Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Klassifizierung von Inschriften: Inschriftentypen: Sektion IV

Epigraphische Quellen

Epigraphische Quellen beziehen ihren Quellenwert aus ihren bestätigenden, in vielen Fällen jedoch ergänzenden und berichtigenden Aussagen zur literarischen Überlieferung der antiken Schriftsteller. Dies gilt in besonderem Maße für die von diesen im allgemeinen als nicht erwähnenswert und literaturwürdig erachteten provinzialrömischen Themenfelder Heeresorganisation und Truppenverteilung, Verwaltungsorganisation, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Religions- und Kulturgeschichte. Die Inschriften besitzen somit gerade in bezug auf das provinzialrömische Germanien und das römische Deutschland eine immense historische Relevanz. Ihre historische Auswertung bezeichnet Ziel und Rechtfertigung der durch die Osnabrücker Projektarbeiten zum CIL angestrebte Publikation des wissenschaftlich inventarisierten Inschriftenmaterials der germanischen Provinzen (Sektion II).

Der antike Brauch, zu bestimmten Anlässen eine Inschrift zu setzen, ermöglicht die Auswertung eines breiten inschriftlichen Quellenfundus für die Rekonstruktion der provinzialrömischen Geschichte. Aus diesem Grund eignet der antiken, mediterranen Welt das Prädikat einer Inschriften-Kultur. Angesichts der besonderen Anlässe, bei denen eine Inschrift gesetzt wurde, läßt sich die Masse der Inschriften in nur wenige Haupttypen gliedern. Eine derartige Gliederung des gesamten Inschriftenmaterials ergibt deren typologische Klassifizierung in Grabinschriften, Weihinschriften, Ehreninschriften und Bauinschriften. Inschriften, die sich dieser Einordnung entziehen, werden unter der Kategorie "Kleininschriften" zusammengefaßt (Sektion VII). Jeder dieser inschriftlichen Haupttypen besitzt seine eigene Formelhaftigkeit und ist auf Grund dessen zumeist eindeutig identifizierbar. Diese Formelhaftigkeit besteht in erster Linie aus charakteristischen sprachlichen Wendungen, die aus Platz- und Kostengründen häufig verkürzt eingemeißelt wurden, weil sie allgemein bekannt waren. Die Formeln, die aus bestimmten Buchstabenkombinationen bestehen, variieren je nach Provinz und unterlagen einem zeitlichen Wandel, so daß abgekürzte Inschriftformeln häufig als ein Datierungskriterium herangezogen werden können.

Grabinschriften

Neben dem Namen des Verstorbenen enthalten Grabinschriften seit dem Ende des 1. Jahrhunderts n.Chr. im römischen Germanien häufig eine Weihung an die Totengötter, den Di Manes, mit wachsender Verbreitung abgekürzt D M. Angegeben wird ferner die Zahl seiner Lebensjahre, bei Soldaten auch die Zahl der Dienstjahre. Zumeist folgt dann der Name desjenigen, der die Inschrift dem Toten zum Gedenken hat setzen lassen, oft mit der Angabe einer verwandtschaftlichen Beziehung zum Toten. Für Grabinschriften charakteristische Formeln sind:

Formeln in Grabinschriften
D M(Dis Manibus = dem Toten; den Totengöttern; Beispiel 1)
M S (Dis Manibus sacrum = den Totengöttern geweiht)
H S E (hic situs est = liegt hier begraben; Beispiel 2)
EX T (ex testamento = dem Testament gemäß)
EX T F C (ex testamento faciendum curavit = er hat dem Testament gemäß für die Errichtung des Grabmals gesorgt; Beispiel 2)
H M H N S (hoc monumentum heredem non sequetur = Dies Grabmal wird an keinen Erben übergehen; Beispiel 1)
STIP (stipendiorum = an Dienstjahren; Beispiel 2)
A/AN/ANN (annorum = an Jahren; Beispiel 2)
V AN/V ANN (vixit annis = er lebte ...Jahre)
S T T L (sit tibi terra levis = die Erde sei dir leicht)
DEF AN/ANN (defunctus annorum = verstorben mit ...Jahren)
O/OB AN/ANN (obitus annorum = verstorben mit ...Jahren)

 

 

Beispiel 1: Grabinschrift des Zosimus (4.N.90)

Transskription:

Dis Manibus Ti(berio) Claudio

Aug(usti) l(iberto) Zosimo proc(uratori)

praegustatorum Imp(eratoris)

Domitiani C[a]esaris

Aug(usti) Germanic[i] h(oc) m(onumentum) h(eres) n(on) s(equetur)

Übersetzung:

Den Totengöttern. Dem Tiberius Claudius Zosimus, dem kaiserlichen Freigelassenen, dem Vorsteher der Vorkoster des Kaisers Domitianus Caesar Augustus Germanicus. Dieses Grabmal wird an keinen Erben übergehen.

Kommentar:

Die bedeutende Inschrift des Zosimus war Teil eines größeren Grabdenkmals. Bestattet war in diesem Grab der kaiserliche Freigelassene Tiberius Claudius Zosimus, der als procurator praegustatorum - Vorsteher der kaiserlichen Vorkoster - ein hohes Amt am Hofe des Kaisers Domitian (81-96 n.Chr.) bekleidete. Seine Bestattung in Mainz belegt den Aufenthalt Kaiser Domitians in Mainz, was mit dessen Feldzug gegen den aufständischen obergermanischen Stamm der Chatten im Jahre 83 n.Chr. in Zusammenhang zu bringen ist. Da der Kaiser den ehrenden Beinamen Germanicus trägt, der ihm im August 83 n.Chr. verliehen wurde, datiert die Inschrift den Tod des Zosimus in die zweite Hälfte des Jahres 83 n.Chr

Beispiel 2: Grabinschrift des Romanius aus Mainz (CIL XIII 7029)

Transskription:

C(aius) Romanius
eq(ues) alae Norico(rum)
Claud(ia tribu) Capito
Celeia an(norum) XL stip(endiorum) XIX

h(ic) s(itus) e(st) h(eres) ex t(estamento) f(aciendum) c(uravit)

Übersetzung:

Gaius Romanius Capito, Reiter einer norischen Reiterhilfstruppe, aus Celeia (Celje, Slowenien), als römischer Bürger eingeschrieben im Stimmbezirk Claudia, 40 Jahre alt, 19 Dienstjahre, ruht hier. Sein Erbe hat diesen Stein aufgrund des Testamentes errichten lassen.

Kommentar:

Der detailliert gearbeitete Grabstein des Romanius stellt ein herausragendes Zeugnis eines Reitergrabsteines dar, der Rückschlüsse auf Bewaffnung und Bekleidung eines Hilfstruppenreiters erlaubt. Die Inschrift belegt die Stationierung der Reiter-Hilfstruppeneinheit Ala Noricorum im bedeutenden Militärlager Mainz und datiert ins 1. Jahrhundert n.Chr..

Neben den Hilfstruppen sind vor allem auch die eigentlichen Kerntruppen des römischen Heeres, die Legionen, inschriftlich belegt. So ergibt der inschriftliche Befund vor allem der Soldatengrabsteine, daß in der Zeit der römischen Präsenz in Mainz zwischen 13 v.Chr. und 92 n.Chr. neun verschiedene Legionen in Mainz kaserniert waren. Soldatengrabsteine sind somit nicht nur ein wichtiges Zeugnis für die Truppenverteilung von Legionen und Hilfstruppen im Römischen Reich, sondern gewähren zudem Rückschlüsse auf die Rekrutierungsgebiete von Legionären und Hilfstruppensoldaten in einer bestimmten Provinz.

Weihinschriften

Weihinschriften dienten dem Kult der antiken Götterwelt. Sie nennen zuerst den Namen der Gottheit, der die Weihung gilt. Handelt es sich um eine sehr bekannte Gottheit, dann wird der Name meist abgekürzt geschrieben: I O M (Iovi Optimo Maximo = Iupiter, dem Besten und Größten; Beispiel 3). Darauf folgt der Name des Weihenden, manchmal auch Hinweise auf die erhoffte Weihewirkung, z.B. pro se et suis (für sich und die Seinen), pro salute sua (für sein Heil), pro salute imperatoris (für das Heil des Kaisers) oder Hinweise auf die Weihegabe (aram/Altar, aedem, templum/Tempel). Ab der Mitte des 2. Jahrhunderts n.Chr. wird der Weihinschrift - vor allem in Obergermanien - als ein Akt der Reverenz häufig noch eine Widmung an das Kaiserhaus vorangestellt: in honorem domus divinae (zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses). Für Weihinschriften charakteristische Formeln sind:

Formeln in Weihinschriften
IN H D D (in honorem domus divinae = zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses)
D (dedit = er gab)
D D (dono dedit = er gab zum Geschenk)
V S (votum solvit = er hat sein Gelübde eingelöst)
V S L M (votum solvit libens merito = er hat sein Gelübde gern und nach Gebühr eingelöst)
V S L L M (votum solvit libens laetus merito = er hat sein Gelübde gern, freudig und nach Gebühr eingelöst)
P (posuit oder posuerunt = er hat bzw. sie haben errichtet; Beispiel 3)



Beispiel 3: Weihinschrift für Iupiter und Iuno Regina aus Mainz (CIL XIII 6722)

Transskription:

I(ovi) O(ptimo) M(aximo)

et Iunoni

Reginae

vicani Mo-

gontiacen-

[s]es vici no-

vi d(e) s(uo) p(osuerunt)

Übersetzung:

Für Iupiter, dem Besten und Größten, und für Iuno Regina haben die Mainzer Bewohner des "Neuen Stadtviertels" (dieses Monument) aus eigenen Mitteln errichtet.

Kommentar:

Die Inschrift dieser Kollektivweihung der vicani Mogontiacenses vici novi - der   Einwohner/Gemeindegenossen des "Neuen Stadtviertels" in Mainz - für Iupiter und Iuno Regina ist angebracht auf einer der vier Seiten einer quadratischen Basis. Neben der Inschrift sind auf den übrigen drei Seiten dieser Basis drei Götterbildnisse von Sol, Luna und Fortuna zu finden. Dieser sogenannte Viergötterstein mit Inschrift gehört zu einem Denkmal des Iupiterkultes aus dem römischen Mogontiacum/Mainz und ist als monumentaler Basissockel einer sogenannten Iupiter(giganten)säule zuzuordnen, die häufig aus zwei solch skulptierten Sockeln, einem Säulenschaft und einer bekrönenden Gruppe bestand.

Die Gestaltung der bekrönenden Gruppe entspricht entweder einem thronenden Iupiter bzw. dem thronenden Götterpaar Iupiter und Iuno Regina oder aber einer sogenannten Gigantenreitergruppe.

Diese Iupiter(giganten)säulen repräsentieren eine spezifische Form des Götterkultes im obergermanischen Raum. In ihnen durchdringen sich einheimisch-keltische und römische religiös-mythologische Vorstellungen. Der Viergötterstein datiert in frühtraianische Zeit (um 100 n.Chr.).

Die Inschrift gewährt Einsichten über die Siedlungsgeschichte des zivilen Mogontiacum/Mainz. Nachdem bis 13 v.Chr. das militärstrategisch günstig gelegene Mogontiacum/Mainz als Doppellegionslager angelegt worden war, das vor allem zusammen mit Vetera/Xanten am Niederrhein als Basislager den römischen Okkupationsoffensiven nach Germanien dienen sollte, entstand im Laufe der Zeit in unmittelbarer Nähe des Truppenlagers das zivile Mogontiacum/Mainz, wobei der hier inschriftlich erwähnte vicus novus ein integraler Bestandteil dieses zivilen Mogontiacum/Mainz war. Inschriftlich sind mehrere solcher vici (Straßensiedlungen) bekannt, so daß die Auswertung des inschriftlichen Quellenmaterials die Aussage gestattet, daß der Siedlungsraum des zivilen Mogontiacum/Mainz aus einem Konglomerat mehrerer solcher vici bestand.

Ehreninschriften

Ehreninschriften nennen den Namen des Geehrten und den Namen des Ehrenden. Sie sind häufig außerordentlich umfangreich gestaltet, da, dem Zweck der Ehrung entsprechend, sämtliche bis zum Zeitpunkt der Ehrung bekleideten Ehrenämter genannt werden können. Ehreninschriften sind somit eine wichtige Quelle für den cursus honorum (Ämterlaufbahn) und beinhalten den gesamten Werdegang einer Person, sowohl die hohen zivilen und militärischen Reichsämter von Senatoren und Rittern (Beispiel 5) als auch die lokalen städtischen Ehrenämter in den Provinzen. Handelt es sich bei dem Geehrten um einen Kaiser, so wird der Kaisername und die gesamte Kaisertitulatur genannt (Beispiel 4).

Für Ehreninschriften charakteristische Formeln sind:

Formeln in Ehreninschriften
D D (decreto decurionum = auf Beschluß des Stadtrates; Beispiel 5)
L D D D (locus datus decreto decurionum = der Platz wurde auf Beschluß des Stadtrates gestiftet)
P P (pecunia publica = mit öffentlichen Mitteln)
C A/CVR AG (curam agente = für die Ausführung sorgte...)

 

Als Beispiel einer aus Fragmenten zum Teil rekonstruierten Ehreninschrift aus Aventicum/Avenches siehe auch Sektion VI.

Beispiel 4: Ehreninschrift für Kaiser Claudius aus Mainz (CIL XIII 6797)

Transskription:

Ti(berio) Claudio

Caesari Aug(usto)

Germanico

pont(ifici) max(imo) trib(unicia) pot(estate)

III imp(eratori) IIII p(atri) p(atriae) co(n)s(uli) III

cives Romani manti-

culari negotiatores

C(aio) Vibio Rufino leg(ato) pro pr(aetore)

Übersetzung:

Dem Tiberius Claudius Caesar Augustus, Inhaber des Siegerbeinamens Germanicus, dem obersten Priester, dem Vater des Vaterlandes, haben im 3. Jahr seiner tribunizischen Gewalt, als er zum 3. Mal Konsul war und zum 4. Mal zum Imperator ausgerufen wurde, die Kaufleute mit römischem Bürgerrecht, die mit Taschen/Geldbeuteln handeln, (dieses Denkmal errichtet), mit der Erlaubnis des Oberbefehlshabers (des obergermanischen Heeres) Gaius Vibius Rufinus.

Kommentar:

Diese Inschrift, die zu Ehren des römischen Kaisers Claudius (41-54 n.Chr.) gesetzt wurde, läßt sich auf Grund bestimmter Elemente der Kaisertitulatur eindeutig auf das Jahr 43 n.Chr. datieren. Sie belegt die Existenz von römischen Bürgern in Mogontiacum/Mainz, obwohl Mainz, im Gegensatz zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium/Köln, nicht den Rechtsstatus einer Kolonie römischer Bürger besaß. Die Ehrung erfolgte vermutlich vor dem Hintergrund der besonderen Förderung und Bevorzugung wichtiger Zentren (Mainz, Köln) innerhalb der germanischen Heeresbezirke durch Claudius.

Die Inschrift gewährt ferner Einblicke in das Wirtschaftsleben des römischen Germaniens. Die Erwähnung besonderer Händlergruppen - wie hier der manticulari negotiatores - läßt auf eine differenzierte Sozialstruktur mit hochspezialisiertem Handel und Gewerbe schließen.

Beispiel 5: Ehreninschrift des Camillus aus Avenches (CIL XIII 5094)

Transskription:

[C(aio)] Iul(io) C(ai) f(ilio) Fab(ia tribu) Camillo
[s]ac(rorum) Aug(ustalium) mag(istro) trib(uno) mil(itum)
[l]eg(ionis) IIII Maced(onicae) hast(a) pura
[e]t corona aurea donato
[a] Ti(berio) Claudio Caesare Aug(usto)
[i]ter(um) cum ab eo evocatus
[i]n Britannia militasset
[c]ol(onia) Pia Flavia Constans
Emerita Helvetior(um)
ex d(ecreto) d(ecurionum)

Übersetzung:

Für Gaius Iulius Camillus, dem Sohn des Gaius, aus dem Stimmbezirk Fabia, dem Vorsteher des Kaiserkultes, dem Militärtribun der 4. makedonischen Legion, zum 2. Mall mit der Ehrenlanze und dem Goldkranz ausgezeichnet von Kaiser Tiberius Claudius Caesar Augustus, als er von ihm aufgeboten in Britannien diente. Die (Veteranen)kolonie Pia Flavia Constans Emerita Helvetiorum (Aventicum/Avenches) auf Beschluß des Stadtrates.

Kommentar:

Diese Ehreninschrift überliefert die militärischen Ämter, die der aus einer ritterlichen Provinzialenfamilie stammende Iulius Camillus bis zur Aufstellung der Inschrift innehatte. Er fungierte als ritterlicher Stabsoffizier der 4. makedonischen Legion, die von 39-69 n.Chr. in Mainz stationiert war. Zweimal ist er mit militärischen Auszeichnungen (hasta pura, corona aurea) dekoriert worden, wobei er vor seiner zweiten Auszeichnung - nach Beendigung seiner eigentlichen Dienstzeit - in besonderer Verwendung in Britannien (43 n.Chr.) gedient hatte (evocatus). Nach seinem Militärdienst verrichtete Camillus in seiner Heimatgemeinde als magister sacrorum Augustalium den Kaiserkult. Ihm zu Ehren ließ der stolze Gemeinderat seiner Heimatgemeinde diese Inschrift setzen (decurionum decreto). Die Inschrift ist erst nach dem Jahre 70 n.Chr. gesetzt worden, was aus dem offiziellen Namen der (Veteranen)kolonie hervorgeht.

Ehreninschriften dienen der Wissenschaft zur biographischen Erfassung einer Vielzahl bedeutender Persönlichkeiten und der Rekonstruktion der personellen Besetzung von militärischen und zivilen Ämtern in den römischen Provinzen. Sie gewähren somit Einblicke in die Verwaltungsorganisation und -praxis des römischen Reiches.


Bauinschriften

Die wesentlichen Elemente einer typischen Bauinschrift sind der Name des Erbauers und ein Prädikat, das den Akt des Bauens oder Renovierens ausdrückt, zum Beispiel fecit (er hat errichtet; Beispiel 7) oder restituit (er hat wiederhergestellt; Beispiel 6). Weitere mögliche Angaben betreffen den Erbauer, die Art oder das Motiv des Baues, zum Beispiel wie bei den Weihinschriften IN H D D (in honorem domus divinae/zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses) oder PRO SAL IMP (pro salute imperatoris/zum Heil des Kaisers) bzw. SALVTI AVGVSTAE (der Göttin des kaiserlichen Heils; Beispiel 7). Ebenso wird häufig die Gewährung eines Bauplatzes durch die Gemeinde erwähnt, oder es wird angegeben, ob der Bau aus öffentlichen oder privaten Mitteln (Beispiel 7) errichtet wurde. Die Meilensäulen (Beispiel 6) der großen Reichsstraßen schließlich, als deren Bauherr der römische Kaiser genannt wird, tragen als wesentlichstes Element die Angabe der Entfernung, entweder in römischen Meilen (1 Meile = 1,48 km) oder in gallischen Leugen (1 Leuge = 2,22 km), sowie zumeist des Ortes, von dem aus die Entfernung gerechnet wurde. Charkteristische Formeln für Bauinschriften sind:

Formeln in Bauinschriften
L D D D (locus datus decreto decurionum = der Platz wurde auf Beschluß des Stadtrates gestiftet)
LOC ADSIG (loco adsignato = am zugewiesenen Ort [errichtet]; Beispiel 7)
P P (pecunia publica = mit öffentlichen Mitteln)
DE SVO (de suo = mit eigenen Mitteln; Beispiel 7)
M P (milia passuum = Meilen; Beispiel 6)
L (leugae = Leugen)



Beispiel 6: Meilenstein aus Isny, Kr. Ravensburg (CIL III 5987)

Transskription:

Imp(erator) Caesar
L(ucius) Septimius Severus Pius
Pertinax Aug(ustus) Arabic(us)
Adiab(enicus) Parthicus Maximus
pontif(ex) max(imus) trib(unicia) pot(estate) VIIII
imp(erator) XII co(n)s(ul) II p(ater) p(atriae) proco(n)s(ul) et
imp(erator) Caesar Marcus Aurel(ius)
Antoninus Pius Aug(ustus) trib(unicia)
pot(estate) IIII proco(n)s(ul) et
[[- - -]]

vias et pontes rest(ituerunt)
a Camb(oduno) m(ilia) p(assuum)
XI

Übersetzung:

Imperator Caesar Lucius Septimius Severus Pius Pertinax Augustus, Inhaber der Siegerbeinamen Arabicus, Adiabenicus und Parthicus Maximus, oberster Priester, zum 9. Mal Inhaber der tribunizischen Gewalt, zwölfmal zum Imperator ausgerufen, zweimal Konsul, Vater des Vaterlandes, Prokonsul sowie Imperator Caesar Marcus Aurelius Antoninus Pius Augustus, zum 4. Mal Inhaber der tribunizischen Gewalt, Prokonsul und [[- - -]] haben Straßen und Brücken wiederhergestellt.

Von Kempten aus 11 Meilen (ca. 16 km).

Kommentar:

Durch die Angabe der tribunicia potestas, der tribunizischen Gewalt des Kaisers, ist dieser Meilenstein exakt in das Jahr 201 n.Chr. zu datieren. An der erradierten, also ausgemeißelten Stelle ([[---]]) hatte der Name des zweiten Sohnes des Kaisers Septimius Severus, nämlich P. Septimius Geta Caesar, gestanden. Nach der Ermordung des Geta 212 n.Chr. durch seinen Bruder Caracalla, der auf obiger Inschrift als Imperator Caesar Marcus Aurelius Antoninus Pius Augustus erscheint, war er hier wie auf anderen Inschriften getilgt worden.

Meilensteine waren einerseits Herrschaftssymbole, da sie an den römischen Reichsstraßen aufgestellt waren und diese als Eigentum Roms kennzeichneten. Sie gaben Auskunft über den Namen einer nächsten größeren Siedlung und über die Entfernung dorthin und dienten in dieser Funktion quasi als amtliche Wegmesser. Sie sind somit wichtige Quellen zur Erforschung des römischen Straßen- und Wegenetzes.

Andererseits waren Meilensteine kaiserliche Propagandainstrumente, da sie den Kaiser als Bauherren kennzeichneten und dessen Namen und Titulatur trugen. Im Laufe des 2. Jahrhunderts wird indes ein grundsätzlicher Funktionswandel der Meilensteine deutlich: Ihren Charakter als Baudokumente und Distanzmesser beibehaltend, wandelten sie sich zunehmend zu primären Loyalitäts- und Dedikationsdokumenten, durch die römische Kaiser von den einzelnen Gebietskörperschaften, den civitates in den Provinzen, geehrt wurden.


Beispiel 7: Bauinschrift aus Nida/Frankfurt-Heddernheim (4.N.104)

Transskription:

Saluti Aug(ustae)

dendrophori Aug(ustales)

consistentes Med(---)

it(em)q(ue) Nidae scolam

de suo fecerunt

loc(o) adsig(nato) a vic(anis) Nide(nsibus)

Übersetzung:

Dem kaiserlichen Heil. Die Dendrophori und Verrichter des Kaiserkultes, mit Sitz in Med(---) sowie in Nida, haben das Versammlungslokal aus eigenen Mitteln an einem von den Bürgern der Gemeinde Nida zugewiesenen Ort errichtet.

Kommentar:

Diese Bauinschrift der Kultvereinigung der dendrophori, die den Kult der orientalischen Göttin Cybele besorgten und gleichzeitig als Augustales Funktionen im Kaiserkult wahrnahmen, ist das einzige am Ort gefundene Zeugnis für den Namen der römischen Siedlung Nida, über die sich das heutige Frankfurt-Heddernheim erhebt. Neben Nida wird als weiterer Sitz der Kultvereinigung der ansonsten unbekannte Ort Med(---) genannt.

Die Inschrift überliefert somit religiöse Organisationsformen und Ortsnamen provinzialrömischer Siedlungen.

leif Scheuermann, letzte Änderung: 18.06.2013

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