Universität Erfurt

Die Sammlung Teufel

Otto Fiebach: Musikhandschriften

Bislang unbekannte Notenmanuskripte entdeckt

Bei der Bearbeitung der Sammlung wurden kürzlich mehrere Notenmanuskripte entdeckt, die dem Komponisten Otto Fiebach zugeschrieben werden können. Von Fiebach sind kaum Kompositionen überliefert. Die aufgefundenen Noten zum Madrigalhymnus "Die Neun Musen" sind bisher nirgendwo nachgewiesen. Aus den vorliegenden Manuskripten lässt sich schliessen, dass Fiebach den Madrigalhymnus "Die Neun Musen" nicht nur selbst komponierte, sondern auch aufführte.

In der 2. Auflage der Spezialenzyklopädie "Musik in Geschichte und Gegenwart" ist der Eintrag zu Otto Fiebach bereits entfallen. Das ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass von seinem kompositorischen Werk so wenig überliefert wurde. Umso interessanter könnte der Fund der Notenmanuskripte für die Musikwissenschaft sein.

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Für eine Renaissance der Kontrapunktik: Der Musiker und Komponist Otto Fiebach (1851-1937)

Eine gewisses Maß an Chuzpe schrieb die internationale Presse dem Komponisten des am 3. Mai 1906 in Königsberg uraufgeführten Madrigalhymnus „Die neun Musen“ für Chor, Soli und Orchester zu. Ein gewagtes Experiment sei es, der extravaganten zeitgenössischen Musik ein Werk entgegenzusetzen, das kompositorisch ganz in der Tradition protestantischer Kirchenmusik verankert sei. Inwiefern diesem gleichsam anachronistischen Stil trotz alledem Zukunftsfähigkeit bescheinigt werden könne, sei dabei mit Rückzug auf Galileos E pur si muove offen zu lassen.

Jener Komponist mit zumindest zeitgenössisch internationaler Strahlkraft war Otto Fiebach - ein Königsberger Musiker, Musiktheoretiker und –kritiker, der die ostpreußische Musikszene in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ganz wesentlich geprägt hat. Geboren wurde er am 9. Februar 1851 als Sohn eines Militärmusikers in Ohlau (Schlesien). Seine musikalische Ausbildung erhielt er am Institut für Kirchenmusik sowie an der Akademie der Künste in Berlin. 1886 wechselte er nach Königsberg, wo er das Ostpreußische Konservatorium gründete und dessen Leitung übernahm. Zugleich engagierte er sich kirchenmusikalisch als Organist sowie als Gründer des Verbandes der Kirchenmusiker Ostpreußens. Von 1910 bis 1920 arbeitete Otto Fiebach als Musikdirektor der Königsberger Universität.

Durch sein schier unermüdliches musikalisches Engagement gestaltete er das kulturell-gesellschaftliche Leben Königsbergs - etwa als Vorsitzender des Königsberger Künstlervereins - entscheidend mit. In seiner kulturpolitischen Funktion als Sprecher der Musikerschaft Ost- und Westpreußens gelangte er auch zu überregionalem Einfluss. Dabei fungierte er als Musikkritiker ebenso wie als Verfasser musiktheoretischer Schriften.
Dass er zudem ein so beachtliches, gleichwohl weitgehend unbekanntes Oeuvre vorlegte, mag überraschen: Otto Fiebach komponierte zahlreiche Kirchenmusiken – in guter Tradition für den sonntäglichen Gottesdienstgebrauch. Daneben entstanden Kammer- und Schauspielmusiken sowie etliche Opern und Vokalwerke (Oratorien, Kantaten, Hymnen, Lieder und Chorlieder). Seine Werke wurden in Danzig, Dresden, Königsberg und Berlin aufgeführt.

Otto Fiebach galt zeitgenössisch als ein „Meister des Kontrapunkts“. Der Madrigalhymnus „Die neun Musen“ steht, das sah die erwähnte ausländische Musikkritik richtig, paradigmatisch für dessen Leitidee, eine musikalische Renaissance im Sinne des kontrapunktischen Palestrina-Stils zu initiieren. In seiner Orientierung an die alten Meister grenzte er sich dabei zeitlebens dezidiert von der durch Komponisten wie Richard Wagner, Anton Bruckner oder Richard Strauß geprägten Romantik ab. Gegen die dort praktizierte Auflösung von Form, Harmonie und Kontrapunkt propagierte er mit den „Neun Musen“ die ‚Reinheit der Tonkunst’. Dabei griff er für seine beim Publikum mit großem Beifall aufgenommenen Madrigalhymnus auf Texte aus dem „Klassischen Liederbuch“ von Emanuel Geibel (1815-1884) zurück. Er verarbeitete freilich auch historische Motive, etwa in seinen beiden Lutherkantaten. Überdies nahm er sich tagesaktuellen Thematiken an: So entstand nach dem Untergang der Titanic 1912 die Kantate „Mein Gott, zu Dir“.
Otto Fiebach starb am 10. September 1937 in Königsberg. Mit den geopolitischen Veränderungen nach dem zweiten Weltkrieg entschwand auch der Königsberger Komponist fast gänzlich aus dem musikhistorischen Gedächtnis Deutschlands.

Werke (Auszug)
Opern und Singspiele
Prinz Dominik (1885); Die Loreley (1886); Bei frommen Hirten (1891); Die Herzogin von Marlborough (1900)
Oratorien, Kantaten, Hymnen
Die neun Musen; Jona; Esther; Luther im Kloster; Luther in Worms; Xenophon und der Rückzug der Zehntausend; Mein Gott, zu Dir; Prokop
Schriften
Physiologie der Tonkunst, Leipzig 1891.
Die Lehre vom strengen Kontrapunkt, Berlin  1921.
Künstler-Liederbuch, Leipzig 1896.

Literatur
KROLL, Erwin, Art.: FIEBACH, Otto, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Allgemeine Enzyklopädie der Musik, Suppl. Bd. 15-16, hrsg. von Friedrich Blume, Kassel u.a. 1979, Sp. 273f.
WEISSERT, Julius Nicolaus: Biographisch-litterarisches Lexikon für die Haupt- und Residenzstadt Königsberg und Ostpreußen, 2. Ausg., Königsberg 1898.
GÜTTLER, Hermann, Otto Fiebach, in: Zeitschrift für Musik 104, 1937, S. 1256f.
Occasional Notes, in: The Musical Times, 01.06.1906, S. 385-391, hier S. 388.

Text: Hendrikje Carius

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Eine Auswahl aus den Manuskripten

1) Die neun Musen : Madrigal-Hymnus für gemischten Chor, Soli und Orchester. [Text aus dem "Klassischen Liederbuch, Griechen und Römer in deutscher Nachbildung" von Emanuel Geibel]. - Partitur, [Musikhandschr.]. - [1909?]
Einheitssachtitel: Die neun Musen. - Für Solostimmen, gemischten Chor (überw. 4-stimmig, SATB; teilw. 5-stimmig, SSATB) und Orchester. - Soli: Das Mädchen, Sopran. Die Frau, Alt. Die Lautenschlägerin, Alt. Der Jüngling, Tenor. Der Mann, Bass. Der Spötter, Bass
Geibel, Emanuel: Classisches Liederbuch : Griechen und Römer in deutscher Nachbildung. Berlin : Hertz, 1875
Fassung mit Ouvertüre
Inhaltsverzeichnis: Ia. Geburt des Apollo
In der Bibliothek vorhanden:
Theil 1. - Partitur, [Musikhandschr.]. - [1909?]. - 253 S. ; 35 cm x 29 cm
Enth.:  Ia. Geburt des Apollo -- b. An Apollo -- II. Melpomene -- a. Aeschylos -- b. Sophokles -- c. Euripides -- III. Thalia : Die Waffen des Spottes -- IV. Kalliope -- a. Feuerzeichen -- b. Kriegsruf -- V. Klio -- a. Die Thermopylenkämpfer -- b. Der Friede

2) Die neun Musen : Madrigal-Hymnus für Chor, Soli und Orchester / [von Otto Fiebach]. Text aus dem "Klassischen Liederbuch, Griechen und Römer in deutscher Nachbildung" von Emanuel Geibel
. - Partitur, [Musikhandschr.]. - [1909?]. - 341 S. ; 36 cm x 29 cm
Einheitssachtitel: Die neun Musen. - Für Solostimmen, gemischten Chor (überw. 4-stimmig, SATB; teilw. 5-stimmig, SSATB) und Orchester. - Soli: Das Mädchen, Sopran. Die Frau, Alt. Die Lautenschlägerin, Alt. Der Jüngling, Tenor. Der Mann, Bass. Der Spötter, Bass
Geibel, Emanuel: Classisches Liederbuch : Griechen und Römer in deutscher Nachbildung. Berlin : Hertz, 1875
Fassung mit Einleitung
Inhaltsverzeichnis: Ia. Geburt des Apollo

3) Ouverture zu "Die neun Musen" : für Klavier zu 4 Händen. - [Musikhandschr.]. - [1909?]. - S. [1] - 16 (weitere Seiten fehlen). ; 34 cm x 27 cm
Einheitssachtitel: Die neun Musen <Ouvertüre>. Fassung Kl 4hdg.. - Recto: Klavierpart primo. - Verso: Klavierpart secondo

Manuskript 1
Manuskript 1
Manuskript 1
Manuskript 1
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Manuskript 2
Manuskript 2
Manuskript 2
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Manuskript 3
Manuskript 3
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