Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Forschungsprojekt: von Prof. Dr. Knud Haakonssen

Frühmodernes Naturrecht in Theorie und Praxis

Als Fellow am Max-Weber-Kolleg möchte ich etwas zur Erforschung des neuzeitlichen Naturrechts beitragen. Dabei sind meine wichtigsten Arbeitshypothesen die folgenden:

(1) Das ungeheuer umfangsreiche Naturrecht des 17. und 18. Jahrhunderts lässt sich nicht einfach auf der Basis seines literarischen Nachlasses als ein Gedankenoder Lehrgebäude verstehen. Es war auch eine neue  akademische Institution, die u. a. unterschiedlichsten politischen, theologischen, juristischen oder pädagogischen Aufgaben diente, und dessen theoretische – oder philosophische – Grundlagen deshalb stark von Kontext zu Kontext variierten. Dennoch hatte es eine spezifische Identität als akademische Institution, als eine praktische Sprache und als eine Art literarischem Genre mit einem eigenen Kanon.

(2) Ein solches Phänomen lässt sich nicht allein mit Mitteln der Philosophie- oder Ideengeschichte verstehen; es erfordert mehrere historiographische Register. Zum Beispiel ist die alte Diskussion um die „Originalität“ von Grotius und den nachfolgenden protestantischen Naturrechtlern im Verhältnis zu ihren scholastischen Vorgängern vielleicht von einem gewissen philosophischen Interesse; gleichzeitig ist diese Debatte aber auch ein Hindernis, will man die historische Bedeutung der allgemeinsten und am weitesten verbreiteten praxisbezogenen neuen Sprache in Europa vom westfälischen Frieden bis zum Vormärz verstehen: dem Naturrecht.

(3) Weitere Schwierigkeiten entstehen durch den Versuch, das frühmoderne Naturrecht in Kontinuität mit dem modernen Menschenrechtsdenken zu sehen und in diesem Zusammenhang das Naturrecht auf der Basis kantianischer oder nachkantianischer Perspektiven zu lesen und zu beurteilen. Das nach-grotianische Naturrecht ist einfach zu umfangreich, mannigfaltig und veränderlich, um auf diese Weise als Teil einer teleologischen Philosophiegeschichte betrachtet zu werden.

Ich bearbeite diese Thesen – meine Vorurteile – über das frühmoderne Naturrecht auf drei Ebenen. Erstens schreibe ich selbstständige Studien über einzelne Autoren. Gegenwärtig bereite ich die Publikation einer Auswahl meiner veröffentlichen Essays und unveröffentlichten Vorlesungen unter dem Titel „After Grotius, Before Kant: Studies in Natural Law“ vor. Diese Arbeiten stellen eine Brücke dar zwischen meinen früheren Arbeiten zu Naturrecht und Aufklärung und dem, was meine Hauptaufgabe als Fellow der Kolleg-Forschergruppe ist, nämlich eine größere monographische Studie, die das Naturrecht im oben
angedeuteten Sinn behandelt und dessen Titel „Natural Law, Theory and Practice from the Seventeenth to the Nineteenth Century“ ist.

Zweitens bin ich seit vielen Jahren mit wissenschaftlichen Ausgaben von Naturrechtswerken und Werken, die mit dem Naturrecht in Verbindung stehen, beschäftigt. Diese Aktivitäten setze ich fort; gegenwärtig mit dem Abschluss einer komplexen Ausgabe des Politik und politische Ökonomie betreffenden Manuskriptnachlasses des schottischen Hume-Gegners Thomas Reid (1710-96) und der großen moralphilosophischen und naturrechtlichen Abhandlung „A System of Moral Philosophy (1755)“ von Francis Hutcheson. Der erste Titel ist Teil meiner 10-bändigen „Edinburgh Edition of Thomas Reid“, der zweite erscheint in meiner 44-bändigen Reihe „Natural Law and Enlightenment  Classics“.

Drittens habe ich die Initiative für ein größeres europäisches Verbundvorhaben, „Natural Law 1625-1850“, ergriffen, das ich jetzt zusammen mit Frank Grunert (IZEA, Halle) und Diethelm Klippel (Rechtsgeschichte, Bayreuth) leite. Das Projekt hat mehrere Teile. Es geht zum einen um ein breit  angelegtes Digitalisierungsprojekt von allerlei Materialien, die die akademische Institutionalisierung des Naturrechts in ganz Europa im angezeigten Zeitraum dokumentieren. Dies wird zum anderen durch eine umfassende Bibliographie und Datenbank über Institutionen und Lehrer ergänzt. Im Rahmen eines internationalen Kongresses in Halle im Herbst 2013 laden wir außerdem zur Mitwirkung in einem internationalen Forschernetzwerk ein. Ein Schwerpunkt des Projekts ist die europäische Diaspora des protestantischen Naturrechts – auch in den katholischen Ländern. Gegenwärtig beteiligen sich
Institutionen aus zwölf Ländern an dieser Arbeit.

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