Die Vertragsarbeiterpolitik der DDR. Interessen – Konzeptionen – Entwicklung

In den 1960er Jahren begann die SED-Regierung mit der Anwerbung ausländischer Arbeiter/innen aus sozialistischen „Bruderstaaten“. Während die anfänglich vor allem mit osteuropäischen Staaten geschlossenen Verträge nach und nach zum Erliegen kamen, stiegen gegen Ende der 1970er Jahre die Einreisezahlen von Arbeitskräften aus Ländern der „Dritten Welt“. Das Forschungsvorhaben behandelt die Vertragsarbeiterpolitik als politisches Projekt der SED-Regierung von den späten 1970er Jahren bis zum Ende der DDR. Die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte, so die Ausgangsthese, war mehr als eine rein wirtschaftsstrategische Maßnahme und diente der SED-Regierung zur inneren und äußeren Profilierung.

Die Arbeit wird zum einen in der internationalen Geschichte verortet und die Vertragsarbeiterpolitik im Kontext der Konkurrenz zur Bundesrepublik sowie in Relation zum wachsenden Nord-Süd-Antagonismus analysiert. Damit wird ein Beitrag zur Geschichte der Entwicklungspolitik der DDR, die zeitgenössisch als Politik der „internationalen Solidarität“ deklariert wurde, geleistet. Der Fokus liegt dabei auch auf den Interessen der Entsendeländer, die bei der vertraglichen Gestaltung aktiv mitwirkten. Diese perspektivische Erweiterung soll den Blick auf die Eigenheiten internationaler Beziehungen zwischen sozialistischen Staaten schärfen. Darüber hinaus gilt das Interesse auch der Geschichte des Verhältnisses von Staat und Gesellschaft in der DDR, wobei zugleich transnationale Bezüge einbezogen werden. Es wird gefragt, mit welchen Zielen der Vertragsarbeitereinsatz lanciert, mit welchen Mitteln er umgesetzt und mit welchem Aufwand er durchgeführt wurde. Diesbezüglich rücken auch alltagsgeschichtliche Aspekte in den Vordergrund. Eine Untersuchung der Interaktionen von staatlichen Akteuren und Vertragsarbeitern soll das Wechselspiel der Kontroll- und Regulierungspraxis sowie deren problembehaftete Umsetzung offenbaren. Durch die Berücksichtigung innen- und außenpolitischer Komponenten wird damit erstmals eine Gesamtdarstellung vorgelegt, die den Vertragsarbeitereinsatz als Projekt analysiert, das alle staatlichen Ebenen herausforderte.

Bearbeiterin: Franziska Rantzsch, M. A.

Bild: Welzow, Vertragsarbeiter aus Mosambik (1984) © Wikimedia Commons, Bundesarchiv, Bild 183-1984-0712-010 / Rainer Weisflog / CC-BY-SA 3.0.