Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Dr. Urs Lindner: Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Koordinator des Projekts "Ordnung durch Bewegung"

Universität Erfurt
Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Postfach 900221
99105 Erfurt

Vita

02-03/2017 DAAD-Visiting Scholar am Centre for the Study of Developing Societies, Delhi

Seit 03/2015 Koordinator des Projekts "Ordnung durch Bewegung" am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt

10/2014 – 01/2015 DAAD-Visiting Scholar an der University of Pennsylvania, Philadephia

Seit 04/2014 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt

10/2013 – 03/2014 Juniorfellow am DFG-Kolleg ‚Postwachstumsgesellschaften’ der Schiller Universität Jena

09/2010 – 08/2013 Postdoc und Projektkoordinator an der ETH Zürich

07/2010 Promotion in Philosophie an der Freien Universität Berlin mit summa cum laude (Doktorarbeit: Marx und die Philosophie. Metaphysikkritik, wissenschaftlicher Realismus und moralischer Perfektionismus)

04/2009 – 07/2009 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Goethe Universität Frankfurt

07/2007 – 03/2009 Promotionsstipendium des Nachwuchsförderungsprogramms des Landes Berlin (Nafög)

07/2005 Studienabschluss (M.A.) in Philosophie und Gender Studies an der Freien und Humboldt Universität Berlin (Magisterarbeit: Die Ordnung der Gesellschaft. Sozialtechnologie und Recht in Foucaults Machtanalytik)

Forschungsprojekt

Gerechtigkeit als Gleichstellung. Affirmative Action in Indien, den USA und Deutschland

Die im März 2015 vom Bundestag beschlossene Einführung einer Frauenquote in Führungspositionen börsennotierter Unternehmen hat Fragen der Gleichstellung auch in Deutschland (wieder) auf die politische Tagesordnung gesetzt. Dabei sind Quoten neben gruppenspezifischen Förder- und Rekrutierungsmaßnahmen sowie ‚indirekten’ Instrumenten wie Elternzeit, Elterngeld oder Barrierefreiheit nur ein, wenn auch wichtiges Element der Gleichstellungspolitik. Dennoch geben sie regelmäßig Anlass zu politischen Polarisierungen, da mit ihnen das substanzielle Ziel sozialer Teilhabe über den Grundsatz formaler Gleichbehandlung gestellt wird. Eine rechtliche Grundlage dafür hat § 5 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz von 2006 geschaffen, der unter dem Titel ‚positive Maßnahmen’ eine „unterschiedliche Behandlung“ dann für zulässig erklärt, „wenn durch geeignete und angemessene Maßnahmen bestehende Nachteile verhindert oder ausgeglichen werden sollen.“

Inwiefern sind gleichstellungspolitische Instrumente wie Quoten tatsächlich geeignet, sozio-strukturell verankerten Ungleichheiten und Diskriminierungen anhand von Geschlecht, Ethnie oder Behinderung entgegenzuwirken? Reproduzieren und verstärken sie durch Klassifikations- und Kategorisierungspraktiken nicht vielmehr die infrage stehenden Ungleichheiten? Was sind die normativen Rechtfertigungsressourcen von Gleichstellung und welche Anforderungen erwachsen aus ihnen an konkrete Maßnahmen? Diese Fragen – so die zugrundeliegende Idee des Forschungsprojekts – lassen sich am besten komparativ beantworten, indem Gleichstellung in den mittlerweile globalen Diskurs um affirmative action ‚übersetzt’ wird. Das als Habilitationsvorhaben angelegte Projekt kontrastiert daher den deutschen Gleichstellungsansatz mit entsprechenden Debatten und Politiken in Indien und USA, den beiden klassischen Ländern von affirmative action. In Indien wurden Kastenquoten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts implementiert und nach der Unabhängigkeit in der Verfassung verankert; heute existieren sie als umfangreiches reservation system in politischer Repräsentation, öffentlichem Sektor und höherer Bildung. In den USA wiederum entstand affirmative action in Reaktion auf die racial riots der zweiten Hälfte der 1960er Jahre und betrifft neben der höheren Bildung vor allem die Privatwirtschaft. In beiden Fällen gewannen Politiken der Gleichstellung eine expansive Dynamik, die über Kaste und race hinaus auch auf andere Ungleichheitsachsen wie Ethnizität, Geschlecht oder Behinderung ausgegriffen hat. Während diese Dynamik in Indien bis zum heutigen Tag anhält, ist affirmative action in den USA seit der Reagan-Ära immer weiteren Restriktionen unterworfen worden.    

Über den Vergleich von affirmative action in Indien, den USA und Deutschland zielt das Forschungsprojekt darauf ab, pragmatische und normative Kriterien zu entwickeln, anhand derer sich gleichstellungspolitische Maßnahmen beurteilen lassen. Auf diskursiver Ebene werden politische und theoretische Debatten untersucht, wie sie in allen drei Ländern ausgehend von Gerichtsurteilen, Parlamentsbeschlüssen und Regierungsverordnungen geführt wurden, mit speziellem Fokus auf antagonistische Konzeptionen von Gerechtigkeit, Gleichheit und Differenz. Auf Ebene der Praxis konzentriert sich das Projekt auf institutionelle Mechanismen und Akteurskonstellationen sowie (nicht-realisierte) policy-Vorschläge, mit besonderem Augenmerk auf dem Problem der Intersektionalität, der Überkreuzung verschiedener Ungleichheitsachsen. Auf diese Weise soll ein auch politisch relevanter Beitrag zur Gleichstellungsforschung entstehen, der die übliche Kluft zwischen normativer politischer Theorie und sozialwissenschaftlicher policy-Analyse überwindet.

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