Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Dr. Dorit Messlin: Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kolleg-Forschergruppe

-In Elternzeit-

Universität Erfurt
Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Postfach 900221
99105 Erfurt

Forschungsprojekt

Übertreibung, Abweichung, Übermaß –  Zur Diskursgeschichte des Hyperbolischen

Im Mittelpunkt des Habilitationsprojektes steht eine Normabweichungs- und Überschreitungsfigur, die in historischer und systematischer Perspektive unter dem Begriff des „Hyperbolischen“ zum Gegenstand diskursgeschichtlicher und sozialphilosophischer Fragestellungen wird.

Eigentlich ist die Hyperbel ein rhetorischer Stilbegriff und bezeichnet allgemein jede übertriebene Darstellung eines Gegenstandes, bei der das aptum (im Sinne des Angemessenen, Wahrscheinlichen, Glaubwürdigen) zugunsten einer stärkeren Anschaulichkeit, Evidenz und Intensivierung überschritten wird. Da aus der klassischen Rhetorik die neuzeitliche Anthropologie hervorging, gewinnen die Begriffe des Angemessenen/Hyperbolischen auch als normative und verhaltensregulierende Kategorien an Bedeutung. In der Geschichte und im Sprachgebrauch des 17. und 18. Jahrhunderts führt der Begriff „Hyperbolik“ vor allem auf Phänomene des Umgangs mit religiöser Digression, wobei er als Normabweichungstheorem eng mit dem Begriff des enthusiastischen Ingenium verknüpft ist. Hier zeigt sich, dass der Begriff sehr lange eben nicht jene rein positive Bedeutung natürlich gegebener Kreativität hatte, wie er uns heute geläufig ist. Besonders in Deutschland überwiegen lange die negativen Konnotationen von Enthusiasmus als unberechenbare, ketzerische, fanatische Abweichung von den vernünftigen Lehren der (Staats-)Kirche und der Gesellschaft.

Die Arbeit untersucht historische Verhandlungen und Diskurse des Konzeptes der Angemessenheit (als normativer Maßstab) und seiner Überschreitung (Hyperbolik) auf dem Feld religiöser Erfahrungen und Kontroversen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. In wechselnden Konstellationen und Kontexten geht es um Fragen nach den Operationalisierungen von Angemessenheit und ihrer Überschreitung, nach dem Anwendungsspektrum dieser Kategorien und ihrer Bewertungsmaßstäbe sowie nach thematischen Kontinuitäten und Diskontinuitäten in den Dynamiken der normativen Aushandlung von Angemessenheit bzw. von legitimer oder illegitimer Abweichung.

In den historischen Diskursen wird Hyperbolik zum einen als zentraler operationaler Faktor auf dem Feld religiöser Selbstentwürfe erkennbar, und äußert sich in viel fältiger Weise als Plädoyer für das Übermäßige, Überbordende, Regelverweigernde und als Ausdrucksform inkommensurabler Individualität. Von Seiten kultureller Normenkontrolle erscheinen Phänomene dieser Art aber auch als problematisch verhandelte „Abweichungen“ von den majoritären Mustern gängiger Verhaltens- und Affektökonomien. Der Diskurs über „Hyperbolik“, der im Verlauf des 17. Jahrhunderts einsetzt, macht Dynamiken der Diversifikation und der Digression sichtbar und dokumentiert ein starkes kulturelles Interesse an der Vermessung von Devianz.

Forschungsschwerpunkte

  • Normativitätsdiskurse
  • Theorien der Moderne, Religion in Modernisierungsprozessen
  • Wissens- und Wissenschaftsgeschichte
  • Devianz in historischer und zeitgenössischer Perspektive
  • Beziehungen zwischen Philosophie und Literatur
  • Frühromantik und Deutscher Idealismus
  • Existenzphilosophie
  • Religionsphilosophie

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