Universität Erfurt

Theologisches Forschungskolleg

Theresa Pabst: Gast-Doktorandin

Gemeindeliturgie als Beheimatung in der ostdeutschen Diaspora des 19. und 20. Jahrhunderts

Im Blick auf die religiöse Situation im Mitteldeutschen Chemiedreieck, dem Raum um die Industriestandorte Bitterfeld, Halle/Merseburg und Leipzig, lassen sich für das 19. und 20. Jh. zwei grundlegende Einschnitte konstatieren: Siedelten sich im Zuge der Industrialisierung vor allem katholische Arbeiter und Priester im seit der Reformation ausschließlich protestantischem Chemiedreieck an, so kamen gegen Ende des 2. Weltkriegs noch Flüchtlinge und Umsiedler aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten hinzu. Innerhalb eines Jahrhunderts versuchten katholische Christen in dieser Region ein neues Leben zu beginnen und eine neue Heimat an einem neuen Ort zu finden.

 

In meinem Promotionsprojekt untersuche ich, inwieweit Gemeindeliturgie die Funktion von Beheimatung übernehmen kann und zwischen 1820 und 1990 im Mitteldeutschen Chemiedreieck übernahm. Grundlage bildet hierbei die systematische Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen, soziologischen, anthropologischen und theologischen Heimatbegriff und dessen Verortung in einem liturgietheologischen Horizont. Dabei werden Chancen und Grenzen der jeweiligen Begriffsbestimmungen aufgezeigt. Mit Blick auf die Entwicklung der Gemeindeliturgie im Mitteldeutschen Chemiedreieck zwischen 1820 (erste katholische Messfeiern werden von westfälischen Missionspriestern gehalten) und 1990 (Ende der Repressalien gegenüber Religion und öffentlichen liturgischen Handlungen durch die DDR-Regierung) werden die verschiedenen kulturellen und theologischen Aspekte von Heimat und Beheimatung behandelt. Die Studie geht davon aus, dass Liturgie zum Prozess der Beheimatung beiträgt.

 

Parallel untersuche ich anhand von historisch-deskriptiven Quellen wie Pfarrchroniken, Pfarrbriefen, erhaltenen Predigten und Ansprachen, Korrespondenzen zwischen der Bistumsleitung und den jeweils in den Pfarreien Verantwortlichen sowie Schreiben der Seelsorgeämter (zumeist in Form der Zurechtweisung), aber auch von Korrespondenzen zwischen Staat und kirchlichen Vertretern vor allem zwischen 1949 und 1990, inwieweit Gemeindeliturgie in den nicht näher im Ordo missae vorgeschriebenen Elementen wie Gesang, prozessionalem Geschehen, Art und Weise der Teilnahme der Gläubigen durch den Prozess der Beheimatung bewusst oder unbewusst verändert wird. Hierbei wird rückgefragt werden, ob, und wenn ja, inwieweit sich die theologische und kulturelle Verortung von Heimat und Beheimatung in der neu ausgeformten, respektive neu geschaffenen Form von Gemeindeliturgie veränderte.

 

In meinem Forschungsprojekt beschränke ich mich auf die Untersuchung der Höhepunkte der Gemeindeliturgie: In der sonntäglichen Eucharistiefeier versammelt sich die ganze Gemeinde an einem Ort, um gemeinsam Eucharistie zu feiern. Hier kommen alle Gläubigen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen von Sonntagsgottesdiensten und deren Ausgestaltung zusammen, hier bringen sie ihre Spiritualtität ein. In besonderer Weise geschieht das in Festtagsgottesdiensten. Diese bieten einen weiten Raum zur Ausgestaltung ritueller Handlungen und liturgischer Riten. "Heimatliche" Elemente in Form von Liedgut und Prozessionsgängen wie auch äußere Faktoren (Gottesdienstraum, politische Repression) finden hier verstärkt Einfluss. Daneben untersuche ich die aufgrund des Priestermangels in der ostdeutschen Diaspora unter der DDR-Regierung entstandenen sonntäglichen Stationsgottesdienste (Wortgottesdienste mit anschließender Kommunionausteilung, gehalten von beauftragten Laien); leitend ist dabei der Aspekt der Beheimatung und Schaffung einer neuen Heimat.

 

Ziel der Arbeit ist es, anhand von Beispielen aus dem Mitteldeutschen Chemiedreieck die gesellschaftliche, kulturelle, psychologische und theologische Dimension von Beheimatung in der Gemeindeliturgie zu erforschen. Meine Untersuchung ist hierbei an der Schnittstelle von Gesellschafts- und Geschichtswissenschaft sowie Theologie angesiedelt.

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