Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Forschungsprojekt: von Prof. Dr. Dietmar Mieth

Religiöse Bewegungen im Mittelalter

Dieses Projekt wird im Rahmen der Kolleg-Forschergruppe „Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive“ in Zusammenarbeit mit Michael Borgolte bearbeitet.

„Individualisierung“ kann man als religiöse Bewegung unter drei Aspekten betrachten: 1.) als Loslösung von Bevormundungen und Vereinheitlichungen durch äußere Autoritäten und außengesteuerte internalisierte Erwartungen – dabei wächst die Betonung der eigenen religiösen Erfahrung bzw. der individuellen Beziehung zu Gott bzw. zum göttlichen Bereich; 2.) als fortschreitende Priorisierung des Individuellen, z. B. im Gewissen oder in der Konzentration auf „Innerlichkeit“, und 3.) als Normativierung der Individualität – sie wird sozial erwartet und zum Bestandteil der sozialen (auch kirchlichen) Institutionen und Reflexionen sowie zur internalisierten Erwartung. Diese Aspekte wollen nicht das Bild einer kontinuierlichen Entwicklung insinuieren. Es gibt aber Zusammenhänge zwischen ihnen.
Folgende Hypothesen zum Mittelalter sollen untersucht werden: 1.) religiöse Individualisierung bewegt sich in Schüben (s.u.); 2.) Individualisierung wird in der Profilierung von religiöser Erfahrung manifest, selbst wenn sich diese Erfahrung kritisch gegen Erfahrbarkeit im Sinne von „Erlebnis“ oder einer frommen Leistungsgarantie wendet und 3.) kein religiöser Individualisierungsprozess im Mittelalter ist ohne Gegenbewegung oder ohne Vorgänge, gegen die er sich bewegt. Solche Anti-Individualisierung liegt z. B. vor: in der Verrechtlichung des Religiösen (Vormarsch der Kanonistik und der päpstlichen Jurisdiktionsgewalt); in einer kirchlichen und staatlichen Domestikation von Glaube und Gesinnung; im damit verbundenen theologischen Doktrinalismus (gemildert durch plurale Schulbildungen) und im spätmittelalterlichen Fiskalismus und administrativen Durchgriff der päpstlichen und bischöflichen Verwaltungen.

Aus den „Schüben“ der Individualisierung werden vorläufig betrachtet: 1.) Bernhard von Clairvaux und der „liber propriae experientiae“ als Ergänzung des „liber creationis“ und des „liber revelationis“ sowie des Zwiegesprächs der Seele mit Gott (vgl. Ulrich Köpf, in: Religiöse Erfahrung, Historische Modelle in christlicher Tradition, hg. v. Walter Haug und Dietmar Mieth, München 1992, 109-125) und 2.) Das Schicksal der Beginen vom 13. bis zum 14. Jahrhundert und ihr Einfluss auf Meister Eckhart am Beispiel Marguerite Poretes.

Im Projekt zu Marguerite Porete soll die Hypothese (z. B. bei K. Ruh, B. McGinn) untersucht werden, dass sich Eckhart mit Marguerite stellvertretend für die Frauenmystik auseinandersetzt. Marguerite kann als Laien-Theologin, Laien-Philosophin in ihren Kompetenzen im Vergleich zum „Standard“ der Laien-Philosophie betrachtet werden (etwa Lullus und Dante; dazu wird eine Tagung in Paris 2010 stattfinden).

Daneben läuft die Untersuchung zu Meister Eckhart, welcher derzeit Gegenstand eines Monographie-Projekts ist (erscheint in der Reihe „Denker“ des Beck Verlages, München 2010).

Die Leitfrage an die Texte Eckharts lautet: Wie verhält sich die Situierung Eckharts – im Pariser Schulstreit, in der deutschen Albertschule – zu Eckharts Situierung als Prediger für Mönche, Schwestern und Laien? Ist Eckharts Denken eine Einbahnstraße von der Theorie zur Anleitung zu einem richtigen Leben? Oder gibt es auch eine Umkehrung? (Vgl. dazu u.a. D. Mieth, Gott, Mensch und Gender, Eine Perspektive für Meister Eckharts Frauenpredigten? In: ThQ 185 (2005) 77-94.)

Zu untersuchen ist ferner das Verhältnis von theoretischer Individuierungs-Philosophie bei Eckhart zu konkreter individueller Differenzierung in unterschiedliche Optionen und Lebensformen. (Vgl. Lectura Eckhardi, Bd. II, Stuttgart 2003, 139-176.)

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Marguerite und Eckhart:

1.) Sucht Marguerite die konkrete Freiheit von kirchlicher und scholastisch-androzentrischer Bevormundung sowie eine „größere Kirche“ – Eckhart die innere Freiheit, unabhängig von äußeren Vorgaben, und ihre Einbettung in eine Vision von Menschheit?

2.) Die Seele und das „Nicht“ in den Bereichen des Nicht-Wollens, Nicht-Habens und Nicht-Wissens sowie des Lebens „ohne Worumwillen“ bzw. „sans pourquoi“.

3.) Intellekttheorie (Eckhart) gegen Liebeskultur (Marguerite): eine Differenz oder nur ein Wechsel der Perspektive?

Dazu wird eine weitere Publikation angestrebt. Im Kontext unterschiedlicher Kirchenkonflikte um 1310 lautet die vorläufige Hypothese: Eckhart nimmt Elemente der Beginen-Frömmigkeit und deren Bilder in seinen Predigten positiv, gelegentlich leicht korrigierend auf, zumal sie mit seinen eigenen Intentionen oft übereinstimmen.

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