Universität Erfurt

Universitärer Schwerpunkt Religion

Forschungsprojekt „Historisierung von Religion“

Das Forschungsteam untersucht, wie, unter welchen Bedingungen und mit welchen Konsequenzen Religionen historisiert werden. Wie setzen religiöse Gruppen (oder ihre Gegner) historische Narrative ein, um religiöse Identitäten zu formieren oder zu festigen? Inwieweit werden religiöse Traditionen durch historische Narrative essentialisiert oder überhaupt kreiert? Produzieren religiöse Gruppen historisierende Narrative vor allem in interreligiösen Konfliktsituationen? Mit diesen Fragen wird ein neuer Außenblick auf scheinbar selbstverständliche historiographische Annahmen, auf Formen religionsgeschichtlicher Narration und Repräsentation wie auf die epistemologische Basis der (Religions-) Geschichtsschreibung selbst geworfen und so nicht zuletzt religiöse Bedingungen der Historiographie erschlossen. Gleichzeitig können typische Verzerrungen der wissenschaftlichen Religionsgeschichtsschreibung reflektiert und in die Analyse miteinbezogen werden: welchen Bedingungen unterliegt der stete Wandel akademischer Darstellungen von Religionsgeschichte? Wie wird mit religiösen Historisierungen – den ‚Quellen’ jeder wissenschaftlichen Religionsgeschichtsschreibung – umgegangen, welche Narrative werden ausgeblendet, umgedeutet oder unreflektiert fortgeführt? Durch die Rekapitulation wissenschaftlicher Grundentscheidungen über Quellenauswahl und Darstellungs­formen können dogmatische oder verzerrende Denkfiguren der Historisierung aufgebrochen und einer Revision unterzogen werden. Das Projekt befindet sich daher an der Schnittstelle zwischen Geschichte und Religionswissenschaft, zwischen innerreligiöser Historisierung und wissenschaftlicher Religionsgeschichtsschreibung.

Willkommen sind Bewerbungen zur Historisierung von Religion in den Bereichen

Mediterrane Antike (Prof. Dr. Jörg Rüpke)
Judentum (Prof. Dr. Tessa Rajak)
Orthodoxes Christentum (Prof. Dr. Vasilios Makrides)
Westliches Christentum (Prof. Dr. Benedikt Kranemann; Prof. Dr. Anselm Schubert)
Europäisches Mittelalter (Prof. Dr. Sabine Schmolinsky)
Europäische Frühe Neuzeit und Neuzeit (Prof. Dr. Martin Mulsow; Prof. Dr. Susanne Rau)
Islam in der Frühen Neuzeit und Neuzeit (Prof. Dr. Jamal Malik)
Indien/Hinduismus (Prof. Dr. Martin Fuchs)

Das Projekt ist in ein koordiniertes Qualifikations- und Betreuungskonzept eingebunden und findet an der Universität Erfurt ein vorzügliches Forschungsumfeld  vor: Seit 2004 ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit, gerade auch zwischen Geschichtswissenschaft, Religionswissenschaft und den Theologien, im „Interdisziplinären Forum Religion“ institutionalisiert. Seit 2008 existiert eine aus Landesmitteln geförderte „Graduiertenschule Religion“, die das Dach für alle religionsbezogenen Forschungsprojekte in Erfurt bildet. Diese Einrichtungen bieten den Stipendiaten Möglichkeiten internationaler wissenschaftlicher Kooperation und ein breites Angebot an Seminaren und Vorträgen.

Darüber hinaus ist in Erfurt das Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien ansässig. Jörg Rüpke leitet hier eine DFG-Kolleg-Forschergruppe „Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive“. Susanne Rau leitet u.a. das DFG-Projekt „Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit“ und koordiniert das ehemals DFG-geförderte Wissenschaftliche Netzwerk "Historiographiegeschichte der Frühen Neuzeit (1400-1800)". Benedikt Kranemann hat an der Universität Erfurt ein durch den Stifterverband finanziertes Theologisches Forschungskolleg etabliert, das eng mit der Katholisch-Theologischen Fakultät vernetzt ist und das sich insbesondere mit der kirchlichen Gemeinschaft in Diaspora und Minderheitssituationen beschäftigt. Das Forschungszentrum Gotha der Universität (Leitung Martin Mulsow) mit seinen umfangreichen Sammlungen von frühen Drucken, orientalischen Handschriften und Karten in der Forschungsbibliothek auf Schloss Friedenstein und der Sammlung Perthes kann das Projekt mit seinem umfangreichen Vortrags- und Tagungsprogramm bereichern. Darüber hinaus weist die Universitätsbibliothek Erfurt hervorragende alte (Amploniana) und neue Bestände auf .

Das Projekt „Religion und Geschichte“ wird vom Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur substanziell gefördert. Vom 10.-14. September 2012 findet darüber hinaus die mit dem Projekt assoziierte, durch Mittel der European Science Foundation (ESF) geförderte Konferenz Historiography of Religion: new approaches of origins of narrating a religious past (Leitung: Jörg Rüpke und Susanne Rau) in Norrköping, Schweden statt.


Einführende Literatur: Susanne Rau/Birgit Studt (Hg.), Geschichte schreiben. Ein Quellen- und Studienhandbuch zur Historiographie (ca. 1350-1750), Berlin: Akademie Verlag 2010.

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