Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Zerstörte Inschriften - Alltag und Ausnahme der Epigraphik: Sektion VI

Der Epigraphiker muß mit einem schlechten und zumeist bruchstückhaften Zustand antiker Schriftquellen rechnen. Die Rekonstruktion inschriftlicher Texte gehört daher zum Alltag der epigraphischen Arbeit. Aber je diffuser ein schriftlicher Überrest ist, um so komplexer und zeitaufwendiger gestaltet sich seine Bearbeitung und um so mehr steht der erhoffte Zugewinn an historischer Erkenntnis in Frage. Wie allen Forschungsvorhaben sind dem wissenschaftlichen Handwerk darüber hinaus methodische und vor allem ökonomische Grenzen gesetzt. Diese Verlegenheit führt häufig dazu, daß besonders kleinste Schriftfragmente vernachlässigt und allenfalls am Rande erforscht werden. Eine solche Unternehmung an der Peripherie epigraphischer und universitärer Wissenschaft stellt das studentisch organisierte Inschriftenprojekt "Katalog Avenches" im Rahmen des CIL XIII-Projektes dar.


Avenches

Die Stadt Avenches (Sektion I) liegt in der Westschweiz im Kanton Waadt. Ihr Name verweist auf die römische Kolonie Aventicum (Colonia Pia Flavia Constans Emerita Helvetiorum Foederata), auf deren Grund und Boden sich die heute 3000 Einwohner zählende Stadt gründete.

Die etwa 74 n.Chr. erbaute Kolonie beherbergte ehemals mehrere zehntausend Menschen. Als Verkehrsknotenpunkt und blühendes Handelszentrum war Aventicum im 3. Jahrhundert ein lohnendes Ziel marodierender germanischer Stämme. Trotz eines schützenden, fast 6 km langen Mauerringes wurde die antike Stadt etwa um 260 n.Chr. von den nach Westen strebenden Alamannen eingenommen und zerstört.

Als Zeugnisse der Vernichtung von Aventicum gelten u.a. hunderte Fragmente unterschiedlicher Platteninschriften aus Stein - zumeist Ehreninschriften (Sektion IV) -, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Museum der Stadt angesammelt haben.

Legendeb
1 Stadtmauer 2 Amphitheater 3 Cigognier-Tempel 4 klassisches Theater
5 Forum 6 antiker Hafen 7 Stadtgebiet von Avenches X Fundort der "Königin der Inschriften"

 

 

Das Projekt "Katalog Avenches" (1989/90)

Die theoretische Grundlage des Projektes "Katalog Avenches" wurde durch das ideele Ziel gebildet, das im Einzelfall inhaltlich dürftige fragmentarische Material derart aufzubereiten, daß gegebenenfalls vorhandene Rekonstruktionsmöglichkeiten tatsächlich genutzt werden können. Allerdings vermochte bislang niemand genau zu sagen, welche und wieviele Inschriftenfragmente überhaupt in den Archiven und Magazinen von Avenches lagen. Deshalb bestand das primäre Vorhaben im vollständigen Erfassen des epigraphischen Steinmaterials. Dafür mußten die im Rahmen des CIL XIII-Projektes üblichen Arbeitsverfahren (Sektion III) den speziellen Erfordernissen vor Ort angepaßt werden.

Methodische Modifikation zur Vorbereitung der Inventur

  • Archivdurchsicht vor Ort zwecks Aufschlüsselung der archäologischen Tätigkeit sowie der Forschungsgeschichte
  • Suche nach verschollenen Stücken
  • Komplette Inventarisierung des Materials unter Berücksichtigung älterer Bezifferungen
  • Systematische Registrierung der Aufbewahrungsstellen
  • Beschreibung materialimmanenter Details
  • Aufstellen eines ortstypischen Schriftenalphabetes
  • Millimetergenaue Erhebung metrischer Daten
  • Berücksichtigung des Zeilenzwischenraumes
  • Zusätzliche Dokumentation mittels maßstabsgetreuer Umzeichnung

Resultate nach Abschluß der Inventur

  • 6 Monate Aufenthalt in Avenches
  • ca. 35.000 DM fiktive Kosten
  • Aufbau eines geordneten Magazines vor Ort
  • vervollständigte Inventarisierung
  • 99 %ige Erfassung der bekannten Steininschriften
  • ca. 500 Photographien
  • ca. 900 Rasterumzeichnungen
  • ca. 1400 Inschriften(-fragmente) registriert (= "Katalog Avenches")
  • ca. 50 % davon unpubliziert, d.h. der Wissenschaft unbekannt
  • ca. 100 unmittelbare Textkorrekturen



Für eine Anwendung im CIL-Projekt schieden die nachfolgenden Techniken, vor allen Dingen aufgrund des erforderlichen Zeitaufwandes aus.

Mit Hilfe der gerasterten Umzeichnung (Sektion VI) ist es möglich, Konturen vergrößert oder verkleinert zu kopieren. Bei der Anwendung dieser Technik sollte allerdings eine geeignete Maßstabsgröße schon vor Beginn der Arbeit festgelegt werden. Die erkennbaren Linien des Steines und der Buchstaben werden mit Hilfe eines Gitternetzes auf dem Objekt gerastert und dann maßstabsgetreu auf eine größere oder kleinere Rastervorlage übertragen. Es entsteht die gewünschte Vergrößerung oder Verkleinerung. Diese Art der graphischen Reproduktion eignet sich vor allem für ebene Oberflächen. Die Nachteile bestehen darin, daß die Anfertigung der Rasterumzeichnung äußerst zeitintensiv ist und entsprechende Erfahrungen voraussetzt.

Eine andere Zeichentechnik ist das Durchzeichnen auf eine transparente Folie. Diese wird um das Objekt gespannt und anschließend werden erkennbare Umrisse und Formen mit einem Lackstift auf die Folie übertragen. Diese Technik wird vorzugsweise bei der Dokumentation von Meilensteinen oder Mosaiken verwandt. Ihre Anwendung verlangt eine stete Konzentration und große Genauigkeit.

Erstmals bieten die Daten des "Kataloges Avenches" dem Forschenden die Chance, die fragmentarisch erhaltenen Inschriften von Aventicum in vergleichenden Analysen zu sortieren und Ergänzungen zu ermitteln, so daß Schriftbruchstücke soweit wie möglich materiell rekonstruiert werden können. Am Beispiel der sogenannten "Königin der Inschriften" von Avenches, der größten Inschrift der Schweiz, wird im folgenden aufgezeigt, daß eine Inventur, d.h. ein Überblick in der Art des "Kataloges Avenches", im Sinne einer stets gebotenen wissenschaftlichen Genauigkeit für die Forschung unverzichtbar ist.

Ursprünglich bestand diese Ehreninschrift (Sektion IV) aus 12 Steinplatten und war insgesamt ca. 6 Meter breit und 3 Meter hoch. Archäologen brachten in den Jahren 1899-1901 etwa 200 Fragmente von der völlig zerstörten Inschrift an das Tageslicht. Seitdem haben mehrere Gelehrte den Versuch unternommen, den Textbruchstücken einen Sinn zu geben.

1993 gelang in Osnabrück der Nachweis, daß bei allen früheren Rekonstruktionsversuchen (1902, 1952 und 1969) ein gewisses Desinteresse an materiellen Details zu konstatieren ist. Diese Interessenlosigkeit ist u.a. in fehlerhaften Lesungen (rot), textlichen Kunstgriffen (grün) sowie in der Vernachlässigung von Schriftresten (gelb) dokumentiert. Dementsprechend waren die bisher ermittelten historischen Inhalte materiell z.T. nicht eindeutig abgesichert, so daß die Forschungsergebnisse weiterhin in Frage gestellt werden mußten.

(Bei den im folgenden dargestellten Forschungen von 1902-1993 wird beispielhaft die Plazierung dreier Kleinstfragmente, die farblich entsprechend der obigen Markierung gekennzeichnet sind, aufgezeigt.)

Forschung zur "Königin der Inschriften" (von Avenches)

1902 Erste Rekonstruktion durch William Wavre, Schweiz

Einige Steine gelten hier anfänglich als Stücke unterschiedlicher Inschriften. Abgebildet sind die Inschriften Nr. I und II.

1952 Zweiter Rekonstruktionsversuch durch Andreas Alföldi, Schweiz

Erstmals nimmt ein Wissenschaftler an, daß eine inhaltliche Verbindung zwischen den einzelnen Inschriftteilen besteht.

1969 Dritter Rekonstruktionsversuch durch Joyce Reynolds, Großbritannien

Die Wissenschaftlerin weist nach, daß sich die Inschrift aus mehreren Platten zusammensetzt. Sie rekonstruiert erstmals einen zusammenhängenden Text. Seit den 70er Jahren gilt die Inschrift mit diesem Text als "in den Grundzügen wiederhergestellt".

1993 Vierte Rekonstruktionsvariante durch Stefan Oelschig, Osnabrück

Die Variante beruht auf der Bestandsaufnahme von 1989/90 und den Daten des "Kataloges Avenches". Gegenüber allen anderen Entwürfen enthält sie mehrere Dutzend Fragmente mit veränderter, nun eindeutiger Plazierung. Aufgrund des vorhandenen Steinmaterials wurden drei Zeilen korrigiert und eine zusätzliche Zeile am Ende der Inschrift eingefügt.

 

Ergebnisse der Forschung von 1902-1993

Nach dem heutigen Stand der Forschung ist die Ehreninschrift dem römischen Bürger Quintus Otacilius Pollinus gesetzt worden. In durchaus typischer Weise (Sektion IV) gibt sie Auskunft über seine Auszeichnungen. Wir erfahren, daß er munizipale und provinziale Ämter ausübte, daß ihm Kaiser Hadrian steuerliche Vergünstigungen gewährte und daß er mehreren bedeutenden Handelsgesellschaften vorstand. Als Dedikanten sind die in Aventicum lebenden Helvetier genannt.

Diese Inhalte waren bereits 1969 mehr oder weniger auf materieller Basis rekonstruiert. Seit 1993 kann nun angenommen werden, daß die einheimischen Helvetier den Römer Quintus Otacilius Pollinus als ihren Gönner und Schutzherrn ansahen und sie ihn deshalb u.a. mit der Inschrift ehrten. Das ermittelte Klientelverhältnis gibt insofern also Auskunft über die sozial untergeordnete Stellung der ansässigen einheimischen Bevölkerung.

Ob sich die Rekonstruktion von 1993 letztendlich als korrekt erweist, muß die weitere Beschäftigung mit der Monumentalinschrift zeigen, denn es kann keineswegs davon gesprochen werden, daß diese schriftliche Quelle wiederhergestellt ist. Mit dem "Katalog Avenches" sind lediglich neue Wege zu ihrer vollständigen Rekonstruktion aufgezeigt.

St. Oelschig, Methode und Geschichte. Variationen zur Inschrift CIL XIII 11480, in: Fr. E. Koenig/S. Rebetez (Hrsg.), Arculiana. Festschrift zum 65. Geburtstag für Hans Bögli (Avenches 1995) 47 ff.

leif Scheuermann, letzte Änderung: 17.05.2010

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