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Neue Gesichter am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt: Pressemitteilung Nr.: 81/2012 - 22.05.2012

Neue Gesichter am Max-Weber-Kolleg im Sommersemester 2012.
Neue Gesichter am Max-Weber-Kolleg im Sommersemester 2012: Harry Maier, Günter Sternberger, Jutta Vinzent, Joseph Bergin, Markus Vinzent und Valerian Rodrigues (v.l.n.r.).

Das Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt freut sich, mit Prof. Dr. Joseph Bergin, Prof. Dr. Harry Maier, Prof. Dr. Valerian Rodrigues, Dr. Dr. Jutta Vinzent und Prof. Dr. Markus Vinzent ausgewiesene Wissenschaftler an der Universität Erfurt begrüßen zu können, die sich im Sommersemester 2012 im Rahmen ihrer Fellowships interdisziplinären Forschungsvorhaben widmen und unter anderem in der Kolleg-Forschergruppe „Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive“ mitwirken werden.
 
Der emeritierte Professor für Geschichte Joseph Bergin von der University of Manchester wird im Sommersemester an einem Projekt zum Thema „Politik und Religion in Frankreich, ca. 1580 – ca. 1730“ forschen. Ziel des Projektes ist die Untersuchung der Interaktionen von Kirche und Staat, Politik und Religion in Frankreich in der Zeit nach den Religionskriegen bis zur religiösen (aber auch politischen) Krise des frühen 18. Jahrhunderts, die vom Jansenismus-Streit ausgelöst wurde. Eine vollständige Darstellung zu diesem Thema gibt es bisher weder auf Französisch noch auf Englisch. Da es den Anschein hat, dass Frankreich im weiteren Kreis des katholisch-reformierten Europa stets seinem eigenen Weg gefolgt ist, ist eine vollständige Analyse der dortigen Entwicklungen von großer Wichtigkeit. Prof. Bergins Ziel ist das Verfassen einer Synthese, die die intellektuelle und die politische Geschichte dieser Interaktionen verknüpft und sowohl Katholizismus als auch Protestantismus betrachtet.

Harry Maier ist Professor für Neues Testament und Frühchristliche Studien an der Vancouver School of Theology der University of British Columbia in Vancouver. Sein Forschungsinteresse liegt darin, Individualisierungsprozesse mit sozialen Räumen, insbesondere Versammlungsplätzen, in Beziehung zu setzen. Berücksichtigt wird dabei auch die Beziehung zwischen Konstruktion des Selbst und sozialer Geografie sowie die Art und Weise, wie verschiedene Raumformen unterschiedliche Entwicklungen des Einzelnen ermöglichen. Raum unterstützt auch die Wege, wie ethische Ideale ausgewählt und formuliert werden, und somit die Verhaltenscodes und -ziele, die für Individualisierungsprozesse von zentraler Bedeutung sind. Das Forschungsprojekt „Christliche Individualisierung im Kontext der römisch-kaiserzeitlichen Sozialgeografie“, das Harry Maier am Max-Weber-Kolleg verfolgt, zielt auf die nähere Untersuchung der Rolle ab, die frühchristliche Versammlungsräume in den Häusern von Patronen, gemieteten Wohnungen und den relativ engen Räumen antiker Wohnblöcke dabei gespielt haben, unterschiedliche Individualisierungsprozesse in den ersten drei Jahrhunderten nach Christus in Gang zu setzen. Gelenkt wird seine Forschung von den sozialgeografischen Studien Michel de Certeaus und Edward Sojas – Arbeiten, die noch auf die Überlegungen zu Identitätsbildung im frühen Christentum anzuwenden sind.

Valerian Rodrigues vom Centre for Political Studies der Jawaharlal Nehru University in New Delhi ist im Rahmen des sogenannten ICCR-Rotating Chair-Programmes, das vom Indian Council of Cultural Relations und der Botschaft Indiens in Deutschland organisiert und finanziert wird, als Gastprofessor am Kolleg. Ziel dieses Programms ist die Stärkung von Fachwissen über das moderne Indien insbesondere im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie der Kunst. Während seines Aufenthalts bietet Prof. Rodrigues an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt das Seminar „Political Ideas in modern India Bereich 1: Politikwissenschaft, Politische Theorie“ und an der Willy Brandt School der Universität Erfurt die Lehrveranstaltung „Constitutionalism, Democracy and Civil Society in India“ an.

Jutta Vinzent, Senior Lecturer an der University of Birmingham, weilt für einige Monate am Max-Weber-Kolleg und arbeitet an einem Buch, das die Raumkonzepte moderner abstrakter Künstler und Künstlerinnen in England in den 1930er-Jahren untersucht (vor allem Naum Gabo, Barbara Hepworth, Henry Moore und Ben Nicholson). Dabei geht es sowohl um ästhetische wie auch soziale Raumentwürfe, wie auch deren Grenzen. So haben Emigranten zwar Raumkonzepte entwickelt, sie aber nicht politisch-geografisch gedeutet. Ebenso wurde kein Konzept entwickelt, das etwa den Ausstellungsraum in Betracht zog, obwohl die Kunstobjekte, die ausgestellt wurden, den Konzepten unterlagen. In diesem Sinne waren sie utopisch, was wohl einer der Hauptunterschiede zu den Raumentwürfen seit dem „spatial turn“ der 80er-Jahre ist.

Der Theologe Markus Vinzent vom Kings College in London wird sich am Max-Weber-Kolleg mit dem Projekt „Markions Evangelium – die Anfänge des Christentums“ beschäftigen. Das Forschungsvorhaben geht von der Annahme aus, dass seit dem Ende des 2. Jh. n.Chr. bis zum heutigen Tag die kanonischen vier Evangelien des Neuen Testaments als Schriften galten, die im ersten Jahrhundert verfasst worden sind. Auch wenn die kritische Forschung seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr an der apostolischen Verfasserschaft der Evangelien festgehalten hat, glaubt man doch, dass diese Texte, wenn auch mit je eigenen Nuancen, uns ein verlässliches Bild von Jesus von Nazareth zeichnen. Das Projekt stellt den Konsens in Frage, was die Datierung betrifft und zeigt, dass der Reeder und Lehrer Markion von Sinope das erste uns bekannte Evangelium geschaffen hatte. Weder auf Jesus, noch auf Paulus gehen die Anfänge der „neuen“ Religion zurück, sondern auf einen gebildeten Philologen, begeisterten Paulusleser und -sammler und pfiffigen Geschäftsmann. Er hat nicht nur der zuvor wesentlich jüdischen Sekte ein individuelles Profil gegeben, sondern dieses auch innerhalb des römischen Umfelds institutionell eingerichtet. Auf der von ihm geschaffenen Grundlage und in kritischer Auseinandersetzung mit ihr entstanden die grundlegenden Schriften des Neuen Testaments, die vier später kanonisch genannten Evangelien, die Apostelgeschichte, wurden die Sakramente entwickelt usw. Das Projekt umfasst die Verfeinerung des bereits von Theodor Zahn, Adolf von Harnack und jüngst Dietrich Roth rekonstruierten Evangeliums von Markion und einen auch die Synoptiker umfassenden umfangreichen Kommentar desselben in sechs Bänden.

Des Weiteren freut sich das Max-Weber-Kolleg in den kommenden Monaten über die  Anwesenheit mehrerer Gastwissenschaftler/innen: Barbara Bartocci aus Rom wird die Handschrift des Henricus de Hervordia auf doktrinelle Einflüsse Meister Eckharts untersuchen. Im Rahmen eines Humboldt-Forschungsstipendiums für erfahrene Wissenschaftler forscht bereits seit Anfang April Daniela Bonanno aus Palermo an ihrem Projekt zum Thema „Die Gerechtigkeit hat dunkle Augen: Nemesis in der griechischen Religion“. Judith Perkins, emeritierte Professorin für Classics and Humanities am Saint Joseph College in Connecticut, verfolgt ihr Forschungsprojekt: „Attitudes toward the Divine in Minucius Felix’s Octavius“. Ebenfalls am Max-Weber-Kolleg forschen im Sommersemester Martin Pickavé, Professor of Philosophy and Medieval Studies an der University of Toronto, zum Projekt „Agency and Individuality in Later Medieval Philosophy” sowie der Professor für Judaistik Günter Sternberger von der Universität Wien zum Thema „Der Traktat Avot als Dokument religiöser Individualisierung“.

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