Prof. Dr. Bernhard Kleeberg

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Fellow / Inhaber der Professur für Wissenschaftsgeschichte (Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien)

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Prof. Dr. Bernhard Kleeberg

Zur Person

Curriculum Vitae

  • Seit 10/2016 Professor für Wissenschaftsgeschichte am Max-Weber-Kolleg/an der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt
  • 2015-2016 Gastprofessor für Allgemeine Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Basel
  • 2016 Habilitation, Venia für Neuere und Neueste Geschichte
  • 2007-2015 Juniorprofessor für Wissenschaftsgeschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften am Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen von Integration" der Universität Konstanz
  • 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduate Centre for the Study of Culture der Justus-Liebig-Universität Gießen
  • 2005 Gastwissenschaftler an der London School of Economics and Political Science
  • 2003-2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin
  • 1999-2002 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 511 "Literatur und Anthropologie", Promotion 2002 mit der Arbeit "Theophysis. Ernst Haeckels Philosophie des Naturganzen"
  • Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Konstanz

Forschungsprojekt

Dissonanz, Konformität, Wahrheit. Projekte zur Historischen Epistemologie und Praxeologie im 20. Jh.

Aktuell arbeite ich vornehmlich an drei eng miteinander verschränkten Projekten. Der Schwerpunkt meiner Forschungen liegt auf der Geschichte der Sozialpsychologie vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die frühen 1970er Jahre, insbesondere den in den 1940er und 50er Jahren prominenten Untersuchungen zur psychischen Balance, Dissonanz und zur Konformität. Meine Studie liest die psychologische Rationalisierung irrationalen Verhaltens als Ausdruck basaler kultureller Konstellationen der Jahrhundertmitte (u.a. Emigration, technokratisches Denken, Ideologiekritik, militärische Forschung, Konsum- und Einstellungsforschung). Im Zentrum stehen Balance- bzw. Dissonanztheorien, die Erklärungen zur Verbindung von Kognition und Gefühlshaushalt liefern und je eigene Praxeologien zur Deutung kommunikativer Interaktion bereitstellen. In der Praxis gründen diese Theo-rien auf einer inszenierten Authentizität, sie bedienen sich experimenteller Operationen, die soziale Interaktion minimieren und dennoch kognitive Realität herzustellen versuchen. Auf diese Weise stützen die entsprechenden Ansätze auf paradoxe Weise zeitgenössische Positionen einer kulturalistischen Wissenschaftsforschung, die auf Prozesse habitueller Selbstverstärkung kognitiver und praktischer Verhaltensmuster abheben. Mit der Anwendung der Dissonanztheorie im Rahmen der zeitgenössischen Werbepsychologie rückt zudem die Frage nach Möglichkeiten der gezielten und nachhaltigen Steigerung von Konsumbedürfnissen und den damit verbundenen Techniken/Technologien der (Auto-)Suggestion, Motivation und kreativen Irritation in den Blick. Damit leistet meine Untersuchung einen Beitrag ebenso zur Geschichte der Entstehung und Entwicklung eines pragmatischen, situativen und emotiven Modells menschlicher Vernunft, wie zur Geschichte der Kulturtechniken der Suggestion.

Das Projekt East European Epistemologies zielt darauf ab, bisher kaum beachtete Ansätze der Wissenschaftsforschung Ostmittel-, Ost- und Südosteuropas aus der ers-ten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erschließen. Das entsprechend situierte Wissen wird im Sinne einer politischen Epistemologie analysiert, die sich u.a. über die sozialpsychologische Einstellungsforschung (Znaniecki), die wissenssoziologische Ideologieforschung (Mannheim) und die denksoziologische Beschäftigung mit der Kulturabhängigkeit wissenschaftlichen Wissens (Fleck) rahmen lässt. Nach zwei Workshops zum polnischen Wissenschaftsforscher Ludwik Fleck und zur Wissen(schaft)sforschung im Polen der Zwischenkriegszeit sollen weitere folgen, um einen entsprechenden Forschungszusammenhang aufzubauen.

Ausgangspunkt meiner Forschungen zu Praxeologien der Wahrheit schließlich ist die Beobachtung, dass sich in jüngster Zeit Stimmen mehren, die eine Rückbesinnung auf die Wahrheit als Bezugspunkt einer neuen wissenschaftlichen und politischen Ernsthaftigkeit fordern. Sie tun dies zumeist in kritischer Distanznahme zu postmodernen Epistemologien, die den Code von ‚wahr‘ und ‚falsch‘, indem sie ihn nur als Effekt von Machtkalkülen und rhetorischen Strategien verhandelten, in relativistische Fragen nach Deutungshoheiten aufgelöst hätten. Der gemeinsame Nenner dieser Posi-tionen scheint die Berufung auf eine – freilich als solche weder explizierte noch einheitlich konzipierte – Praxis des Umgangs mit der Wahrheit zu sein. Unbefragt bleibt dabei, dass sich schon auf der Ebene diskursiver Verhandlungen zeigt, wie verschiedene technisch-mediale Szenarien, beteiligte Personen, kommunikative Praktiken und theoretische Reflexionshorizonte immer wieder eigene Formen dessen hervorbringen, was als Wahrheit in Anspruch genommen oder Kritik unterworfen wird. Um der Dynamik und Variabilität von Wahrheit gerecht zu werden, werden diese praxeologisch untersucht, im Sinne eines situativ gebundenen doing truth. Eine Orientierung liefert dabei die heuristische Unterscheidung von Wahrheitsszenen, Wahrheitsfiguren und Wahrheitstheorien, anhand deren Zusammenwirkens sich die Herausbildung bestimmter Wahrheitskulturen beschreiben lässt.

Ausgewählte Publikationen

  • Lebensstandard. Geschichte eines Konzepts im 19. Jh.; unveröff. Habilitationsschrift, Konstanz 2015.
  • Ernst Mach und das Gedankenexperiment um 1900, Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 38/1 (2015) (Gast-Hg.).
  • Wahrheit. Zeitschrift für Kulturphilosophie 8/2 (2014), verantwortl. mit Robert Suter.
  • Gestalt, Ritus, Kollektiv. Ludwik Fleck im Kontext der Ethnologie, Gestaltpsychologie und Soziologie seiner Zeit, NTM Zeitschrift fuer Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 22 (2014) (Gast-Hg. mit S. Werner).
  • Schlechte Angewohnheiten. Eine Anthologie 1750–1900. Berlin: Suhrkamp 2012 (Hg.).
  • Kulturalisierung. Zeitschrift für Kulturphilosophie II (2011), verantwortl. mit Andreas Langenohl.
  • Knowing God, Believing Nature. Special Issue of Science in Context, Vol. 20, No.3 (2007) (Gast-Hg. mit F. Vidal).
  • Theophysis. Ernst Haeckels Philosophie des Naturganzen. Köln/Weimar: Böhlau 2005.

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