Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Sarah Al-Taher: Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien

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99105 Erfurt

 

 

 

Forschungsprojekt

Im Mittelpunkt des Forschungsvorhabens steht die Beziehung zwischen Mangel, Liebe und Glückseligkeit bei Platon und Meister Eckhart. Es geht um die Frage nach dem Potential und der Bedeutung von Liebe in der Philosophie Platons sowie der Theologie Meister Eckharts. Die jeweiligen Liebeskonzepte werden unter dem Gesichtspunkt der ένδεια und der Privatio des Menschen auf ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin untersucht. Beiden Konzepten liegt das Streben nach Glückseligkeit zugrunde und sowohl Platon als auch Meister Eckhart bedürfen der Liebe als „Annäherungsmechanismus“: Bei Platon ist es das Streben zum Guten, bei Eckhart das Streben zum Göttlichen. Darüber hinaus scheinen beide von der Unvollkommenheit des Menschen auszugehen, ohne diese jedoch negativ zu besetzen. Hierin ist zugleich das größte Potential des Menschen zu erkennen. Denn – so die These des Forschungsvorhabens –  ist hier das Streben des Menschen über die eigene Existenz begründet: Liebe ist in diesem Sinne als eine Art Selbstüberwindungskonzept zu verstehen. Es zeigt sich deutlich die zu untersuchende Verbindung zwischen Unvollkommenheit, Liebe und Glückseligkeit – die der Arbeit zugrunde liegende Dreier-Dependance. Beide Werke setzen sich mit derselben Frage nach dem Potential von Liebe auseinander, scheinen diese jedoch auf andere Art und Weise aufzulösen. Um sich dieser Frage annähern zu können, müssen die jeweiligen zugrunde liegenden Liebeskonzepte vom Gesichtspunkt des Mangels und den diesen wiederum zugrunde liegenden Anthropologien betrachtet werden.

Während sowohl in der  griechischen Antike als auch im europäisch-christlichen Mittelalter eine Verbindung zwischen Liebe, dem Guten und Glückseligkeit besteht, wird diese Verbindung im modernen Diskurs immer weiter aufgelöst, so dass die Forschung zum Thema Liebe immer weiter in einen biologisch-psychologischen Diskurs verschoben wird. In diesem wird sich zumeist mit Liebe als einem Gefühl auseinandersetzt oder Liebe als Ziel gesehen und der jeweilige Gegenstand der Liebe und ihr Ursprung nur sekundär behandelt. Zudem wird meist die Liebe zwischen Menschen in den Vordergrund gestellt – Liebe als Liebe zum Guten oder zum Göttlichen, Liebe in seiner Mittlerfunktion findet kaum Beachtung. Dies wird im vorgestellten Forschungsvorhaben im Mittelpunkt stehen, hier sollen der Ursprung der Liebe im menschlichen Mangel und die daraus resultierenden Folgen untersucht werden. Dies könnte zu einer Rückbesinnung des Begriffs der Liebe auf eine menschlich-existentielle Ebene, also zu einer Rückführung aus dem romantisierend-hedonistischen Diskurs führen. In diesem Kontext wird durch die bislang vernachlässigte gemeinsame Betrachtung der beiden Autoren ein neuer Blickwinkel auf den Bezug zwischen Eckhart und dem Neuplatonismus eröffnet – denn erst wenn auch die platonischen Texte selbst Meister Eckhart gegenübergestellt werden, ist es möglich, die gesamte Transformation des Liebesbegriffs von Platon zu Eckhart in seiner Vollständigkeit zu erfassen. Durch eine direkte Untersuchung der Textquellen der beiden Autoren kann möglicherweise eine Nähe der beiden hinsichtlich ihrer konzeptuellen Gedanken erkannt werden, welche möglicherweise darauf hindeutet, dass Eckhart, wenn auch vom Neuplatonismus beeinflusst, letztlich in gewisser Hinsicht den platonischen Texten näher steht – zumindest hinsichtlich des konzeptuellen Schemas. Somit könnte die Arbeit einen neuen Akzent in der Forschung zu sowohl Meister Eckhart als auch Platon setzen, denn durch eine solche Gegenüberstellung lässt sich auch der starke Einfluss des Neuplatonismus auf Eckhart in einem neuen Licht betrachten beziehungsweise auch die Abwendung des Neuplatonismus von Platon selbst könnte daran nachgezeichnet werden. Darüber hinaus ist kritische Verknüpfung Platons und Meister Eckharts in Bezug auf ihr jeweiliges Liebeskonzept und dem daraus resultierenden Versuch der Annäherung an das Gute beziehungsweise das Göttliche ein zu Unrecht vernachlässigtes Forschungsfeld. Denn durch die Annäherung an die Frage, ob sich nicht trotz des Zeitabstands zwischen den beiden Autoren sowie vieler anderer Unterschiede gewisse systematische, konzeptionelle konzeptuelle Parallelen erkennen lassen, möchte das Forschungsvorhaben einen Beitrag hinsichtlich einer wissenschaftlichen Verknüpfung des philosophischen Denkens der griechischen Antike und des theologischen Denkens des mitteleuropäischen Mittelalters leisten.

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