Universität Erfurt

Professur Orthodoxes Christentum

Profil

Die Studienrichtung „Religionswissenschaft (Orthodoxes Christentum)“ an der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt stellt ein Novum dar, denn es geht erstens um ein bisher nur allgemein und am Rande behandeltes Forschungsgebiet und zweitens um eine im deutschsprachigen Raum bislang einzigartige Verbindung. Eine nicht-theologische, systematische religions- und kulturwissenschaftliche Erschließung dieses breiten Raums, der durch die soziopolitischen Umwälzungen am Ende des 20. Jahrhunderts wieder an Bedeutung gewann, blieb bislang außer Betracht. Diese Erschließung zu liefern setzt sich das Erfurter Fach „Religionswissenschaft (Orthodoxes Christentum)“ zur Aufgabe. Einbezogen werden dabei in erster Linie die orthodoxen Kulturen Ost- und Südosteuropas mit ihren zwei Hauptströmungen der byzantinisch-griechischen und der slawischen (hier wiederum insbesondere russischen) Orthodoxie. Bisher wurden Fragestellungen aus dem Gebiet der ost- und südosteuropäischen Orthodoxie vorwiegend im Rahmen von geschichtswissenschaftlichen, slawistischen und theologischen Forschungsrichtungen (mit-)untersucht und (mit-)gelehrt. Im Rahmen des Erfurter Studiengangs wird hingegen versucht, den religionswissenschaftlichen Blick auf die orthodoxe Welt als eigenen Forschungsfokus zu etablieren und diesen zugleich in eine kulturwissenschaftliche Gesamtperspektive (unter Einbeziehung der Ergebnisse anderer gesellschafts- und geisteswissenschaftlicher Disziplinen) einzupassen. Gegenüber der theologischen (vielfach apologetisch ausgerichteten) Herangehensweise schließlich definiert sich die Religionswissenschaft durch eine – auch kritische – sozial- und kulturwissenschaftliche Außenperspektive zu Lehrmeinungen, Geschichte und sozialer Wirklichkeit orthodoxer Bekenntnisse.


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Erstes Ziel der Studienrichtung „Religionswissenschaft (Orthodoxes Christentum)“ an der Universität Erfurt ist es dabei, grundlegende Kenntnisse über die Vielfalt der Erscheinungsformen, aber zugleich über die Einheit und Eigenart des Orthodoxen Christentums zu vermitteln. Das Orthodoxe Christentum besteht aus mehreren autokephalen bzw. autonomen, aber in konziliarer Gemeinschaft miteinander verbundenen Kirchen und kann auf eine lange Geschichte seit der Urkirche zurückblicken. Konkret wird die Aufmerksamkeit insbesondere auf den ost- und südosteuropäischen Bereich gelenkt, also auf jenen geographischen Raum, in dem das Orthodoxe Christentum entstand, sich etablierte und im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelte. Nicht zu übersehen ist, dass in diesem Gebiet noch heute mehr als ¾ der Orthodoxen in der ganzen Welt leben. Dies umfasst im Einzelnen die griechische Orthodoxie (von der byzantinischen Epoche bis zum neugriechischen Staat), die russische Orthodoxie (von der Zeit der Christianisierung bis in die post-sowjetische Ära) und die spezifischen Traditionen der Balkanländer (z. B. Rumänien, Bulgarien, Serbien), in denen die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der orthodoxen Kirche angehört. Daneben gibt es beträchtliche orthodoxe Minderheiten in benachbarten Ländern (z. B. Albanien) und kleinere orthodoxe Glaubensgruppen in Ostmitteleuropa (Polen, Tschechien, Slowakei) sowie in Finnland. Der Erwerb von gebietsbezogenen Sprachkenntnissen (zur Zeit Altgriechisch/Neugriechisch und Altkirchenslawisch/Russisch) und Ergänzungsansätze aus verwandten Disziplinen (z.B. osteuropäische Geschichte) sollen in Erfurt einen vertieften Einblick in ausgewählte Themen – philologische, historische, kultur- sowie geistesgeschichtliche – aus dem breiten Feld des Orthodoxen Christentums im Osten und Südosten Europas bieten. In zweiter Linie wird die Präsenz des Orthodoxen Christentums in mehreren Teilen der heutigen Welt, vom Nahen Osten über Westeuropa bis zu Amerika und Australien, mitberücksichtigt. Die moderne globalisierte Welt mit vielfältigen religiösen und kulturellen Wechselwirkungen zwischen Völkern, Ländern und Nationen zwingt dazu, die internationale Präsenz und Bedeutung sowie die kulturelle Diffusion des Orthodoxen Christentums und seine Marginalisierung im Diskurs des Abendlandes eingehender zu betrachten.

Ein zweites Ziel dieser Erfurter Studienrichtung ist die multidisziplinäre Untersuchung der geschichtlichen Systematisierung der orthodoxen Dogmatik, der Ausgestaltung des orthodoxen Rituallebens, der vielfältigen Ausdrucksformen von orthodoxer Welterfahrung, Frömmigkeit und Lebenspraxis, der Bedingungen ihres Entstehens sowie ihrer Ausprägungen, und der sich daraus ergebenden oder tradierten Strukturen, Organisationsformen, gesellschaftlichen Folgen, Mentalitäten und Verhaltensmuster. Wie in jeder Religion sind auch im Orthodoxen Christentum Kräfte am Werk, die divergierende, praktische Weltverhältnisse, individuelle oder kollektive Verbindlichkeiten und damit differenzierte soziale Ordnungen hervorbringen. Das Orthodoxe Christentum, als selbständiger Kulturfaktor neben anderen, kann als eine der Voraussetzungen betrachtet werden, unter denen sich die Eigenart der ost- und südosteuropäischen orthodoxen Kulturen herausgebildet hat, denn diese religiöse Tradition ist tief im Selbstverständnis dieser Völker und in ihrer kollektiven Mentalität verwurzelt. Das Interesse wird hier also auf das Orthodoxe Christentum aus einer empirischen Perspektive (z. B. etwa von Religionsgeschichte, -soziologie, -psychologie, -ethnologie, -semiotik) gelenkt, denn die christliche Orthodoxie setzte als Tatbestand der kulturgeschichtlichen longue durée im Laufe ihrer Interaktion mit dem jeweiligen kulturellen Umfeld langfristige soziale Wandlungsprozesse in Gang und begründete spezifische Handlungsoptionen gemäß ihrer eigenen Heilsmethode. Solche Einflüsse sind zum Beispiel besonders ersichtlich an den Beziehungen zwischen Staat und Kirche im orthodoxen Osten und Südosten Europas, der engen Verflechtung zwischen Nation und Kirche und der Politisierung des Orthodoxen Christentums sowie an – in Relation zum Westen – in vielen Punkten verspäteten und anders verlaufenden Säkularisierungs-, Entchristlichungs- und Antiklerikalismusströmungen.

Ein drittes Ziel dieser Erfurter Studienrichtung ist die systematische und vergleichende Betrachtung und Untersuchung der vielfältigen Ausdrucksformen des Orthodoxen Christentums aufgrund der jeweiligen unterschiedlichen kulturellen Gegebenheiten und Veränderungen sowohl in vergangenen Epochen als auch in der Gegenwart. Bei der Analyse der geographischen, kulturellen, sprachlichen und geschichtlichen Verschiedenheit der jeweiligen orthodoxen Kirchen und Kulturen dürfen kulturenübergreifende, gemeinsame Aspekte nicht übersehen werden. Deshalb werden in Erfurt solche Arbeiten und Forschungsprojekte besonders gefördert, die über den engen Rahmen einer einzelnen Region hinausgehen und ihren Schwerpunkt auf den Vergleich zwischen zwei oder mehreren orthodoxen kulturellen Traditionen und Kirchen ermöglichen. Dies wird sicherlich zu einem besseren Verständnis des Orthodoxen Christentums führen und die alle orthodoxen Kirchen verbindende Spezifik in ihren je verschiedenen Konkretisierungen deutlicher machen. Darüber hinaus ist die Untersuchung der historischen Beziehungen, Wechselwirkungen und Auseinandersetzungen des Orthodoxen Christentums mit den christlichen Traditionen des Westens, nämlich dem Römischen-Katholizismus und dem Protestantismus, von besonderer Bedeutung, denn diese haben zum großen Teil das Selbstverständnis orthodoxer Völker entscheidend geprägt. Nicht zu übersehen ist, dass das Orthodoxe Christentum sich auch mit anderen religiösen Traditionen (z.B. mit Religionen der antiken Welt, dem Islam oder den so genannten „Neuen Religiösen Bewegungen“) auseinandergesetzt hat und dass es in der modernen Welt ebenfalls mit etlichen nicht-religiösen Sinnentwürfen und Welterklärungsmodellen (z. B. mit dem Marxismus-Leninismus oder dem Weltbild der modernen Naturwissenschaften) in Kontakt und oft auch Konflikt geraten ist. Diese Begegnungen bedürfen eingehender Untersuchung, denn sie beleuchten ihrerseits Grundaspekte der kontinuierlichen Interaktion des Orthodoxen Christentums als eines besonderen Sinn- und Symbolsystems mit unterschiedlichen anderen Kulturkomplexen und die daraus resultierenden Aneignungs- oder Abgrenzungsprozesse.

Mit dem vierten Ziel
der Erfurter Studienrichtung „Religionswissenschaft (Orthodoxes Christentum)“ weitet sich der konfessionsgeschichtliche Blickwinkel hin zur Frage nach der Fortdauer religiöser (oder para-religiöser) Denk- und Ausdrucksmuster in nicht-religiösen Kontexten. Gerade im Sinne einer kulturgeschichtlichen longue durée gilt es, die Beharrungsfähigkeit ursprünglich religiös inspirierter Kategorien und Strukturen ans Licht zu heben und so eine kulturhistorisch übergreifende (die nachchristlichen Jahrtausende überbrückende) Herangehensweise an kulturelle Phänomene der Neuzeit bis in die Moderne und Postmoderne auszufalten. Die Leitfrage dieses Forschungsschwerpunktes lautet: Inwieweit sind bestimmte Erscheinungen säkularer Kultur als „post-religiös“ und damit als religiös beeinflusst aufzufassen? Als Beispiele seien etwa die Sinngebungssysteme Wissenschaft und Kunst, Philosophie und Esoterik, Riten des Alltags, politische Religionen, säkulare Kulte, kalendarische Feste, psychedelische Erfahrungen und phraseologische Sprachmuster genannt. Hier ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen in Erfurt vertretenen Disziplinen wie Kommunikations-, Literatur-, Sprach- und Geschichtswissenschaft sowie verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen ein fester Bestandteil der religionswissenschaftlichen Erforschung der orthodoxen Kulturen. Auf diese Weise ist ein Zugang zum Orthodoxen Christentum möglich, der auch Thesen von der Förderung oder Hemmung neuzeitlicher sozialer Entwicklungen (Modernisierung, Zivilisierung, Ausdifferenzierung) durch bestimmte „orthodoxe“ Glaubensmuster, Mentalitäten und Handlungsoptionen einer historischen Revision zu unterziehen vermag. Verbreitete, wertbesetzte Begriffe wie Säkularisierung oder Modernisierung können so differenzierter beschrieben werden.

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Felix Bader, letzte Änderung: 10.02.2017

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