Universität Erfurt

Sammlung Perthes Gotha

Globalisierung und lokales Wissen

Globalisierung und lokales Wissen: Sammlungsbezogene Forschungen zum Verlag Justus Perthes

Das Vorhaben „Globalisierung und lokales Wissen: Sammlungsbezogene Forschungen zum Verlag Justus Perthes“ ist von 2012 bis 2016 vom Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (seit 2014:Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft) mit 300.000 EUR gefördert worden.

Das Projekt hat erstmals die Forschungspotenziale der 2003 vom Freistaat Thüringen erworbenen kartografisch-geografischen „Sammlung Perthes Gotha“ aufgezeigt. Von Wissenschaft und Öffentlichkeit wird die Sammlung Perthes bisher vor allem als Kartensammlung wahrgenommen. Karten bildeten auch zweifellos das Zentrum der Produktion des Perthes Verlages, doch machte die Kartenherstellung nur einen kleinen Teil der Verlagsaktivitäten aus. Von Gotha aus wurde geografisches Wissen nicht nur kartiert, popularisiert und verkauft, Perthes war zugleich eine Institution, in der Wissen aus allen Bereichen der Geografie und Naturforschung gesammelt und in verschiedensten Medien weiterverarbeitet wurde. Schon für Zeitgenossen war Perthes kein passiver Vertriebskanal für geografische Produkte, sondern – vergleichbar mit einer Universität oder wissenschaftlichen Forschungseinrichtung – einer der wichtigsten und lebendigsten Knotenpunkte der „geografischen Gelehrtenrepublik“, vor allem des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die zentrale Stellung des Verlages in der damaligen Wissenschaftslandschaft spiegelt sich noch heute in der Sammlung Perthes wider. Als Arbeitsinstrument des Verlages finden sich in ihr neben der Kartensammlung auch bislang weniger beachtete Materialgruppen, die wie eine Kette zwischen den ersten Feldbeobachtungen und den kartografischen Endprodukten liegen: Vermessungsaufzeichnungen, Feldnotizen, Kartenskizzen, Reisetagebücher und Korrespondenzen, Arbeitstagebücher von Kartografen, Kupferplatten, Archivalien des Unternehmens wie beispielsweise Rechnungsbücher, eine umfangreiche geografische Spezialbibliothek und meterweise Loseblattsammlungen mit Detailinformationen. Jedoch wurde das in dieser Überlieferungsdichte einzigartige Zusammenspiel verschiedenster Materialgruppen von der kulturhistorischen Forschung bislang kaum wahrgenommen. Die Sammlung Perthes ist auch im internationalen Vergleich eines der wenigen Archive, das nicht universitär oder als Bibliothek, sondern betriebswirtschaftlich organisiert war und gleichzeitig als maßgeblicher Motor wissenschaftlicher Forschung wirkte. Es existiert kaum eine Vergleichssammlung, anhand derer sich Ökonomien des Wissens in einer solchen Überlieferungsdichte und -komplexität nachvollziehen lassen wie in der Gothaer Sammlung.

Das am Forschungszentrum Gotha etablierte Vorhaben hat an Fallbeispielen die einzigartig miteinander verzahnten Materialgruppen der Sammlung in ihrem Zusammenhang untersucht. Entwickelt wurde zudem der Prototyp eines virtuellen Kartenlabors „GlobMapLaboratory“, eine webbasierte Nutzeroberfläche, auf der ausgewählte Materialien und Ergebnisse der Fallstudien präsentiert und Kartenbestände und Archivalien der Sammlung Perthes digital bereitgestellt worden sind. Das „GlobMapLaboratory“ wird als Teil der Digitalen Historischen Bibliothek Erfurt/Gotha  in Kooperation mit der ThULB Jena und weiteren Partnern zu einem Portal für die Sammlung Perthes weiterentwickelt.

Laufzeit

2012-2016

Projektleitung

  • Prof. Dr. Susanne Rau, Professur für die Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit
  • Dr. Petra Weigel, wissenschaftliche Referentin Sammlung Perthes

Projektförderung


Projektpartner


Projektmitarbeiter

Norman Henniges, M.A.

Dipl.-Inf. René Smolarski B.A. (für das GlobMapLap)

Präsenz des virtuellen Kartenlabors (GlobMapLab)

Dr. Nils Güttler

Oliver Gondring, M.A.


Workshop zum Projekt

Workshop „Sammlungsökonomien. Vom Wert wissenschaftlicher Dinge, Teil 1: Sammeln und Markt seit dem späten 18. Jahrhundert“

Der gemeinsam von Dr. Ina Heumann (Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung in Berlin) und Dr. des. Nils Güttler (Forschungszentrum Gotha) organisierte Workshop fand am 21. und 22. November 2013 statt. Ziel war es, die sich in Sammlungen vermischenden epistemischen und ökonomischen Kreisläufe zu untersuchen und an Fallbeispielen aufzuzeigen, dass der Kultur- und Erkenntniswert wissenschaftlicher Dinge untrennbar mit ökonomischen Infrastrukturen verknüpft ist.


Workshop Economies of Collections and the Value of Scientific Things

Scientific collecting is a process that mobilizes and generates social, economic, political, and scientific capital. The workshop focuses on economies of collections and the value systems associated with them. As such, it draws attention to questions concerning the management, house-keeping and ordering of knowledge within collections from the late 18th century to the present.

Historically, the objects of scientific study and sciences have always been connected through marketplaces and economies. Prior to public display, scientific things used to circulate between collectors, traders, owners, and institutions. Indeed, things acquire their unique value by means of circulation. How have cultural and epistemic values of objects been linked with economic infrastructures? How did the circulation of objects shape scientific debates and what was its impact on new disciplines and institutions? How can historians come to an integrative view on processes of ordering, presenting, and marketing?

Programm | Program (pdf)

 

Tagungsbericht

Tagungsbericht Sammlungsökonomien. Vom Wert wissenschaftlicher Dinge / Economies of Collections and the Value of Scientific Thing. 21.11.2013–22.11.2013, Gotha, in: H-Soz-Kult, 09.05.2014.

Publikationen

2013

  • Gondring, Oliver and Rau, Susanne: Designing the GlobMapLab: Using maps as an entry point to the Perthes Collection, in: e-Perimetron, Vol. 8 (2013), No. 3, S. 133-145. URL: http://www.e-perimetron.org/vol_8_3/Gondring_Rau.pdf.
  • Güttler, Nils: Unsichtbare Hände: die Koloristinnen des Perthes Verlags und die Verwissenschaftlichung der Kartographie im 19. Jahrhundert, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Vol. 68 (2013), S. 133-153.

2014

2015

  • Henniges, Norman: „Naturgesetze der Kultur“: Die Wiener Geographen und die Ursprünge der „Volks- und Kulturbodentheorie“, in: ACME. An International E-Journal for Critical Geographies 14 (2015), Heft 4, S. 1309–1351, URL: http://ojs.unbc.ca/index.php/acme/article/view/1076/1146.

2016

  • Henniges, Norman / Meyer, Philipp Julius: „Das Gesamtbild des Vaterlandes stets vor Augen“ Hermann Haack (1872-1966) und die Gothaer Schulkartographie vom Wilhelminischen Kaiserreich bis zum Ende des Nationalsozialismus. In: Zeitschrift für Geographiedidaktik (2016), Heft 4, S. 37–60.
  • Henniges, Norman / Rau, Susanne / Smolarski, René / Tzschach, Heiko: Mehr als nur Karten. Das Virtuelle Kartenlabor (GlobMapLab) als Zugang zur Sammlung Perthes. In: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften (2016), URL: http://dx.doi.org/10.17175/2016_001


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