Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Forschungsprojekte: von Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joas

Allgemeine Beschreibung der Forschungsschwerpunkte: Wertbindung und sozialer Wandel

Wie entstehen Werte und wie funktioniert eine Kommunikation über sie? Ein für heutige Gesellschaften zentraler Wertkomplex ist die Entwicklung der Menschenrechte und unser Glaube an eine universale Menschenwürde. Eine nähere Betrachtung dieses Komplexes zeigt, dass Werte nicht nur aus positiven wertkonstitutiven Erfahrungen hervorgehen können, sondern auch aus der Verarbeitung negativer Erfahrungen - etwa der Gewalt und Entwürdigung des Menschen. In einer Reihe von historisch-soziologischen Studien soll deshalb die Wechselwirkung von Wertentstehung und Gewaltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert untersucht werden.

Damit hängt ein zweites Projekt zusammen, dessen Fokus auf der Kommunikation über Werte liegt. Während in der Diskurstheorie von Jürgen Habermas, Karl-Otto Apel u. a. in Anknüpfung an den Pragmatismus eine umfassende Theorie der Argumentation über kognitive und normative Geltungsansprüche vorliegt, fehlt eine entsprechende Theorie für unsere Kommunikation über Werte. über Werte, an die wir uns gebunden fühlen, können wir sehr wohl vernünftig miteinander sprechen; wir können aber nicht rein rational-argumentativ Wertbindungen erzeugen oder erschüttern. In diesem in die Philosophie reichenden Arbeitsgebiet geht es deshalb um die Erarbeitung von Spezifika unserer Kommunikation über Werte (z. B. Narrativität).

Der dritte Schwerpunkt knüpft noch stärker an den Leitfaden meines bisherigen wissenschaftlichen Werks an - die Philosophie des amerikanischen Pragmatismus (Peirce, James, Dewey, Mead). Diese Orientierung ergab sich aus der Annahme, dass der Pragmatismus dazu beitragen kann, in der ganzen Breite der Sozialwissenschaften (und auch in der Philosophie) Auswege aus Sackgassen europäischer Geistesgeschichte zu eröffnen - natürlich unter Bezug auf die klassische Theorietradition der Soziologie (Weber, Durkheim, Parsons). Das Forschungsprojekt hat seinen Ausgangspunkt in der Feststellung, dass die Sozialwissenschaften in Deutschland in ihrer Entstehungszeit in vielfacher Weise an den Historismus anknüpften - was analog in den USA für den Pragmatismus gilt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden diese Wurzeln aber weitgehend vergessen. Dementsprechend geht es darum, Studien über mehr oder minder vergessene Figuren und Theorien aus Pragmatismus und Historismus zu unternehmen und damit Anknüpfungspunkte für eine zeitgenössische, historisch tiefe, kulturvergleichende und interdisziplinäre, auch normativ orientierte Sozialwissenschaft zu schaffen.

Ein letzter Forschungsschwerpunkt beschäftigt sich mit Theorien sozialen Wandels. Dabei gilt, dass eine Theorie, die kulturelle und institutionelle Innovationen ernst nimmt und die Verarbeitung von Erfahrungen für eine wichtige Determinante sozialer Prozesse hält, mit teleologischen und evolutionistischen Konzeptionen brechen muss. Soweit solche Konzeptionen in den verschiedenen Versionen der Modernisierungstheorie enthalten sind, ist die Ausarbeitung einer verbesserten Version nötig, die unter das Stichwort "Kontingenz" gefasst werden kann. Auf diesem Feld entstehen Arbeiten zur Geschichte des Kontingenzbewusstseins und zum Potential einer makrosoziologischen Theorie, die die verschiedenen Dimensionen von Modernisierung als nur locker verkoppelt auffasst.

Aktuelles Forschungsprojekt

Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung

Nachdem ich in den vergangenen Jahren umfangreich zur Kritik der Säkularisierungsthese und zu möglichen Alternativen für das Verständnis religiösen Wandels, zur Geschichte der Menschenrechte als
einer neuen Sakralisierung, nämlich der der Person, und zum Thema Achsenzeit gearbeitet habe, hoffe ich, in den Jahren der Förderung durch den Max-Planck-Forschungspreis weitere Schritte in der eingeschlagenen Richtung gehen zu können.

Im Jahr 2016 habe ich unter anderem ein kleines Buch zur Soziologie der Kirche fertiggestellt, das noch im Jahr 2016 unter dem Titel „Kirche als Moralagentur?“ erscheint. Wie der Titel signalisiert, interveniert das Buch auch in aktuelle Diskussionen über die angemessene Rolle der christlichen Kirchen in der politischen Öffentlichkeit und im moralischen Diskurs der Gegenwart.

Mein Hauptprojekt ist aber ein Buch mit dem Titel „Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung“. In diesem Buch versuche ich, die Grundlinien einer empirisch gesättigten Alternative zu der von Max Weber stammenden, das Selbstverständnis der Moderne zutiefst durchdringenden Vorstellung eines seit den hebräischen Propheten ablaufenden Prozesses der Entzauberung vorzulegen. Zu diesem Zweck gehe ich zunächst wissenschaftsgeschichtlich bis zum ersten Versuch einer empirischen, nicht auf theologischen Voraussetzungen beruhenden Universalgeschichte der Religion zurück. Diese findet sich in dem 1757 zuerst erschienenen Buch des großen schottischen Philosophen und Historikers David Hume „Natural History of Religion.“ Durch den wissenschaftsgeschichtlichen Rückblick konturiere ich mein eigenes, in Arbeiten seit dem Buch „Die Entstehung der Werte“ von 1997 erarbeitetes Stufenmodell der Entstehung von Idealen aus menschlichen Erfahrungen heraus, das dann den historischen Kapiteln zugrunde gelegt wird.

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