Universität Erfurt

Theologisches Forschungskolleg

Doktorandenworkshop: Theologie und Raum

Tagungsbericht

Theologie und Raum

Workshop des Theologischen Forschungskollegs
Universität Erfurt
am 26. und 27. November 2013 im Bildungshaus St. Ursula, Erfurt

 

Marlen Bunzel (Theologisches Forschungskolleg)


Das Theologische Forschungskolleg der Universität Erfurt veranstaltete am 26. und 27. November einen Workshop zum Thema „Theologie und Raum“. Dieser trug der Tatsache Rechnung, dass seit einigen Jahren eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die Kategorie ‚Raum‘ in den Sozial- und Kulturwissenschaften sowie in der Theologie zu verzeichnen ist („spatial turn“). Ziel des Workshops war es, eine Plattform für interdisziplinäre Diskussionen zu bieten und so die Reflexionen verschiedener Fachwissenschaften zum Thema „Raum“ zusammenzuführen. Insbesondere wurde der Frage nachgegangen, welche neuen Perspektiven der spatial turn für die Theologie und ihre einzelnen Disziplinen eröffnet hat. Den Schwerpunkt bildeten hierbei die theologische Ethik, die alttestamentliche Exegese und die Liturgiewissenschaft. Die Themen des ersten Tages wurden von der Humangeographie und der theologischen Sozialethik vorgegeben. Vorträge zur Bedeutung des Raumes innerhalb der alttestamentlichen Exegese sowie der Liturgie und Kirchenarchitektur prägten den zweiten Tag.

Den das Thema fundierenden theoretischen Einführungsvortrag hielt Benno Werlen (Jena), Professor für Sozialgeographie. Werlen gab darin einen breitgefächerten Überblick über sein seit mehr als 30 Jahren währendes Forschen zu Raum und Räumlichkeit: Räumlichkeit wird dadurch hergestellt, dass der Mensch Beziehungen aufbaut; somit ist sie als notwendige Bedingung des Handelns konstitutiv für die Herstellung von Gesellschaftlichkeit. Werlens Raumkonzept begreift den Raum somit nicht mehr als Behälter von Welt, sondern als ein Medium von Welt-Bindung. Der Raum baut auf Erfahrung auf, ist aber kein Erfahrungsbegriff. Koordinatennullpunkt ist dabei der eigene Körper. Abschließend ging Werlen auf die digitale und mediale Revolution gesellschaftlicher Raumverhältnisse ein. Wiederholt betonte er, dass es eine „Soziologie des Raumes“ nicht gäbe.

Der erste Vortrag zu dem thematischen Block „Systematisch-ethische Perspektive“ diente als Bindeglied zwischen dem Vortrag des Geographen Benno Werlen und dem Vortrag des Theologen Martin Schneider. Darin stellte Katharina König (Erfurt), sowohl Theologin als auch Geographin, den spatial turn aus der Sicht der Geographie dar, insbesondere die Kritik der Geographie am spatial turn innerhalb der Kultur- und Sozialwissenschaften, um anschließend den Wert der Geographie für die verschiedenen theologischen Fächer zu verdeutlichen. Dieser besteht, König zufolge, im Bereitstellen theoretischer Raumkonzepte. Allerdings greife man in der Theologie bislang eher auf Martina Löws "Raumsoziologie" zurück als auf geographische Modelle.

Daran anschließend verdeutlichte Martin Schneider (München) die Bedeutung des spatial turn für die Sozialethik am Beispiel der räumlichen Herkunft. Er legte dar, dass die räumliche Herkunft von normativer Relevanz ist und dass deshalb die klassischen Gerechtigkeitstheorien der Sozialethik um die Dimension der „spatial justice“ zu erweitern sind.

Den zweiten Block „Biblische Perspektive“ eröffnete Marlen Bunzel (Erfurt) mit einem Vortrag zu Raum- und Körperbildern im Ijob-Buch. Nach einer Verhältnisbestimmung von Körper und Raum sowie einer Einführung in die alttestamentliche Anthropologie stellte sie exemplarisch Raum- und Körperbilder innerhalb der Reden Ijobs vor und analysierte sie unter dem Aspekt der Gottesbeziehung Ijobs.

Auch Sarah Fischer (Erfurt) verband in ihrem Vortrag zum Hohelied die alttestamentliche Anthropologie mit modernen Raumtheorien, insbesondere mit dem relationalen Raumbegriff Martina Löws. Nach einer Einleitung in das Hohelied folgte eine detaillierte Auslegung von Hld 5,2-8. Anhand dieser Verse führte sie eindrücklich vor Augen, dass Körper und Raum – sowie die Zeit – im Alten Testament immer schon zusammengedacht werden. Aus der Beachtung dieser Tatsache resultierte eine erfrischende Exegese, die auch und gerade dem exegetisch Ungeschulten einen Zugang zum Alten Testament ermöglichte.

Ilse Müllner (Kassel), Professorin für Altes Testament beschloss den biblischen Teil des Workshops mit einer Auslegung der Ladeerzählung (1 Sam 4,1-7,2; 2 Sam 6). Sie ging der Frage nach, wie die Erzählung den Aspekt der Heiligkeit, des Geschlechts und der Materialität konstruiert und wie diese drei in der Lade zusammenkommen. Müllner kam hierbei zu folgender Erkenntnis: Indem die Lade, das Symbol der Präsenz Gottes, von ihrem Ort losgelöst wird und in Bewegung kommt, wird Raum hergestellt. Die Lade wird zu einem beweglichen heiligen Raum.

Klaus Beißwenger (Erfurt) eröffnete den dritten Block des Workshops („Historisch-praktische Perspektive“) mit einem Vortrag zu dem Zusammenhang zwischen Liturgie und Kirchenraum. Der Zusammenhang zwischen beiden bestehe darin, dass sowohl der Raum der Liturgie im übertragenen Sinne (relational) als auch der Kirchenraum selber (absolut) als Beziehungsraum zwischen Gott und Mensch zu begreifen ist. Beißwenger plädierte für eine veränderte Blickrichtung: Es gehe nicht in erster Linie darum, wie der in der Liturgie erfahrbare Kirchenraum die Gottesbegegnung prägt, sondern wie sich die Gott-Mensch-Beziehung auf die Gestaltung von Kirchenraum und Liturgie auswirkt.

Walter Zahner (Regensburg/Bonn) knüpfte an seinen Vorredner an, indem er das Verhältnis von Kirchenarchitektur und Liturgie anhand zahlreicher Beispiele bildhaft vorführte. Beginnend bei den führenden Liturgie- und Kirchenbauexperten des 20. Jahrhunderts (Rudolf Schwarz, Dominikus Böhm, Romano Guardini und Heinrich Kahlefeld) über Kirchenbauten des 21. Jahrhunderts (z.B. St. Franziskus in Regensburg-Burgweinting, St. Nikolaus in Neuried und das Ökumenische Zentrum in Freiburg-Rieselfeld) gab er einen Einblick in die Entwicklung des Kirchbaus im 20. und 21. Jahrhundert. Zahners Faszination an der Akribie der Baupläne, in denen die Maße und Lichtverhältnisse des Kirchenraumes bis ins Detail durchdacht waren, ging ohne weiteres auf die Zuhörer über.

Der fachlich breit angelegte Workshop bot den Teilnehmern, insbesondere den Doktoranden des Erfurter Forschungskollegs, die Möglichkeit des konstruktiven Austauschs und gab Impulse für die Einbeziehung der „Raumwende“ in die zukünftigen theologischen Forschungen. Mehrfach wurde auf die älteren Diskussionen der Phänomenologen (Husserl, Heidegger, Foucault u.a.) hingewiesen, an welche die aktuelle Raumdebatte gut anknüpfen kann. In den Diskursen stellten die Teilnehmer zweierlei fest: Zum einen ermöglicht die dem spatial turn zu verdankende Neubeachtung der Kategorie des relationalen Raumes eine neue Perspektivierung und Sprachfähigkeit innerhalb der Theologie; dies gilt für jede theologische Einzeldisziplin. Zum anderen bereichert die Theologie die Raumdiskussion mit eigenen wertvollen und kritischen Beiträgen, wie in den Vorträgen des Workshops deutlich wurde. Somit kommt der Theologie eine bereichernde Rolle innerhalb der inter- und intradisziplinären Raumdiskussion zu, eine Chance, die die Theologie wahrnehmen sollte. Der fächerübergreifende Workshop kann hierfür als symbolischer Schritt gewertet werden.


Workshop-Übersicht:

Benedikt Kranemann (Erfurt): Einführung

Theoretische Grundlegung

Benno Werlen (Jena): Der spatial turn und das Handeln der Subjekte

Systematisch-ethische Perspektive

Katharina König (Erfurt): Der spatial turn und der Wert der Geographie für die Theologie / Theologische Ethik

Martin Schneider (München): Vom “spatial turn” zur “spatial justice”. Sozialethische Anmerkungen zur Kategorie des Raumes

Biblische Perspektive

Marlen Bunzel (Erfurt): Raum- und Körperbilder im Ijob-Buch

Sarah Fischer (Erfurt): „Der Liebe Raum schaffen“ – raumtheoretische und anthropologische Zugänge zu Hld 5,2-8

Ilse Müllner (Kassel): Raum in Bewegung. Heiligkeit, Materialität und Geschlecht in der Ladeerzählung der Samuelbücher

Historisch-praktische Perspektive

Klaus Beißwenger (Erfurt): Wort und Sakrament: Beziehungs-RAUM zwischen Gott und Mensch. Liturgie und räumliche Struktur

Walter Zahner (Regensburg/Bonn): Liturgie und Kirchenraum im 20. und 21. Jahrhundert

Benedikt Kranemann (Erfurt): Resümee

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