionen unter den Bedingungen von Migrationen und Globalisierungsprozessen für lokale Entwicklungen von Liturgien und synagogaler Musik im 18. bis 21. Jahrhundert?

Arbeitsweisen

Durch die Verbindung längerfristige Forschungsprojekte der Kerngruppe und weiterer beteiligter Thüringer Wissenschaftler(innen) sowie der künftigen Doktorand(inn)en des Research Centre mit auf langfristige Zusammenarbeit zielenden Aufenthalten internationaler Gastwissenschaftler(innen) werden  nicht nur substanzielle Beiträge zu zentralen Forschungsproblemen erarbeitet, sondern wird zugleich ein Ort international sichtbarer judentumsbezogener Forschung in religionswissenschaftlicher, theologischer,historischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive geschaffen. Dem soll durch eine entsprechende Professur nach Ablauf der Förderphase Nachhaltigkeit gegeben wird. Es ist die für viele religiöse Traditionen in der eigenen wissenschaftlichen Reflexion und historischen Erforschung erstaunlich – gemessen an der zentralen Rolle in der religiösen Praxis – marginalisierte Forschung zu religiösen Praktiken im weiteren Sinne einschließlich der Ritual- oder Liturgieforschung (im Unterschied zu einer bloß pragmatisch orientierten Ausbildung), die damit ins Zentrum religionshistorischer Forschung gerückt werden soll.

Innerhalb des Landes Thüringen führt das Research Centre (Arbeitsgruppe) am Max-Weber-Kolleg Wissenschaftler(inn)en von Theologischem Forschungskolleg (Erfurt), dem Forschungszentrum Gotha, der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und dem schon bestehenden ERC-Advanced-Grant Projekt „Lived Ancient Religion“ (Max-Weber-Kolleg) zusammen. Das Max-Weber-Kolleg bietet als Institute for Advanced Study und ständiges Graduiertenkolleg den organisatorischen Rahmen für eine Bündelung exzellenter religionsbezogener Forschung und Nachwuchsförderung. Darüber hinaus fügt sich die Fragestellung des Research Centre in diejenigen des Weberschen Forschungsprogramms, das die Verknüpfung von individuellem und institutionellem Handeln mit gesellschaftlichen Orientierungssystemen wie Religionen untersucht.

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