Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

PD Dr. Christoph Henning: Fellow

Universität Erfurt
Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Postfach 900221
99105 Erfurt

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Vita

Forschungsprojekt

Kritische Wirtschaftsphilosophie: Gabe, Gewinn und Gewalt

Ein Zusammendenken von Philosophie und Ökonomie hat sich an vielen Universitäten inzwischen etabliert. Allerdings bleibt dabei häufig das dominante Verständnis von Wirtschaft leitend, wie es an Universitäten ohnehin gelehrt wird; der Philosophie bleibt eher eine dienende Funktion. Von ihr interessieren nur die schmalen Teile etwa aus der Entscheidungs- oder Spieltheorie oder dem Hayekschen Liberalismus, die mit dem neoklassischen Ökonomieverständnis verträglich sind. Die kritischere Tradition, die es hinsichtlich einer philosophischen Reflexion auf unsere wirtschaftlichen Praktiken – sowie in der ökonomischen Dogmengeschichte selbst – lange gegeben hat, kommt dabei oft zu kurz. In meinem Projekt soll daher die Geschichte und gegenwärtige Relevanz einer Familie von alternativen, kritischen Wirtschaftsphilosophien rekonstruiert und anhand von prominenten Themen näher beleuchtet werden.

Zum einen erörtere ich, inwiefern bestimmte Wirtschaftspraktiken bzw. deren akademisch-theoretische Repräsentationen Formen von (Makro-)Gewalt mit sich führen – sie entweder direkt theoretisch als Erhöhung der „Produktivität“ legitimieren oder indirekt beschönigen, indem sie sie entweder invisibilisieren oder als „nicht-ökonomisch“ codieren und die Verantwortung damit externalisieren. Dazu gehören neben dem gegenwärtig blühenden Menschenhandel das landgrabbing, „Export Processing Zones“ sowie weitere neue Formen von Akkumulation durch Enteignung, die häufig zu ökologischer Verwüstung und Vertreibungen führen. Wo und wie kommen solche Phänomene in der Reflexion auf Wirtschaft überhaupt vor? Und warum hat umgekehrt auch die Gewaltforschung so häufig Verbindungen zu Wirtschaftsthemen gekappt?

Zum anderen geht es um die Frage, inwiefern mit dem auf Marcel Mauss u.a. zurückgehenden Vokabular der „Gabe“ sowie der Tauschökonomie bereits konzeptuelle Alternativen zu diesen teils gewaltsamen Wirtschaftspraktiken vorliegen. Auf den ersten Blick scheint es sich um gänzlich andere Motive und Vergemeinschaftungsformen zu handeln. Ein zweiter Blick kann jedoch freilegen, dass diese Praktiken meist nicht nur hervorragend miteinander verträglich sind, sondern dass die „moralischer“ wirkende Alternativpraxis möglicherweise manchmal eng mit ihrem dunklen Gegenbild verschwistert ist und deren Praktiken auf andere Weise verlängert – etwa beim „greenwashing“, bei unterbleibenden Entschädigungen für Solidarleistungen etc. Das ruft nach einer „Kritik der Gabe“.

Zu beiden Themen wurden bereits interdisziplinäre Workshops abgehalten; in meinem Projekt geht es nun darum, dazu eine Reihe von gut platzierten Aufsätzen fertigzustellen.

Workshops:

  • Kritik der Gabe. Workshop beim Kultursymposium Tauschen und Teilen (The Sharing Game), Goethe-Institut Weimar (veranstaltet mit Bettina Hollstein und Andreas Pettenkofer), Juni 2016
  • Nothing to lose but its value chains: Capitalism and Violence on a Global Scale. Workshop gefördert vom Forum for the Study of the Global Condition (veranstaltet mit Petra Gümplová und Arthur Bueno, Max-Weber-Kolleg, Erfurt, November 2018

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