Universität Erfurt

Westliche Erscheinungen – Auszüge aus einer arabischen Debatte in Kairo 1926

Omar Kamil – 02.04.2019

Muhammad Hussain Haikal (1888-1956) –
Image by Bibliotheca Alexandrina
Taha Hussain (1889-1973) –
Image by Bibliotheca Alexandrina

Die Wochenzeitung al-usbu`al-siyasy [Die politische Woche] stellte in der ägyptischen Hauptstadt der 1920er Jahre die intellektuelle Plattform des Landes dar. Hier präsentierten Vertreter der arabischen Oberschicht ihre Ideen und Ansichten über Religion, Kultur und Politik. Darunter zwei Intellektuelle, die einen festen Platz in der modernen arabischen Kulturgeschichte einnehmen sollten: Muhammad Hussain Haikal (1888–1956) und Taha Hussain (1889–1973).[1] Beide blickten auf ähnliche Bildungswege zurück. Sie durchliefen ihre Schulausbildung an der traditionell und religiös geprägten Azhar, anschließend genossen sie ein modernes und säkulares universitäres Studium: Taha Hussain studierte Literaturwissenschaft, während Haikal ein Jurastudium absolvierte. Anschließend setzten sie ihre „höheren Studien“ an der Sorbonne in Paris fort. Beide kehrten nach Ägypten zurück und prägten über die ägyptischen Grenzen hinaus die arabische Öffentlichkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich: Hussain in erster Linie als akademischer Hochschullehrer, Haikal eher als Journalist und Politiker. Sie beschäftigten sich mit der Modernisierung ihres islamisch geprägten Umfeldes und suchten nach den passenden Wegen dafür.

Trotz dieses ähnlichen Bildungshintergrundes kam es zu einer Meinungsverschiedenheit beider Intellektueller über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion. Diese begann mit einem Artikel von Haikal, der unter dem Titel „Wissenschaft und Religion“ in al-usbu al-siyasy erschien. Ihm folgte eine Kontroverse zwischen den beiden Intellektuellen: Für Hussain waren Wissenschaft und Religion zwei Erfahrungsstränge, die in jeder Gesellschaft vorhanden sind und daher nicht negiert werden können. Er plädierte dafür, den religiösen und den wissenschaftlichen Gesellschaftsbereich klar zu definieren und beide Bereiche voneinander abzugrenzen, damit sie nicht miteinander in Berührung kämen. Haikel sah in der strikten Trennung von Wissenschaft und Religion eine westliche Erfahrung, deren Übernahme die Sitten und Normen muslimischer Gesellschaften berücksichtigt müsse. Nach ihm seien religiöses Wissen und wissenschaftliche Erkenntnis miteinander in Einklang zu bringen, zumal der Islam – anders als der christlich geprägte Westen – nicht auf ein feindseliges Verhältnis zur Wissenschaft zurückblicke. Die Diskussion ging humorvoll zu Ende - Hussain war der Meinung, dass Haikel seine Auffassung nicht grundsätzlich ablehne, aber als Politiker seine muslimische Wählerschaft berücksichtigen müsse. Er, Hussein, jedoch sei Wissenschaftler und genieße daher eine gewisse Freiheit, die ihm erlaube, an seinen Ansichten festzuhalten. Denn auch wenn der Startschuss für die Trennung von Religion und Wissenschaft im Westen gefallen sei, so habe sie doch universale Geltung[2].

Die dargestellten Auszüge dieser Debatte aus dem Jahr 1926 werfen ein Schlaglicht auf die arabisch-muslimische Auseinandersetzung mit dem „Westen“. Im Zusammenhang mit der Frage „Was ist westlich am Westen?“ tauchen weitere Fragen hinsichtlich der arabisch-muslimischen Perspektive auf, denen sich weitere Forschungen widmen werden. Tatsächlich machten westliche Begriffe und Erscheinungen eine „transkulturelle Reise“ in Raum und Zeit, von ihren europäischen Entstehungsorten in die kulturellen Zentren arabisch-muslimisch geprägter Gesellschaften. Bewahrten sie während dieser Reise ihre ursprüngliche Bedeutung? Oder erfuhren sie transkulturelle Modifizierungen? Und wenn ja, welche?   Welche Erklärungs- und Deutungsversuche europäischer Erscheinungen und Begriffe ergaben sich aus der arabisch-muslimischen Perspektive?  Wo ist hinsichtlich einer Begriffsdefinition die Grenze zwischen der kulturellen Autonomie einer arabisch-islamischen Kultursphäre und der angeblich universalen bzw. globalen Deutungshoheit des Westens?

 


[1] Vgl. dazu Baber Johansen: Muhammad Husain Haikal: Europa und der Orient im Weltbild eines ägyptischen Liberalen, Wiesbaden 1967 und Cachia, Pierre: Taha Husayn. His Place in the Egyptian Literary Renaissance, London 1956.

[2] Um die gesamte Debatte zu überblicken sind die Ausgaben der Zeitschrift as-siyasa al-usbu´iya vom Monat Juni und Juli 1926 zu empfehlen. Den Ausführungen zur Auslösung der Debatte liegt ein Artikel von Haikal über al-´ilm wal-din vom 14.06.1926 und eine der Reaktionen Taha Hussains unter dem gleichen Titel vom 17.07.1926 zugrunde.

Franz Rebhan, letzte Änderung: 10.05.2019

Werkzeugkiste

Suche

Nutzermenü und Sprachwahl