Eine andere Geschichte der Japanologie zwischen Literaturgeschichte und kartographischer Expertise. Die Arbeiten von Karl Adolf Florenz und Bruno Hassenstein.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts intensivierten europäische Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen ihre Forschungen zu Japan. Mit ihren zahlreichen Abhandlungen versuchten sie, einen der letzten weißen Flecke im Fernen Osten zu füllen, der zuvor aus wenigen Publikationen bekannt war.

Im Rahmen des Dissertationsprojekts soll anhand der Akteure Bruno Hassenstein und Karl Adolf Florenz untersucht werden, wie Japanexpert*innen das japanische Inselreich erforschten. Hierbei stützt sich die Arbeit auf umfangreiche Notizen, Handschriften und kartographische Werke Hassensteins sowie die reichhaltigen philologischen Schriften von Florenz. Einige Gemeinsamkeiten dieser beiden Japanenthusiasten ergeben sich aus dem Umstand, dass sie im Umfeld von bekannten Kenner*innen der Nation agierten und nach einer verständlichen Transkription der japanischen Sprache suchten. Der Blick auf diese Protagonisten hilft dabei nachzuvollziehen, warum das 19. Jahrhundert als Entstehungsmoment der heutigen Japanologie gedeutet wird.

Konzipiert wird das Projekt um grundsätzliche Fragen, die sich bei der Analyse von Japangelehrten aus unterschiedlichen Fachrichtungen stellen: Was machte eine*n Japanexpert*in aus? Gab es eine formale Ausbildung, die zu durchlaufen war? Wie wurde in den Kreisen der Gelehrten darüber verhandelt, wer als solche*r galt und wer nicht? Mussten japanische Sprachkenntnisse vorgewiesen werden? Welche Japanbilder erzeugten Gelehrte in ihren Texten? Die Beantwortung solcher Fragen kann dazu beitragen, die Genese der Japanologie als wissenschaftliche Disziplin besser zu verstehen.

Bisher wurde die historische Entwicklung der Japanologie mit dem Schwerpunkt auf biographischen Studien ihrer Vorreiter*innen, dem Einfluss nationaler Ideologien und Japandiskursen innerhalb des Fachs interpretiert. Das Forschungsprojekt ergänzt diese Auslegungen, indem es die Rolle von Japanexpert*innen bei der Etablierung ihrer wissenschaftlichen Disziplin betrachtet. Um dies herauszuarbeiten, kombiniert die Untersuchung interdisziplinäre Ansätze aus der Diskursanalyse, Globalgeschichte und Expertengeschichte. Es wird angenommen, dass die Geschichte der Japanologie des 19. Jahrhundert als globale Expertengeschichte gelesen werden kann. Darunter ist eine asymmetrische Verflechtung zu verstehen, in der sich Expertenwissen zu einem wesentlichen Merkmal einer*s Japanexpert*in entwickelte. Insgesamt soll auf diesem Weg ein alternativer Vorschlag zur Analyse der Japanologie als wissenschaftliche Disziplin im 19. Jahrhundert unterbreitet werden.

Bild: 秋山永年墨仙[作図] / 船橋渡 ; 船越守愚[撰], Fujimi Juusanshuu Yochi No Zenzu, Japan: Shūseidō 1843, 155 × 175cm, Forschungsbibliothek Gotha, Sammlung Perthes, SPK 30.15.b.06 C (01), Bl. 8.

Patrick Müller
Doktorand
(Forschungskolleg Transkulturelle Studien / Sammlung Perthes)
Schloss Friedenstein, Pagenhaus / Raum 2.03b