Universität Erfurt

Wissenschaftsgeschichte

Doing Truth. Praxeologien der Wahrheit

Ausgangspunkt der Forschungen zum Thema Praxeologien der Wahrheit ist die Beobachtung, dass nicht zuletzt in Folge der Debatten um eine „post-truth era“ eine Rückbesinnung auf die Wahrheit als Bezugspunkt einer neuen wissenschaftlichen und politischen Ernsthaftigkeit gefordert wird.

Dies geschieht zumeist in kritischer Distanznahme zu postmodernen Epistemologien, die den Code von ‚wahr‘ und ‚falsch‘, indem sie ihn nur als Effekt von Machtkalkülen und rhetorischen Strategien verhandelten, in relativistische Fragen nach Deutungshoheiten aufgelöst hätten. Der gemeinsame Nenner dieser Positionen scheint die Berufung auf eine – freilich als solche weder explizierte noch einheitlich konzipierte – Praxis des Umgangs mit der Wahrheit zu sein. Unbefragt bleibt dabei, dass sich schon auf der Ebene diskursiver Verhandlungen zeigt, wie verschiedene technisch-mediale Szenarien, beteiligte Personen, kommunikative Praktiken und theoretische Reflexionshorizonte immer wieder eigene Formen dessen hervorbringen, was als Wahrheit in Anspruch genommen oder Kritik unterworfen wird. Es gibt die Wahrheit also durchaus, sie scheint nur etwas anderes zu sein, als die klassischen Wahrheitstheorien annehmen: ein Kommunikationseffekt, Instrument der Eskalation und der Distinktion etc.

Um der Dynamik und Variabilität von Wahrheit gerecht zu werden, wird diese in unserem Forschungszusammenhang praxeologisch untersucht, im Sinne eines situativ gebundenen doing truth. Damit die unterschiedlichen Formen des Vollzugs von Wahrheit näher beschrieben werden können, erarbeiten wir ein kulturwissenschaftlich handhabbares analytisches Vokabular: Eine Orientierung liefert dabei die heuristische Unterscheidung von Wahrheitsszenen, Wahrheitsfiguren und Wahrheitstheorien, anhand deren Zusammenwirkens sich die Herausbildung bestimmter Wahrheitskulturen beschreiben lässt.

Der Forschungszusammenhang „Praxeologien der Wahrheit“ führt Überlegungen weiter, die im Rahmen der über die dritte Förderlinie der Exzellenzinitiative der Universität Konstanz geförderte Forschungsinitiative „Wahrheit und Subjektivität“ angestellt wurden, die zusammen mit Marcus Sandl, Rudolf Schlögl und Robert Suter (†) ins Leben gerufen wurde. Die Forschungsinitiative setzte es sich zum Ziel, die geläufige Opposition zwischen Subjektivität und Wahrheit zu hinterfragen und ihr die zunächst kontraintuitiv anmutende Frage nach den subjektiven Dimensionen von Wahrheit entgegen zu stellen.

Den Praxeologien der Wahrheit und der wechselseitigen Ko-Konstitution von Wahrheit und Subjektivität ist die Forschungsinitiative auf verschiedenen Workshops nachgegangen. Eine erste programmatische Publikation zum Thema ist im September 2014 als Themenheft der Zeitschrift für Kulturphilosophie erschienen. Vom 11.-13. Juli 2014 hat eine Tagung zum Thema "Wahrheit zurichten. Über Sozio- und Psychotechniken" stattgefunden. Hier wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern unterschiedliche Formen von Wahrheit durch spezifische Formen von Psycho- und Soziopraktiken hervorgebracht, reproduziert oder dementiert werden. Die Aufmerksamkeit galt einem Feld, das ebenso Praktiken des social engineerings, in denen Gruppen u.a. demokratische Diskussions- bzw. Spielregeln erlernen sollen, wie eine Experimentalkultur umfasst, die subjektive Wahrhaftigkeit an mikrologischen Verhaltens- und Reaktionsmustern zu erkennen versucht. Ein gleichnamiger Band, herausgegeben von Nora Binder und Bernhard Kleeberg, erscheint Ende 2017 (u.a. mit Beiträgen von Nora Binder, Melanie Brandt, Ulrich Bröckling, Jörg Eggstein, Andreas Gelhard, Till Greite, Eric Hounshell, David Keller, Helmut Lück, Bernd Stiegler, Robert Suter und Monika Wulz). In Planung befindet sich ein interdisziplinäres Drittmittelprojekt zur Profilierung der Praxeologien der Wahrheit als Kernthema der historischen Wissensforschung.

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