Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Michael Rösser: Doktorand

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Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
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Forschungsprojekt

Kontinuitätslinien der Zwangsarbeit vom kolonialen „Deutsch-Ostafrika“ zum Ersten Weltkrieg in Europa

In der aktuellen Debatte über die Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg in den von dem Deutschen Heer besetzten Gebieten an der West- und Ostfront wurde die Bedeutung des kolonialen Hintergrundes eingehend diskutiert, aber unterschiedlich bewertet. Während einige Historiker den Imperialismus als einflussreichen Erfahrungshintergrund für die Zwangsarbeit während des Ersten Weltkrieges erachten (z.B. Jens Thiel), stellt der deutsche Kolonialismus für die andere Seite einen zu vernachlässigenden Randaspekt dar (z.B. Christian Westerhoff).

Zunächst wird im Projekt diskutiert werden, inwieweit sich mit Hilfe einer theoretischen Konzeption eine Vergleichbarkeit der Zwangsarbeit an verschiedenen Orten überhaupt herstellen lässt. Zieht man die Kriterien heran, die in der Literatur für den Zweiten Weltkrieg verwendet werden, insbesondere die beiden fundamentalen Handlungsoptionen exit und voice (Albert O. Hirschman) sowie die Sterblichkeit während des Arbeitseinsatzes, so ergeben sich nach einer ersten Analyse vor allem Parallelen zur Behandlung der Zivilbevölkerung im von 1914 bis 1918 militärisch verwalteten Gebiet Ober-Ost (v.a. heutiges Litauen und Nordostpolen). Auch wenn dieses Promotionsvorhaben nicht dezidiert nach direkten Kontinuitäten zwischen dem deutschen Kolonialismus und dem Holocaust fragt, also v.a. die Frage der Vernichtungsabsicht außen vor lässt, fällt doch auf, dass die extrem hohen Todesraten afrikanischer Zwangsarbeiter erst wieder während des „Dritten Reiches“ in der deutschen Geschichte auftraten. Hierbei rückt auch die Rolle von kolonialen Konzentrationslagern in den Fokus, deren Existenz für „Deutsch-Ostafrika“ (Tansania, Ruanda, Burundi) besonders während des Maji-Maji-Krieges 1905-1908 umstritten ist und deren Charakter ebenfalls untersucht werden soll.

Einen neuen Zugang zum viel diskutierten Thema der kolonialen Zwangsarbeit in „Deutsch-Ostafrika“ kann die bisher wenig beachtete Rolle verschiedener wirtschaftlicher Akteure liefern. Anhand erster Recherche-ergebnisse in Firmenarchiven namhafter deutscher Bauunternehmen lassen sich Kontinuitätslinien zwischen kolonialer Zwangsarbeit in „Deutsch-Ostafrika“ und Zwangsarbeit während des Ersten Weltkrieges an der West- und Ostfront in Europa belegen. Diese Firmen waren beim Bau großer Infrastrukturprojekte in der Kolonie und in den besetzten Kriegsgebieten in Europa beteiligt,
bei denen Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Zudem können hier Kontinuitäten der Zwangsarbeit sogar zum Zweiten Weltkrieg angedeutet werden, beispielsweise beim Bau der U-Boot-Bunker-Anlage im französischen Lorient im Rahmen der Organisation Todt, bei der die gleichen Unternehmen (sowie teilweise deren „koloniales“ Personal) beteiligt waren.

Zwischen dem kolonialen Zwangsarbeiterregime und denjenigen in Ober-Ost sowie Belgien liegen zudem auch vereinzelt personelle Kontinuitäten auf Regierungs- bzw. Administrationsebene vor; insbesondere in der prominenten Person Walther Rathenaus.

Nachforschungen in Archiven verschiedener Wirtschaftsverbände sind in Vorbereitung.

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