Universität Erfurt

Wissenschaftsgeschichte

Schlechte Angewohnheiten

Die Geschichte „schlechter Angewohnheiten“ zwischen zweiter Natur des Menschen und individueller Selbstkontrolle ist eine der Produktion intra- und transkultureller Normen kultureller Integration zwischen Fremd- und Selbstbeobachtung. Schlechte Angewohnheiten stellen einen zentralen Referenzpunkt sozialer Integration und Desintegration dar, denn sie dienen der Markierung von Grenzen – der Willensfreiheit, der Klasse, der Wissenschaft, der Zivilisation oder gar des Menschseins. Deutungen schlechter Angewohnheiten verweisen beispielsweise auf eine riskante menschliche Triebnatur, Neurosen, unvorteilhafte Umweltbedingungen, Rasse und Geschlecht, Willensschwäche, negative Charaktereigenschaften, unkontrollierten Appetit oder mangelnde Selbstkontrolle. Ihre Legitimation erfahren sie je nach relevantem Wissensfeld über verschiedene Wahrheitsinstanzen – von wissenschaftlichen Disziplinen über politische Institutionen bis zu literarischen Entwürfen. Historisch vermischen sich dabei verschiedene praktische und theoretische Räume des Wissens, die sich auf Instinkte und Emotionen, Zivilisationsstand und soziokulturelle Normen, moralische Ökonomien der Wissenschaften, wie auch auf die in diesen Kontexten relevanten Praktiken der Selbstkontrolle und Sozialdisziplinierung beziehen. Mit einem historischen Schwerpunkt auf dem späten 18. bis frühen 20. Jahrhundert soll so zur Konturierung einer einflussreichen Erklärungsfigur beigetragen werden, die bisher nicht Gegenstand wissenschafts- historischer Untersuchungen war. 

In Planung befindet sich ein Band zum 20. Jahrhundert, erschienen ist eine kommentierte Anthologie zum 18. bis frühen 20. Jahrhundert, mit einer ausführlichen Einleitung zur Kultur- und Wissenschaftsgeschichte des Konzepts der Gewohnheit. Mit Texten von Montesquieu, David Hume, Carl Friedrich Pockels, Philipp Peter Guden, Adolph Freiherr v. Knigge, Christian Gotthilf Salzmann, Joseph Priestley, James Philipps Kay, Jonathan Harrington Green, Alfred Austin, Hermann Oppenheim, Josef Clemens Kreibig, Reinhold Gerling, Cesare Lombroso, Enrico Ferri, Fernando Ortiz und David Paul von Hansemann, kommentiert von Dorothee Birke, Jacques Bos, Franz X. Eder, Christiane Frey, Valeska Huber, Bernhard Kleeberg, Ingrid Kleeberg, Riccardo Nicolosi, Barbara Orland, Albert Schirrmeister, Ingo Stöckmann, Marcel Vejmelka und Gwendolyn Whittaker.

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