Universität Erfurt

Was ist westlich am Westen?

Forschung

Allgemeines Profil

Das Projekt „Was ist westlich am Westen? Raum-zeitliches Aneignen und Ordnen der Welt von der Neuzeit an (Europa, Amerika)“ untersucht in Einzelstudien repräsentative raum-zeitliche Praktiken und Theorien des Welt-Aneignens und Welt-Ordnens auf die Fragen, wie in ihnen Westlichkeit produziert wird und wie sie in die Welt wirken.

Diese Praktiken und Theorien prägen seit Jahrhunderten Gesellschaften nicht nur im „Westen“. Angesichts globaler Herausforderungen und Kritiken ist für Viele der „Westen“ ein zentrales, wenn nicht imperiales Moment und Bestandteil zahlreicher Meistererzählungen (Modernisierung, Demokratisierung, Orientalismus, Balkanismus etc.). In fast jeder Nachrichtensendung ist in irgendeiner Form vom „Westen“, von „westlicher“ Kultur, von „westlichen“ Lebensformen, Weltbildern oder Werten die Rede und zunehmend von post-westlichen Weltordnungen. Viele äußern sich über die Herausforderungen des „Westens“ durch „den Islam“, durch Ostasien oder generell den „Osten“ oder auch den „Globalen Süden“. Seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten sprechen nicht wenige von einer Bedrohung des „Westens“ von innen. Indem sich Akteure derart die Welt aneignen und ordnen, produzieren sie den „Westen“ beziehungsweise „Westlichkeit“. Was aber ist westlich am Westen? Wie wurde „Westlichkeit“ so wirksam? Und: Wie lassen sich „Westen“ und „Westlichkeit“ fassen? Bislang hat es vereinzelte Antworten und Erklärungsversuche gegeben.

Das hier vorgestellte Projekt geht über diese Ansätze hinaus, indem es unter „Westen“ beziehungsweise „Westlichkeit“ raum-zeitliche Ordnungs- und Aneignungspraktiken und -Theorien versteht und nicht einen in einem essentialistischen Sinne objektiv feststehenden Sachverhalt.

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Methode

Methodologisch können wir auf eine jahrelang gefestigte gemeinsame Expertise im Bereich raum-zeitlicher Ordnungs- und Aneignungspraktiken und -Theorien zurückgreifen. Damit wird nicht nur das Fundament für gemeinsame Diskussionen gelegt, sondern auch eine reflektierte Begriffsbildung gefördert. Der Spatial turn führte seit den 1990er Jahren in zahlreichen Sozial- und Kulturwissenschaften sowie in der Philosophie zu enorm wichtigen Erkenntnissen im Bereich der räumlichen Verhältnisse von Mensch-Welt-Beziehungen. Gleichwohl traten dabei häufig die zeitlich-dynamischen Perspektiven in den Hintergrund.

Hier setzt unsere methodologische Expertise an. Zentral sind für uns die Auseinandersetzung mit dem Produzieren von RaumZeitlichkeiten (Henri Lefebvre; Michail Bachtin), mit (trans-)lokalen Alltagspraktiken (Michel de Certeau) und mit grundlegenden anti-essentialistischen Kritiken (Gilles Deleuze/Félix Guattari). Zuletzt legten wir einen Schwerpunkt auf raum-zeitliche Macht- verhältnisse (Michael Hardt/Antonio Negri).

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Vorgehensweise

Auf Grund des Umfangs und der Komplexität der Fragestellung handelt es sich um ein Langzeitunternehmen, in das im Verlauf weitere Expert*innen einzubinden sein werden. Deswegen soll in der Pilotphase neben einer methodischen und inhaltlichen Grundlegung ein Antrag auf eine Forschergruppe gestellt werden. Dieses Format passt auf Grund der Möglichkeit der intensiven Zusammenarbeit von Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen, verschiedener Karrierestufen und verschiedener Forschungseinrichtungen auch besonders gut zu bereits erprobten Kooperationsformen der Projektbearbeiter*innen, die seit Jahren im Rahmen der Forschungseinheit Erfurter RaumZeit-Forschung (ERZ) an der Universität Erfurt (UE) zusammenarbeiten.

Spätestens die internationale Konferenz „SpatioTemporality of the Imperial“ (Oktober 2014, publiziert 2016 in der neuen de Gruyter Oldenbourg-Reihe SpatioTemporality) hat gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit RaumZeitlichkeiten von Macht und Politik einen vielfach produktiven Fokus darstellt. Das Projekt „Was ist westlich am Westen?“ kann also vielfältig auf gemeinsame Vorarbeiten zurückgreifen und stellt gleichzeitig das Perspektivthema dar, mit dem die ERZ beabsichtigt, wichtige Debattenbeiträge zu liefern und die prosperierende Raum- und Zeit-Forschung an der UE institutionell zu verstetigen. Damit ist ein effizienter Einsatz der beantragten Fördermittel gewährleistet. Auch der Erfahrungsschatz der Projektbearbeiter*innen in der Drittmittelakquise trägt hierzu bei.

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Zielstellung

Zusammengefasst sollen also folgende drei Ziele erreicht werden:

  1. Wissenschaftlich erlaubt die gemeinsame Expertise der Projektbearbeiter*innen im Komplex der raum-zeitlichen Praktiken und Theorien des Welt-Aneignens und -Ordnens neue Erkenntnisse zu den Fragen, wie „Westlichkeit“ produziert wird beziehungsweise in die Welt hineinwirkt. Für das Gesamtprojekt soll das hier skizzierte methodologische Instrumentarium während dieser drei Jahre ausgearbeitet werden. Die Einzelprojekte sind so gewählt, dass sie mannigfach ineinandergreifen. Sie werden so weit vorangetrieben, dass erste Ergebnisse publiziert werden können beziehungsweise wird ein Post-Doc-Projekt abgeschlossen. Zu öffentlichen Debatten wie den oben angedeuteten wird die Gruppe Beiträge (Zeitungen, Radio, Blog, Homepage) einbringen.

  2. Darauf aufbauend soll die ERZ in die Lage versetzt werden, das primäre strategische Ziel der Einwerbung einer (DFG-)Forschergruppe zu erreichen. In dieser zweiten Phase erscheinen in den Einzelprojekten einschlägige Monographien. Weitere Perspektiven werden diskutiert.

  3. Schließlich würde es die Förderung forschungspolitisch ermöglichen, dass der expandierende Bereich der kulturwissenschaftlichen Raum- und Zeit-Forschung zu einem noch besser sichtbaren und profilbildenden Forschungsschwerpunkt der Universität Erfurt ausgebaut werden kann.

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