Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Prof. Dr. Carsten Herrmann-Pillath: Fellow

Universität Erfurt
Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Postfach 900221
99105 Erfurt

  • +49(0)361/737-2814
  • +49(0)361/737-2809

cahepil(at)online.de

Forschungsprojekt

China’s Economic Culture

Chinas wirtschaftliche Entwicklung stellt eine große Herausforderung für die westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme dar: Ein autoritäres kommunistisches Ein-Parteiensystem ist mit einer quasi- kapitalistischen Wirtschaft kombiniert, die historisch einzigartige Wachstumsraten über mehrere Jahrzehnte aufgewiesen hat. Für viele Ökonomen ist dies eine Paradoxie, die nur auflösbar ist mit der Annahme, dass dieses System über kurz oder lang radikalen politischen Wandel erfahren wird. Es gibt aber auch vermehrt Stimmen, die fragen, ob der chinesische Erfolg nicht vielmehr Defizite westlicher Systeme offenlegt. In China verbindet sich das steigende Bewusstsein eigener Stärke auch zunehmend mit einer Renaissance traditionalistischer Haltungen zur eigenen Kultur, etwa in Form der Anerkennung des Konfuzianismus selbst durch die KP Chinas.

Ich vertrete seit vielen Jahren die Auffassung, dass in solchen ökonomischen Debatten der Faktor der ‚Kultur‘ vernachlässigt wird. Bereits meine Dissertation befasste sich mit der Beziehung zwischen Kultur und Wirtschaft in China. Dieses Thema hat mich nie losgelassen, und in diesem Jahr habe ich ein Buch abgeschlossen, das versucht, eine Lösung des chinesischen Paradoxes zu entwickeln: Wachstum, Macht und Ordnung: Eine  wirtschaftsphilosophische Auseinandersetzung mit China (Marburg: Metropolis). Nun arbeite ich an einem Buch, das bei Routledge erscheinen wird und den knappen Arbeitstitel trägt: China’s Economic Culture. Dieses Buch wird eine zusammenfassende Darstellung des Standes der Forschung zu diesem Thema sein: Dabei ist ausdrückliches Ziel, eine interdisziplinäre Perspektive einzunehmen, die China-Wissenschaften, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und auch spezielle Beiträge aus der Psychologie oder den Kognitionswissenschaften zusammenführt.

Das Thema ist komplex, weil wir derzeit in vielen Bereichen eine Phase des ‚Revisionismus‘ erleben, was den Blick auf die historischen Wurzeln des modernen Chinas angeht. Das betrifft klassische Webersche Themen wie die Frage, warum sich das spätkaiserliche China nicht endogen modernisiert und industrialisiert hat, oder spezielle Themen wie die Beziehung zwischen traditionellen Familienstrukturen und modernen Unternehmen bis hin zu einer Problematik, die mir ganz besonders am Herzen liegt und am Max-Weber-Kolleg derzeit fruchtbar erörtert werden kann, nämlich die Rolle der Religion in der gesellschaftlichen und ökonomischen Modernisierung Chinas. Das betrifft zum einen das Aufleben traditioneller Formen der Religiosität wie dem Tempelbau und der Ahnenverehrung im Rahmen der Familienverbände besonders im Südosten Chinas, aber auch die rasche Verbreitung des Christentums gerade auch in Zentren privatwirtschaftlicher Dynamik und in den Städten. Insofern verschieben sich die Referenzen ständig, was die Beurteilung von Phänomenen des Wandels angeht: Beispielsweise werde ich mich vertieft mit der Rolle von Familienunternehmen in der chinesischen Wirtschaft heute befassen, bei deren Betrachtung Aspekte wie Wertewandel, Globalisierung und spezielle Auswirkungen institutioneller Veränderungen in der Wirtschaftspolitik integriert werden müssen.

Ein wichtiges Ziel des Buches ist es auch, methodische Prinzipien für die Einbeziehung von Kultur in die ökonomische Analyse zu entwickeln und in der Anwendung vorzuführen. Das Thema der ‚Kultur‘ ist inzwischen durchaus von der Wirtschaftswissenschaft entdeckt worden: Dabei werden aber kulturwissenschaftliche Methoden außen vor gehalten. Das hat die Konsequenz, dass ‚Kultur‘ reifiziert und als ‚exogene Variable‘ behandelt wird. Kultur wird dann ausschließlich als Erbe der Vergangenheit betrachtet, was mit Blick auf China auch regelmäßig zu verzerrten Darstellungen der Tradition führt, die etwa auf den ‚Konfuzianismus‘ verkürzt wird. Stattdessen vertrete ich die Auffassung, dass kulturelle Phänomene Ausdruck von Kreativität und Dynamik sind; ‚Tradition‘ wird hier ständig rekonstruiert und mit modernen Elementen in einer bricolage synthetisiert. Dazu habe ich in meinen theoretischen Arbeiten einen eigenen institutionen-ökonomischen Ansatz zur ‚Performativität‘ entwickelt. Diesen Ansatz lege ich auch meinem neuen Buch zugrunde. So soll das Buch nicht nur ein Beitrag zur China-Forschung sein, sondern auch zur Fortentwicklung wirtschaftswissenschaftlicher Denkansätze dienen.

Navigation

Untermenü

Werkzeugkiste

Nutzermenü und Sprachwahl