Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Forschungsprojekt: von Prof. Dr. Martin Fuchs

Individualisierung im innerzivilisatorischen Dialog. Antihierarchische Individualisierungsprojekte in Indien

Das Projekt möchte einen Beitrag zum Verständnis und zur Rekonstruktion religiöser Individualisierungsformen in Indien im 19. und 20. Jh. leisten. Es sollen Kontinuitäten mit älteren kulturellen und zivilisatorischen Interpretations- und Handlungsmustern herausgearbeitet und gleichzeitig die Dynamiken der Rekonfiguration von Individualität und Sozialität unter Bedingungen kolonialer wie postkolonialer Moderne untersucht werden.

Indische Religionen wurden im 19. Jh. in einen neuen Bezug zur Gesellschaft gestellt: als gestaltende Kräfte neuer sozialer Beziehungen. Sie agierten dabei in einem Spannungsverhältnis mit kolonialen Strukturen und Diskursen und standen im Wettbewerb mit säkular-rationalistischen indischen Strömungen wie auch in Konkurrenz untereinander. Besonders aktiv waren die sogenannten sozio-religiösen Reformbewegungen, die primär die städtischen Mittelklassen und Angehörige höherer Statusgruppen ansprachen. In der Forschung standen diese bisher im Vordergrund. Davon weitgehend getrennt agierten religiöse Reform-, Protest- und Selbstbehauptungsbewegungen, die von Angehörigen der unteren Kasten und unterprivilegierten Gruppen getragen wurden. Diese rückten erst in den letzten Jahrzehnten verstärkt ins Licht der Forschung.

Nicht alle Motive für religiöse Selbstbesinnung und Neubestimmung wie auch die verschiedenen Versuche, zurückzukehren zu dem, was als „orthodox“ gelten konnte, sind auf die kolonial-christliche Herausforderung allein zurückzuführen, es finden sich ebenso „interne“ Beweggründe. Es ging nicht nur darum, sich im kolonialen Kontext und in der kolonialen Moderne neu zu formieren, neue Stärke gegen äußere Kräfte aufzubauen und die eigenen Traditionen gegen christliche und koloniale Kritik zu verteidigen und so wieder Subjekt der eigenen Geschichte zu werden. Es ging ebenfalls darum, sich im innerzivilisatorischen Dialog zu behaupten und für das eigene Konzept von Sozialität und Individualität zu kämpfen.

Die Erforschung der sozialethischen und teilweise sozialkritischen religiösen Strömungen der breiteren sozialen Schichten, die erst mit großer Verspätung in den letzten Jahren richtig einsetzte, hat immer neue Belege für die historische Kontinuität einer indischen Suche nach Respekt, Gleichheit und Menschenwürde erbracht. Die soziale Resonanz einerseits, die gesellschaftliche Wirkungsmacht andererseits dieser egalitären Alternativen waren jedoch in früheren Epochen anders konfiguriert als im 19./20. Jahrhundert. Formen starker individueller Religiosität finden sich heute – bis in die Gruppe der städtischen Armen hinein – Seite an Seite mit den politischen und ethnizistischen kollektiven religiösen Bewegungen.
Ziel dieses Projektes ist es, zum einen die Veränderung des Begriffs (oder der Begriffe) von Individuum und Gesellschaft und ihrer Beziehung innerhalb signifikanter Religionen in Indien zu verfolgen, zum anderen die Kontinuitäten und Brüche mit früheren religiösen Strömungen herauszuarbeiten.

Das Projekt hat einen allgemeinen und einen spezifischen Aspekt. Auf spezieller Ebene soll es auf die religiösen Projekte der Humanitätsfindung (manuski) auf Seiten unterer Kasten und anderer unterprivilegierter Schichten in Indien fokussieren. Auf allgemeiner Ebene soll es einen Beitrag zur Analyse der religiösen Dynamik in der indischen Moderne leisten und mit dazu beitragen, das Weiterwirken kulturspezifischer interpretativer und interaktiver Mechanismen zu verstehen. Die allgemeine Ebene setzt den Rahmen für die speziellere Betrachtung. Das Projekt möchte nicht nur die Auseinandersetzung mit „der“ (kolonialen) Moderne durch einen Akzent auf kultur- und zivilisationsspezifische Dimensionen und Ausformungen der Moderne ergänzen und relativieren. Das Projekt möchte gleichzeitig dazu beitragen, die Aufspaltung von religiösen Bewegungen und Entwicklungen in Indien/Südasien in segmentierte Forschungsbereiche zu überwinden. Es ist erforderlich, die unterschiedlichen indischen religiösen Strömungen des 19./20. Jh. Mehr als bisher im Zusammenhang zu sehen. Dies gilt nicht nur in dem Sinne, dass die verschiedenen Religionen den Kontext füreinander abgeben. Vielmehr haben die verschiedenen religiösen Strömungen, Bewegungen und Diskurse zusammen – und zum Teil als „unbeabsichtigte Folge“ ihres Handelns – einen gemeinsamen Diskurs- und Referenzrahmen konstituiert, der sich teilweise überlappt mit der Herausbildung neuer, moderner Öffentlichkeiten. Das Projekt muss den gemeinsamen Verweisungszusammenhang der untersuchten Bewegungen entwickeln und muss die separatistischen Tendenzen einzelner Religionen gegen die diskursiven Interferenzen der verschiedenen Strömungen abwägen.

Dabei gilt es, die Lücke zwischen der prominenten textwissenschaftlichen Forschung (Indologie; comparative literature; history of ideas) und den klassisch-strukturtheoretischen sozialwissenschaftlichen Ansätzen mit ihrem Akzent auf Klasse und Kaste, die einen weitgehend starren, wenn nicht reduktionistischen Rahmen geschaffen hatten, zu explorieren und langfristig zu schließen und die soziale Religionsgeschichte in ein interaktives, prozessuales Konzept zu überführen.

Eine spezielle Frage für die hier konzipierte Forschung ist der Zusammenhang von religiösem Universalismus und Individualismus als Element alltäglicher Diskurse. Eine solche Blickrichtung erfordert einen Ansatz, der auf einer ethnographischen Haltung aufbaut und Methoden historischer Anthropologie mit einbezieht. Der Fokus auf die kontextuelle Verbindung verschiedener Praxis- und Diskursstränge und auf die mikrosozialen Interaktionsmechanismen bildet zugleich eine Interpretationsfolie für all die historischen Konstellationen, für die nur selektive Materialien zur Verfügung stehen.

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