Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Arten der Dokumentation : Sektion V

Die Frage, die sich dem Laien stellt, ist, warum Inschriften - aber auch Skulpturen - dokumentiert werden müssen. Dieses läßt sich relativ einfach beantworten, denn ein einmal vor Ort dokumentiertes Objekt kann überall und jederzeit bearbeitet werden, d.h., es kann eine abschließende, wissenschaftlich exakte Interpretation vorgenommen werden. Weitere Gründe sind, daß trotz fortschreitender Sachkenntnis durch Umwelteinflüsse, Zerstörung oder unsachgemäße Lagerung immer noch irreparable Schäden an antiken Objekten entstehen. Zudem sind aber auch Fälle bekannt, daß einzelne Objekte verschwinden und als verschollen gelten, weil sie z.B. verräumt werden. Mit einer Kopie, d.h. der originalgetreuen Wiedergabe, ist sichergestellt, daß in solch extremen Fällen wichtige Daten auch nachfolgenden Generationen zur Verfügung stehen.

Im Rahmen der langjährigen Arbeiten im CIL-Projekt bestätigte sich häufig der Vorteil der dokumentierenden Bearbeitung (Sektion III): So zum Beispiel im französischen Saverne (Tres Tabernae), wo mehrere Grabsteine, nachdem sie durch Mitarbeiter wissenschaftlich erfaßt worden waren, bei Bauarbeiten durch schnellbindenden Zement beschädigt wurden, so daß eine nochmalige Autopsie unmöglich wurde.

Da die Arten der Dokumentation äußerst vielfältig sind, können sie hier nur exemplarisch vorgestellt werden. Außerdem sind einige Methoden sehr zeitaufwendig und setzen eine restauratorische Ausbildung voraus, so daß sie nicht im CIL-Projekt angewendet werden können.

Im Projekt erwiesen sich die Photographie, die (Hand-)skizze und der Durchrieb als praktikable Arten der Dokumentation.


Die Photographie (Sektion III) hat den Vorteil, daß sie jederzeit und überall anwendbar ist. Die Inschriftenbestände sind auf diese Weise schnell erfaßbar und immer wieder bildlich reproduzierbar. Als Nachteil wirkt sich die relativ geringe Beständigkeit des Fotomaterials gegenüber modernen Umwelteinflüssen aus, so daß seine materialsichernde Archivierung mit hohen Folgekosten verbunden ist. Das CIL-Projekt verfügt derzeit über eine Fotodatei mit mehr als 15000 Fotos. Die älteste Form der Dokumentation ist die (Hand-)skizze. Generationen von Forschern haben Inschriften in dieser Form überliefert. Auch noch heute überzeugt die einfache Art der Ausführbarkeit, da sie problemlos von jedermann anwendbar ist. Der größte Nachteil besteht in der subjektiven Wahrnehmung des Zeichners, die durchaus mit Fehlern behaftet sein kann.

Nur für kleinere Objekte wie z.B. Münzen, Stempelinschriften oder Punz- bzw. Ritzinschriften ist der sogenannte "Durchrieb" geeignet. Zu diesem Zweck wird ein Stück Papier auf das entsprechende Objekt gelegt und dessen Relief mit einem Stück Kohle oder einem harten Bleistift durchgerieben, so daß sich die erhabenen Konturen abzeichnen. Anschließend sollte der Abdruck unbedingt mit Haarspray oder farblosem Lack überzogen werden, um die Graphitpartikel dauerhaft auf der Unterlage zu fixieren. Ein Vorteil dieser Methode ist, daß die Oberfläche des Originals kaum in Mitleidenschaft gezogen wird.

Für eine Anwendung im CIL-Projekt schieden die nachfolgenden Techniken, vor allen Dingen aufgrund des erforderlichen Zeitaufwandes aus.

Mit Hilfe der gerasterten Umzeichnung (Sektion VI) ist es möglich, Konturen vergrößert oder verkleinert zu kopieren. Bei der Anwendung dieser Technik sollte allerdings eine geeignete Maßstabsgröße schon vor Beginn der Arbeit festgelegt werden. Die erkennbaren Linien des Steines und der Buchstaben werden mit Hilfe eines Gitternetzes auf dem Objekt gerastert und dann maßstabsgetreu auf eine größere oder kleinere Rastervorlage übertragen. Es entsteht die gewünschte Vergrößerung oder Verkleinerung. Diese Art der graphischen Reproduktion eignet sich vor allem für ebene Oberflächen. Die Nachteile bestehen darin, daß die Anfertigung der Rasterumzeichnung äußerst zeitintensiv ist und entsprechende Erfahrungen voraussetzt.

Eine andere Zeichentechnik ist das Durchzeichnen auf eine transparente Folie. Diese wird um das Objekt gespannt und anschließend werden erkennbare Umrisse und Formen mit einem Lackstift auf die Folie übertragen. Diese Technik wird vorzugsweise bei der Dokumentation von Meilensteinen oder Mosaiken verwandt. Ihre Anwendung verlangt eine stete Konzentration und große Genauigkeit.

Mit Hilfe der sogenannte "Abklatschtechnik" entsteht ein "negatives" Original. Hierbei wird der Stein mit gewässertem Papier (Fließpapier, Seidenpapier oder auch Toilettenpapier) bedeckt, das in mehreren Schichten aufgetragen wird. Jede Schicht wird mit einer Bürste vorsichtig in die Konturen des Steines gerieben, so daß nach dem Trocknen ein spiegelverkehrter Abdruck in Originalgröße entsteht. Die Vorteile der Technik bestehen in der originalgetreuen Wiedergabe des Objektes. Nicht zu verkennende Nachteile dieser Dokumentationsart sind die lange Trocknungszeit des Papiers verbunden mit in einer möglichen Gefährdung bzw. Beschädigung des Objektes. Mittlerweile spielen moderne Kunststoffe eine wichtige Rolle bei der Dokumentation und vor allem Reproduktion der antiken Quellen.
So gibt es die Möglichkeit, ein Objekt mit Optosil zu kopieren, einer Kautschukmasse, die ihre Anwendung hauptsächlich in der Zahnmedizin hat. Bei dieser Technik wird das entsprechende Objekt mit einem Gemisch von Optosil und einem Härter bestrichen und abgeformt. Der Vorteil dieser Technik liegt darin, daß eine relativ gute "negative" Kopie entsteht. Als Nachteil schlagen die hohen Kosten für den Kunststoff zu Buche. Da es sich um ein chemisches Kunstprodukt handelt, besteht bei einer falschen Handhabung außerdem die Gefahr, daß es zu einer Beschädigung des Steines kommen kann.

Desweiteren lassen sich Steine mit einer Silikonkautschukmasse vom Typ Köraform kopieren. Anfangs wird das Objekt mit Tapetenkleister bestrichen. Der Leim erfüllt zwei Funktionen: zum einen bildet er eine Isolierschicht zwischen dem Stein und dem Silikonkautschuk, zum anderen hat er eine stabilisierende Wirkung auf die Steinoberfläche. Als zusätzliche Isolierung wird nach dem Abtrocknen der Leimschicht ein dünner Film Schmierseife aufgetragen. Danach wird die erste Lage Kautschuk gut und genau auf den Stein aufgebracht, damit sich eine optimale Abformung ergibt. Sollten Luftbläschen auftreten, werden diese aufgestochen. Dieser Vorgang wird wiederholt, bis eine Silikonhaut von ca. 4 cm entsteht, die dann die nötige Konsistenz besitzt, um sie vom Objekt abzutrennen. Später wird um dieses Silikonnegativ noch eine Gipskapsel konstruiert, die dem Ganzen die nötige Stabilität verleiht. Der Vorteil dieser Methode ist, daß eine nahezu hundertprozentige dreidimensionale Kopie des Objektes erzeugt wird. Der Nachteil besteht in dem enorm hohen Aufwand sowohl an Materialien als auch an Personal, so daß sich eigentlich nur große Museumswerkstätten diese Technik leisten können.

Die letzte hier vorgestellte Möglichkeit der plastischen Reproduktion ist das Verfahren mit Revultex, einem in Ammoniak gelösten Naturkautschuk. Er wird mit einem Pinsel vorsichtig in einer ersten Schicht aufgetupft. Wenn sich das Ammoniak verflüchtigt hat, entsteht ein gummiartiger, dünner Film. Wichtig ist, daß jeder Winkel des Steines mit Revultex bedeckt ist, denn nur so kann eine exakte Kopie entstehen. Da dieser Negativform allerdings bei einer Abformung die nötige Stabilität fehlen würde, wird auch hier eine sogenannte Gipskapsel um das Kautschukmodell gebaut. Der Vorteil dieser Methode ist auch hier, daß eine nahezu hundertprozentige dreidimensionale Kopie des Objektes erzeugt wird. Der Nachteil besteht wie beim Silikonkautschuk ebenfalls in dem enorm hohen Aufwand sowohl an Materialien als auch an Personal.



leif Scheuermann, letzte Änderung: 17.05.2010

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