Universität Erfurt

Theologisches Forschungskolleg

Doktorandenworkshop: "Die Fremden. Umgang in Theologie, Gesellschaft und Kirche"

Tagungsbericht

Schneisen in ein nahezu höchst komplexes Themenfeld haben die Doktoranden und Doktorandinnen des Theologischen Forschungskollegs mit der selbstorganisierten Tagung

„Die Fremden – Umgang in Theologie, Gesellschaft und Kirche“

vom 17. und 18.11.2016 in Erfurt geschlagen. Die Tagung beschränkte sich nicht nur auf Fragen, die die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland und Europa betreffen, sondern nahm auch Zwangsmigrationen im 20. Jahrhundert in den Blick und reflektierte die Entwicklungen aus theologisch-philosophischer Perspektive.

Mit Referentinnen und Referenten aus verschiedenen Fachsdisziplinen und Wissenschaftsstandorten sowie Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands ermöglichte das zweitägige Symposium biblische, historische, philosophische und sozialwissenschaftliche Zugriffe auf ein höchst disparates Themenfeld. Im Verlauf der Tagung wurde immer wieder darauf verwiesen, wie wichtig ein differenzierter und reflektierter Sprachgebrauch für eine angemessene Auseinandersetzung mit dem zu behandelnden Thema ist. Nicht nur die Verwendung verschiedener Krisen-Komposita wurde kritisch bedacht, sondern auch darauf verwiesen, dass das Suffix -ling im Deutschen durchaus eine ambivalente Bedeutung aufweist. Zudem stellte sich die Frage, wie das zu benennen und zu verstehen sei, was den Fremden zum Fremden macht. Ist Fremdheit ein Unterschied, den es zu absorbieren, eine Distanz, die es zu überwinden oder ein Abstand, den es auszuhalten gilt?

Ausgehend vom gesellschaftlichen Wandel und verschiedenen Differenzierungsformen von Gesellschaft ging Elke Geenen (Kiel) aus soziologischer Perspektive auf die Fähigkeit der Gesellschaft und des Einzelnen ein, Fremdheit zu erfahren, sich zu ihr zu verhalten und mit ihr umzugehen. Eine erfolgreiche Integration von Fremden in einer funktional-differenzierten Gesellschaft hängt demnach nicht unwesentlich davon ab, welche Fremdheitserfahrungen die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft gemacht haben und wie es ihnen dabei gelingt, diese Elemente von Fremdheit in ihr eigenes Selbst- und Weltbild zu integrieren. Wo diese Integrationsleistung misslingt, entstehen durchaus ernstzunehmende Gefahren für den „impliziten Gesellschaftsvertrag“, der den Konsens über essentielle Werte und Normen darstellt.

Einen philosophischen Zugang unternahm Holger Zaborowski (Vallendar), der im Umgang mit Fremden der provokanten Frage nachging: Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit? Indem er auf die notwendige Solidarität mit dem Fremden ob seines Menschseins verwies, plädierte Zaborowski für einen starken Gerechtigkeitsbegriff. Ein menschenwürdiger Umgang mit Fremden sei daher zunächst und grundsätzlich ein Gebot der Gerechtigkeit. Damit widersprach er der Vorstellung, Barmherzigkeit müsse mangelnde Gerechtigkeit ausgleichen. Vielmehr warb Holger Zaborowski für eine Verantwortung gegenüber den Fremden, die von einer Komplementarität von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit geprägt ist. Dabei machte er auch deutlich, dass beide Aspekte jeweils von einander unabhängige Eigenlogiken aufweisen und insofern nicht gegenseitig substituiert werden könne. Dies habe dann auch Auswirkungen auf die Akteure in der aktuellen Flüchtlingssituation. Man könne nicht dort kirchliche Barmherzigkeit erwarten, wo politische Gerechtigkeit versage.

Die biblische Perspektive auf die Fremden nahm Herr Dr. Reinhold Then (Regensburg) ein, aber nicht, ohne auch die praktische Erfahrung aus der Diözese Regensburg in seinen Vortrag einzubeziehen. Über die These „Die Bibel ist ein Flüchtlingsbuch“ näherte er sich zunächst biblischen Texten, die in der Fremde entstanden sind und für die Exilgemeinde verfasst wurden (AT), zu denen er unter anderem auch die Genealogien in Gen 5 zählte, da diese Identität stiften. Von diesen Texten unterschied er wiederum Texte, auf deren Erzählebene das Thema Fremdsein eine offensichtliche Rolle spielt. Exemplarisch ging er dabei auf die Verheißung für Abraham in Gen 12-10-13,2 und mit Bezug auf das NT auf die Flucht nach Ägypten in Mt 2,13-23 ein. Schließlich verwies Then auf die Chancen solcher Texte, die darin liegen, dass sie, zusammen mit Zuflucht-Suchenden gelesen, eine neue Lesart und Sinnperspektive entfalten.

Den öffentlichen Abendvortrag in den Räumen der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt übernahm Ottmar Fuchs und beschritt damit das Feld der Pastoraltheologie. Aufbauend auf der Bibelstelle Lev 19,33-34 „Wenn Fremde bei dir in eurem Land leben“ entwickelte Fuchs eine fächerübergreifende und sprachlich ergreifende, wenn auch schonungslose Gegenwartskritik. Wenn Israel sich Fremden gegenüber so verhielte, wie es Ägypten getan habe, dann verlöre es auf diese Weise seine eigene Würde. Die gedankliche Bewegung führt dabei von der Egozentrik zu einer Allozentrik. In Thesen, wie „Wer nicht teilen will, muss töten(, um seine Ressourcen für sich selbst zu sichern) und wer nicht leiden will, muss hassen“, wird die Stärke der Rhetorik des Vortrags deutlich. Fuchs argumentiert hierbei zumeist gnadentheologisch und postuliert eine Gabe-Mentalität gegenüber einer Tausch-Mentalität. Der appellative Charakter zeigt sich zudem in (An)fragen, wie „Inwieweit können und wollen wir darauf verzichten, unsere exklusiven Vorteile zu behalten?“ Der eigene Wohlstand und Besitz habe scheinbar mehr Recht auf Existenz als das Leben anderer Menschen. Es gilt nach Fuchs, auf Sicht zu handeln, nämlich zu sehen, was gebraucht wird.

Der Erlangener Medienethiker Christian Schicha wies in seinem Beitrag auf kritische Aspekte im medialen Umgang mit der Flüchtlingssituation in Deutschland und Europa hin. Besonders die Frage nach der ethischen und moralischen Erlaubtheit der Darstellung toter Flüchtlinge in Massenmedien wurde analysiert und debattiert. Ausführlich wies Schicha auf verschiedene Ebenen der medialen Verantwortungsethik hin und stellte die Kontrollmechanismen der deutschen Printmedienlandschaft und ihre Bedeutung im aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskurs vor. Dabei wurde besonders die Frage nach der Würde toter Flüchtlinge und ihrer Instrumentalisierung durch und in den Medien diskutiert.

Auf die Bedeutung von Zwangsmigrationen für die religiöse Identität katholischer Christen ging der Kirchenhistoriker Torsten Müller (Heiligenstadt) in seinem Vortrag über die Integration und Beheimatung von katholischen Flüchtlingen und Vertriebenen nach 1945 auf dem Gebiet des heutigen Freistaates Thüringen ein. Obgleich keine inhaltliche Vergleichbarkeit der damaligen und aktuellen Migrationsbewegungen möglich ist, ergaben sich dennoch formale Parallelen und Anknüpfungspunkte. Welche Rolle spielt Religion im individuellen und kollektiven Umgang mit Flucht und Vertreibung? Sind Religion und religiöse Zugehörigkeit ein Integrationshemmnis oder ein Integrationsmotor? Sind mit Migrationsbewegungen Säkularisierungsschübe verbunden und gibt es aus der Betrachtung der Vergangenheit Muster, die es zu antizipieren oder eventuell kritisch zu begleiten gilt?

Einen Einblick in den aktuellen kirchlichen Umgang mit Geflüchteten bot Christina Busch von der Caritas aus dem Erzbistum Berlin. Ihr Vortrag schilderte nicht nur die teilweise chaotischen Zustände in der Bundeshauptstadt im Jahr 2015, er zeigte auch Wege auf, wie die Zivilgesellschaft und kirchliche Einrichtungen ganz konkret auf die Herausforderungen der Flüchtlingssituation reagierten und wie Integration und Annäherung beginnen können.

Auch der abschließende Vortrag von Theresa Papst, der grundsätzlich einen liturgiewissenschaftlichen Ansatz verfolgte, wurde immer wieder von aktuellen Schilderungen im Umgang mit Geflüchteten im Rahmen der Seelsorgerinnentätigkeit der Referentin in einer Psychiatrie geprägt. Ausgehend vom Konzept der liturgischen Gastfreundschaft erörterte Papst Chancen und Grenzen multireligiöser Feiern und problematisierte in diesem Zusammenhang zudem den Gast-Begriff. Sie kam zu dem Schluss, dass feste Strukturen und symbolische Handlungen ein Gewinn für gemeinsame Feiern sein können, wohingegen die Wortlastigkeit vieler Gottesdienstformen aufgrund der Sprachbarrieren Hindernisse darstellen. Im zweiten Teil ihres Vortrages nahm Papst eine historische Perspektive ein und erläuterte die Veränderungen im Kirchenbau und in der Liturgie nach Migrationsbewegungen im 19. Und 20. Jahrhundert.

Bewusst wurde auf dieser Tagung nicht die Frage nach politischen Lösungsstrategien gestellt. Vielmehr sollte der aus unterschiedlichen Perspektiven heraus der ethisch gebotene und der tatsächlich praktizierte Umgang mit Flüchtlingen kritisch reflektiert und diskutiert werden.

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