Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Timo Leimbach: Junior Fellow

Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Universität Erfurt
Postfach 900221
99105 Erfurt

timo.leimbach(at)uni-erfurt.de

Vita

seit 2015 Junior Fellow am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien Erfurt

seit 2013 Studienrat für Lehramt an Gymnasium in der Freien und Hansestadt Hamburg
(Ablegung der Zweiten Staatsprüfung am 13.01.2015; Note: 1,0)

2014 Auszeichnung mit dem Max-Weber-Preis für Nachwuchsforschung 2014

2010–2013 Promotion am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien Erfurt zum „Landtag von Thüringen (1919/20–1933)“ (Prädikat: summa cum laude)

2009–2010 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts bei Prof. Dr. Hans-Werner Hahn am Historischen Institut der FSU Jena

2005–2009 Studium der Fächer Latein und Geschichte auf Lehramt an Gymnasien an der Friedrich-Schiller-Universität Jena(FSU Jena) (Erwerb des Staatsexamens am 30.09.2009; Note: 1,0)
Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes

1985 geb. in Eschwege

Forschungsprojekt

Föderaler Parlamentarismus in der Zwischenkriegszeit – eine vergleichende Perspektive

„Bonn ist nicht Weimar!“ – Zugespitzt auf dieses Theorem verwahrte man sich in Westdeutschland lange gegen eine Anknüpfung an die parlamentarischen Traditionen der ersten deutschen Demokratie. Deren fatales Scheitern bedingte nicht nur den sogenannten „Weimar-Komplex“ der frühen Bundesrepublik, sondern befeuerte auch die These vom konstitutionellen „deutschen Sonderweg“ in die Moderne. Dieser interpretierte das 14-jährige republikanische Intermezzo zwischen den Weltkriegen als nahtlosen Übergang von der ausgebliebenen Parlamentarisierung des Kaiserreichs zur totalitären Diktatur des Faschismus.

Erst mit der transnationalen Deutung der Zwischenkriegsepoche als globale Krise des Liberalismus und ihrer Einbettung in die langfristigen ideologischen Konflikte des „kurzen 20. Jahrhunderts“ fand auch ein Perspektivwechsel der deutschen Forschung statt. Man begriff die Republik von Weimar nicht mehr nur unter dem Fluchtpunkt ihres Scheiterns und als Präludium des Faschismus, sondern stärker als eigenständige Epoche, deren Institutionen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten durchaus bewährt hätten (Peter Fritzsche, Thomas Mergel).

Die Kritiker dieser positiven Deutung des Weimarer Parlamentarismus verweisen hingegen auf die faktische Dysfunktionalität des Reichstags, vor allem sein Versagen in der Regierungs- und Alternativfunktion. Hauptangeklagte bleiben dabei die Parteien, deren sachlich wie zeitlich stark begrenzte Koalitionsbereitschaft wie kein anderer Faktor zur Destabilisierung der staatlichen Ordnung beigetragen habe.

Diese Parteienkritik umfasste zuletzt selbst das kooperativ ausgerichtete Streben nach einer Großen Koalition, da ein derartiges Bündnis aller republikanischen Parteien keine systemloyale Opposition, sondern die Systemgegner als einzige Regierungsalternative übrig gelassen und begünstigt habe. Als Alternative wird stattdessen – kontrafaktisch – auf einen Wechsel links- und rechts-dominierter Bündnisse in Analogie zum britischen Westminster-Modell verwiesen, das auf diese Weise das Potential zu einer dauerhaften Stabilisierung des parlamentarischen Systems von Weimar besessen hätte (Andreas Wirsching, Thomas Raithel).

Jedoch liegt dieser These eine allzu starke Fokussierung auf den Berliner Reichstag zugrunde, da außer Acht gelassen wird, dass neben der Hauptstadt noch 18 teilsouveräne Landtage in den deutschen Gliedstaaten existierten. Diese Verengung deckt sich mit dem aktuellen Forschungsstand, der trotz zahlreicher Aufsätze und Schriften erst zwei Landesparlamente mit eigenständigen Monographien gewürdigt hat. Doch erst ihre individuelle Ausformung machte zusammen mit den Entwicklungen auf nationaler Ebene die vollständige Bandbreite parlamentarischer Szenarien der Weimarer Republik aus und ließ die Länder in die Rolle regelrechter „Laboratorien des parlamentarischen Systems“ rücken (Theodor Heuß).

An ebendieses Forschungsdefizit knüpft das hier verfolgte Projekt an, indem in vergleichender Perspektive die deutschen Gliedstaaten unterhalb der in der Regel allein in Blick genommenen nationalstaatlichen Ebene untersucht werden. Unter der Fragestellung nach den regionalen Ausformungen politisch-parlamentarischer Entwicklungen, ihrer Ursachen und Auswirkungen soll so das gängige Bild der instabilen, krisengeschüttelten ersten deutschen Republik, das zuletzt bereits durch Thomas Mergel u.a. in Frage gestellt wurde, um eine föderale Perspektive erweitert und differenziert werden.

Dissertationsprojekt (abgeschlossen)

Gegenstand der  Dissertation war der Landtag von Thüringen in der Weimarer Republik. Neben der Schließung einer landesgeschichtlichen Forschungslücke bildet diese Arbeit einen wichtigen Beitrag zu dem wenig erforschten Feld des Länderparlamentarismus vor 1933, wo zu 17Ländern nur zwei kritische Studien vorliegen. Der besondere Reiz Thüringens liegt zum einen in seinem Alleinstellungsmerkmal als einziger Landesneugründung nach 1918. Zum anderen kennzeichnete es eine extreme politische Polarisierung zwischen Arbeiterbewegung und Bürgertum, auf deren Höhepunkt 1923 die Reichswehr intervenierte. 1930 trat hier erstmals die NSDAP in eine deutsche Regierung ein und 1932 schien Thüringen gar Hitlers Machtergreifung vorwegzunehmen. Es bildet daher einen notwendigen Kontrast zu den beiden vorliegenden Arbeiten über Preußen und Baden, die eine überdurchschnittliche politische Stabilität auszeichnete.

Hinzu kommt eine bewusst gewählte Perspektivumkehrung, die nicht nur das Scheitern, sondern die funktionierenden Aspekte der ersten deutschen Demokratie in den Blick nimmt. Unter Annahme eines prinzipiell offenen Entwicklungshorizontes sollte auch vom scheinbar besonders instabilen Fallbeispiel Thüringen ein differenziertes Bild gezeichnet werden. In pointierter Form lautete daher die Grundfrage, ob es das Verschulden eines von vornherein unter ungünstigen Rahmenbedingungen kränkelnden Parlamentarismus war, der Thüringen den Nationalsozialisten bereits 1930/32 als „Experimentierfeld“ öffnete. Oder war es vielmehr ein grundsätzlich funktionierender Landtag, der der NSDAP erst 1932 die vorgezogene Machtübernahme ermöglichte? Dabei wurde in der methodischen Durchdringung des Untersuchungsgegenstandes eine größtmögliche Bandbreite angestrebt, die von politikgeschichtlichen Aspekten über alltags- und sozialgeschichtliche Themen bis hin zum Verhältnis von Landtag und Öffentlichkeit sowie den Fragestellungen der „neuen Kulturgeschichte“ reichte.

Als Ergebnis dieser Arbeit werden die funktionieren Aspekte und Integrationserfolge des Landtags hervorgehoben, ohne die problematischen Faktoren der landesgeschichtlichen Entwicklung zu leugnen. So bildete die späte Landesgründung 1920 nicht nur eine besonders offene Ausgangslage, sondern auch eine Hypothek und ihre Konsolidierung eine zusätzliche Herausforderung. Trotz der tiefen politischen Differenzen gelangen Landtag und Regierung bis 1932 die Verwirklichung eines tragfähigen, reichsweit als Vorbild rezipierten Verwaltungsaufbaus, der noch nach 1945 fortwirkte.

Ebenso handelte es sich um keine geradlinige Entwicklung, die Thüringen zu einer frühen NS-Erfolgsregion machte. Vielmehr überwog das Moment der Kontingenz, indem mehrere potentielle Wendepunkte aufgezeigt werden, an einen eine lagerübergreifende Koalition nur knapp scheiterte. Doch auch ohne deren Zustandekommen erwies sich der Landtag von Thüringen als mindestens ebenso funktional wie die übrigen deutschen Parlamente. Auch hier entwickelte sich eine integrative Dynamik, die alle Parteien von der SPD bis zur DNVP und teilweise sogar die Systemgegner erfasste. In Form gemeinsamer Vorstellungen von parlamentarischer Interaktion sicherte dieser Grundkonsens jenseits der politischen Friktionen das fortgesetzte Funktionieren dieser Institution.

Jedoch handelte es sich dabei nicht bloß um ein Spiegelbild der von Thomas Mergel für den Reichstag nachgewiesenen diskursiven Ordnung. Stattdessen war der Grundkonsens im Landtag von Thüringen sowohl stabiler als auch fragiler: Einerseits blieb er noch bis Mitte 1932 funktionsfähig, während die inneren Strukturen des Reichstags und anderer Landtage bereits ab 1928/30 in Auflösung begriffen waren. Andererseits gingen die landespolitischen Zäsuren und Friktionen nicht spurlos an den innerparlamentarischen Verhältnissen vorüber. Zudem trennten Bürgertum und Arbeiterparteien zum Teil unterschiedliche Vorstellungen über die parlamentarische Arbeit, die sich erst im Laufe der Zeit anglichen. Die überschaubare Größe des Landtags war dabei Katalysator und Hindernis zugleich. Durch die Lagerspaltung waren die Flügelparteien KPD und NSDAP in Thüringen beinahe durchgängig Teil der Regierungsmehrheit. Dies verschaffte ihnen nicht nur gesteigerten Einfluss, sondern die damit verbundene Bündnispflicht beförderte auch ihre Integration in die parlamentarische Arbeit auf Kosten ihrer Rolle als Systemopposition.

Noch stärker als der Reichstag bewegte sich der Landtag von Thüringen im Widerspruch zu den von außen an ihn herangetragenen Erwartungen von Öffentlichkeit und Basis. Zum einen forderten diese von den vermeintlich unpolitischen, primär als Verwaltungsorgane fungierenden Landtagen ein gesteigertes Maß an Sachlichkeit und praktischer Arbeit ein. Zum anderen nährte die thüringische Landesgründung zusätzliche Hoffnungen in die Leistungsfähigkeit dieses neuen Staatswesens. Beide Faktoren bargen von Beginn an das Potential einer schleichenden Delegitimierung des Landtags in sich, da dessen politische Verwerfungen im Widerspruch zu ihnen standen. Beschleunigt wurde dieser Prozess sowohl durch die gehäuften Regierungskrisen ab 1927 als auch die Weltwirtschaftskrise und die reichsweite Krise des parlamentarischen Systems ab 1928/30. Obgleich sich der Landtag ab 1930 erneut stabilisierte, schritten der außerparlamentarische Diskurs und damit seine Delegitimierung weiter voran.

Insgesamt sind weder das Land Thüringen noch sein Parlamentarismus als gescheiterte Projekte anzusehen. Denn Thüringen überdauerte als staatliche Einheit sowohl die nationalsozialistische „Machtergreifung“ als auch die Folgeentwicklung und bildete sowohl nach 1945 und 1990 einen Anknüpfungspunkt für das Wiedererstehen deutscher Staatlichkeit in föderaler Gestalt. Daher ist insgesamt eher von der Erfolgsgeschichte Thüringens zu sprechen, an dessen Gründung und Konsolidierung bis 1933 der Landtag als zentrales Verfassungsorgan maßgeblichen Anteil hatte. Ebenso wenig bedeutete 1933 das Ende der parlamentarischen Idee, die ebenfalls nach 1945 neu auflebte. Begreift man den Umgang mit dem parlamentarischen System, wie es nach 1918 in Deutschland und anderen Staaten zum Durchbruch gelangte, als Lernprozess der beteiligten Akteure, so bildeten die bis 1933 gesammelten Erfahrungen ein Moment der Tradition und Kontinuität, an das auch nach 1945 erfolgreich angeknüpft werden konnte.

Publikationen

    • „Das Zünglein an der Wage“– Der Landtag von Thüringen 1920-1933 als Gegenstand literarischer Adaption und Satire, in: Zeitschrift für Thüringische Geschichte 70 (2016) (angekündigt).
    • Timo Leimbach, Parlament im Aufbruch. Der Landtag von Thüringen (1919/20-1933) zwischen linksrepublikanischer Landesgründung und nationalsozialistischem Experimentierfeld (= Handbuch der Geschichte des deutschen Parlamentarismus) (im Erscheinen).
    • Linkes Experimentierfeld Thüringen. Wiederholt sich Geschichte unter rot-rot(-grün)en Vorzeichen?, in: Gerbergasse 18, Nr. 74 (2015) (im Erscheinen).
    • Volksvertretungen im Europa der Regionen. Länderparlamentarismus in der Weimarer Republik, in: Franz Adlgasser u. a. (Hg.), Hohes Haus! 150 Jahre moderner Parlamentarismus in Österreich, Böhmen, der Tschechoslowakei und der Republik Tschechien im mitteleuropäischen Kontext (= Studien zur Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie 35), Wien 2015, S. 227-239.
    • Weder Extrem- noch Sonderfall: Parlamentarismus in Thüringen 1919–1933, in: Zeitschrift für Thüringische Geschichte 68 (2014), S. 189-220.
    • "Habe ich verkehrt gelebt?" – Karin Schrappe, in: Agnès Arp/ Annette Leo (Hg.), Mein Land verschwand so schnell… 16 Lebensgeschichten und die Wende 1989/90, Weimar 2009, S. 137-149. (als Bearb.)

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