Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Julia Seeberger: Doktorandin

Universität Erfurt
Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Postfach 900221
99105 Erfurt

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Forschungsprojekt

Geruch als Mittel sozialer Distinktion im Mittelalter

Mein Projekt richtet einen kulturgeschichtlichen Blick auf Geruchszuschreibung im Mittelalter und will Geruch als Mittel sozialer Distinktion untersuchen. Unter Bezugnahme auf kulturanthropologische Überlegungen wird davon ausgegangen, dass die Wahrnehmung sowie die Deutung von Gerüchen ein sozialer Akt ist. Im Exkurs über die Soziologie der Sinne geht Georg Simmel 1923 auf die gesellschaftliche Rolle von Geruch ein, indem er zwischenmenschliche Antipathien auf die Unüberwindlichkeit von Geruchseindrücken zurückführt. Im gesellschaftlichen Kontext wird der Geruchssinn zum dissoziierenden Sinn und die soziale Frage zur Nasenfrage. Verknüpft man diese Überlegungen mit der von Pierre Bourdieu in den Feinen Unterschieden vorgestellten Theorie über Geschmack und Werturteile, so impliziert die Wahrnehmung und Zuschreibung von Geruch erstens ein gesellschaftlich vermitteltes Werturteil und zweitens lassen sich über die Geruchszuschreibung soziale Gruppen definieren. Für eine mittelalterliche Gesellschaft bedeutete dies, dass die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft eng an den Geruch geknüpft war. Durch die breite Palette geruchlicher Komponenten konnte ein feines Raster sozialer Hierarchien aufgebaut werden. Deshalb wird angenommen, dass die Artikulation verschiedener Gerüche eine Hierarchie unterschiedlicher sozialer Gruppen innerhalb der mittelalterlichen Gemeinschaft konstruierte, an deren Spitze Heilige und an deren äußeren Rand sog. unehrliche Gruppen und JüdInnen standen. Ebenso oblag bestimmten sozialen Gruppen, wie beispielsweise Leprakranken oder Königen, ein ambivalenter Geruch, der abhängig vom Riechenden bewertet wurde. Dabei musste der Geruch stets innerhalb eines christlichen Weltbildes gedeutet werden, wodurch sich der/die Bewerter/in als Mitglied der christlichen Glaubensgemeinschaft ausweisen und gleichzeitig ein Urteil über die beschriebene soziale Gruppe fällen konnte. Da für den Untersuchungszeitraum christliche Autoren die Deutungshoheit innehatten, bilden normative Texte (Kirchenlehrer, kirchliche Gesetzestexte) und Normen propagierende Texte (hagiographische Literatur, Predigten) das Korpus der Quellen.

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