Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Louis-Philippe Vien: Doktorand

Universität Erfurt
Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Postfach 900221
99105 Erfurt

 

Forschungsprojekt

Parlamentarismus in Zeiten des agnostischen Liberalismus

Meine Arbeit stellt einen analytischen Vergleich des politischen Gedankengutes dreier Autoren an der Schnittstelle von Begriffsgeschichte und politischer Philosophie dar – namentlich John Stuart Mill (1806-1873), Walter Bagehot (1826-1877) und Max Weber (1864-1920). Im Besonderen widme ich mich der Betrachtung ihrer gemeinsam geteilten Erwartungen an eine moderne parlamentarische Regierung. Im Gegensatz zu den Parlamenten des 19. Jahrhunderts haben die gegenwärtigen nicht im gleichen Maße politischen Einfluss. Sofern man Staatsjuristen und Politikwissenschaftlern zustimmen kann, wenn sie von einem „Rückgang des Parlamentarismus“ sprechen, so ist diese Aussage bedingt durch die divergierende Vorstellung von Parlamenten. Mill, Bagehot und Weber erscheinen in diesem Zusammenhang als führende Köpfe des Goldenen Zeitalters der parlamentarischen Theorie.

In meiner Doktorarbeit gehe ich davon aus, dass zwischen dem Second Reform Act von 1867 in England und den Années Folles der Parlamentarismus eine neue Gestalt annahm. So versuchte man, den Parlamentarismus, der eine archaische Institution ist, zu bewahren, ungeachtet der Ausweitung des Wahlrechts und der Entstehung des „Massenstaates“. Laut der Theoretiker dieser Form des Parlamentarismus war die Erhaltung der parlamentarischen Institutionen nicht nur der neuen Massendemokratie förderlich, sie war vielmehr essentiell für die Staatskunst. Sie behaupteten, dass einige unerlässliche soziale und politische Funktionen, wie die politische Erziehung der Nation, die Bekämpfung des bürokratischen Apparats des Staates, die Öffentlichkeit der Verwaltung und die Identifizierung politischer Führer durch das Volk selbst, auf keine andere Weise im modernen Massenstaat erreicht werden könne.

Mein Anliegen besteht in der Rekonstruktion des Diskurses jener, die die Ansicht vertraten, dass ein Parlament eine aktive und positive Rolle in der modernen Politik haben sollte. Die zugrunde liegenden Werke von Mill, Bagehot und Weber werden hierbei nicht angeführt, um das jeweilige theoretische Bestreben zu schildern, sondern vielmehr als Grundlage, um die Existenz dieses Bestrebens und dessen Hauptthemen zu zeigen. Selbstverständlich will ich hierbei nicht die Behauptung aufstellen, dass alle drei Autoren die gleiche Meinung über die parlamentarische Regierung vertraten, auch stelle ich keine biographische oder philologische Verbindung der drei Autoren miteinander her. Was ich allerdings in dieser Arbeit untersuche, ist der Befund, dass sie, obwohl sie nie miteinander sprachen, dennoch die gleiche Sprache sprechen, indem sie gemeinsame Überlegungen über Parlamentarismus teilten.

Die hauptsächliche Zielsetzung meiner Forschungsarbeit sollte unter dem Blickwinkel der Genealogie betrachtet werden. Die Beleuchtung dieses Diskurses über die Geschichte der modernen Lehren des Parlamentarismus wird es uns erlauben, die Ansichten über diese Institution besser zu verstehen, die wir heute nicht mehr teilen. Darüber hinaus sehen wir uns gezwungen, unsere gegenwärtige Konzeption des Parlamentarismus zu hinterfragen. Das zweite und durchaus subtilere Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, dass Weber als der Erbe der britischen whig tradition angesehen werden kann – zumindest dass er sich in seinen Annahmen über das „Arbeitsparlament“ von dieser Tradition hat inspirieren lassen. Dies kann ein neues Licht auf sein politisches Denken werfen, abseits der sterilen Kontroversen über seine intellektuelle Verantwortung bezüglich der katastrophalen Ereignisse während der Weimarer Republik.

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