Universität Erfurt

Theologisches Forschungskolleg

Dr. Sebastian Holzbrecher: Gast-Postdoktorand

Dr. Sebastian Holzbrecher

Postdoktorand

Abgeschlossenes Dissertationsprojekt:

Der Aktionskreis Halle. Postkonziliare Konflikte im Katholizismus der DDR

Jesuiten in Erfurt (1563–1664)

1563 kamen erstmals Mitglieder des wenige Jahre zuvor von Ignatius von Loyola gegründeten Jesuitenordens nach Erfurt. Lohnte es sich in der beinahe vollständig protestantisch gewordenen Stadt ein Jesuitenkolleg zu errichten und die wenigen noch verbliebenen Katholiken durch Predigten, Katechesen und vielfältige seelsorgliche Aktivitäten zu unterstützen? Und wenn ja, welche Ziele verfolgten die Jesuiten in Thüringen? Rekatholisierung der Erfurter Bevölkerung oder Pflege des seit dem Hammelburger Vertrag von 1530 bestehenden „Modus vivendi“ der beiden Konfessionen?

Die Jesuiten trafen in der thüringischen Metropole auf schwierige konfessionelle und politische Umstände. Erfurt war eine mediate Landstadt des Mainzer Erzbischofs, strebte aber immer wieder nach dem Status einer unabhängigen Reichsstadt. Bei diesen Bemühungen nach Reichsmittelbarkeit wurde sie durch die sächsischen Kurfürsten protegiert. Als die Jesuiten mit Unterstützung des Mainzer Erzbischofs nach Erfurt drängten, befürchtete der Erfurter Magistrat Einbußen seiner Unabhängigkeit und wollte mit Unterstützung Sachsens die Jesuiten aus der Stadt vertreiben. Auch der katholische Klerus sah in den reformbegeisterten Jesuiten eine Gefahr für das sensible konfessionelle Verhältnis in Erfurt und stand ihrer Ansiedlung ebenfalls skeptisch gegenüber. Bei der katholischen Bevölkerung stießen die ersten Predigten der Jesuiten auf Zuspruch, wohingegen sie bei den evangelischen Bürgern Unmut hervorriefen, der sich in teilweise in gewalttätigen Aktionen gegen die Erfurter Katholiken entlud. 

Erstmals sollen im Rahmen des Habilitationsprojektes die Entstehung und Entwicklung der Erfurter Ordensniederlassung historisch erforscht werden. Dabei müssen Ordens-, Stadt-, Konfessions-, Bildungs- und Politikgeschichte einbezogen und miteinander vernetzt werden. Dies trifft auf das bikonfessionelle und nach politischer Unabhängigkeit strebende Erfurt in besonderem Maße zu. Hier gründeten die Jesuiten 1618 ein Kolleg und mischten sich nicht nur durch eine eigene Schule in das gesellschaftliche und konfessionelle Leben der Stadt ein. 

Die schwierige konfessionelle und politische Ausgangslage im protestantischen Erfurt und vielfältige Untersuchungsperspektiven lassen das Erfurter Jesuitenkolleg über die Regionalgeschichte hinaus zu einem gewinnbringenden Gegenstand frühneuzeitlicher Forschungen avancieren. Wie veränderten die Jesuiten die bikonfessionelle Situation in der Stadt? Welche Auswirkungen lassen sich etwa durch die Ansiedlung der Jesuiten und durch von ihnen wiederbelebte katholische Prozessionen im urbanen, überwiegend protestantisch dominierten Raum feststellen? In welche Netzwerke waren die Erfurter Jesuiten in Stadt, Land und im Orden selbst eingebunden?

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