Universität Erfurt

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Deutsch-indonesische Fall School mit interkulturellem Abend zu Ende gegangen: 18. Oktober 2016

Ministerpräsident Bodo Ramelow mit den Teilnehmern der Fall School 2016.
Ministerpräsident Bodo Ramelow mit den Teilnehmern
der Fall School 2016. (Foto: Reza Rahmandito)

Mit einem interkulturellen Abend bei Radio F.R.E.I. und einem überraschenden Besuch von Ministerpräsident Bodo Ramelow ist jetzt die deutsch-indonesische Fall School 2016 der Universität Erfurt zu Ende gegangen. Zwei Wochen lang hatten Studierende der Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt und der Universität Padjadjaran UNPAD Bandung zuvor in gemeinsamen Projektarbeiten die Rolle von Medien und Kommunikation in der demokratischen Transformation beider Länder untersucht.

Verglichen wurde etwa die Wahlkampfkommunikation in Deutschland und Indonesien. Die großen indonesischen Parteien kommen dabei im Gegensatz zur deutschen Wahlwerbung offenbar fast ohne Formulierung von Inhalten und damit auch ohne Abgrenzung zu anderen Parteien aus. Die Tendenz zur Personalisieren folgt zwar den Gesetzen moderner Wahlkampfästhetik, dient aber gleichzeitig islamistischen Parteien zur Generalkritik an der politischen Elite und kann insofern die demokratische Konsolidierung gefährden.

Ähnlichkeiten fanden die Studierenden allerdings in einer explorativen Untersuchung von Gender-Konstruktionen in der deutschen und indonesischen Casting-Showvariante von „The Voice“. In beiden Versionen fanden sich Strategien einer normativen Inszenierung von Geschlechterstereotypen: während eine indonesische Kandidatin, die zunächst transsexuelle Charakteristika zeigte, im Verlauf der Show deutlich femininer inszeniert wurde, erhielt die zunächst ambivalente Geschlechterrolle eines deutschen Kandidaten ebenfalls durch Inszenierungsstrategien eine deutlich homosexuellere Charakterisierung. Unterhaltungsmedien scheinen also dazu zu tendieren, eine stereotype Hetero- und Homonormativität zu unterstützen.

Die gesellschaftliche Bedeutung von Populärkultur wurde ebenfalls am Beispiel politischen Protests in Form von Street-Art und Punk untersucht. Auffällig war, dass subkulturelle politische Anliegen in beiden Ländern in dem Moment heterogener und fragmentarischer wurden, als demokratische Systeme die alten autoritären Regime abgelöst hatten. Insbesondere am Beispiel von Street-Art lassen sich heute Tendenzen einer Entpolitisierung und Kommerzialisierung erkennen, die das vormals politische Potenzial öffentlicher Gegenartikulation verändern. Die politische Kritik der „Straße“ in Form von Street-Art und Punk scheint jedoch in Indonesien noch deutlich ausgeprägter als in Deutschland.

Schließlich waren auch die Potenziale der Internets für den politischen Meinungsbildungsprozess beider Länder Gegenstand zahlreicher Diskussionen und Interviews. Herausgearbeitet wurde, dass das Internet einerseits zwar eine Agora der pluralistischen Stimmen beider Gesellschaften ist, andererseits aber der Einfluss dieser Stimmen auf die politische Entwicklung nur schwer zu erfassen ist. Probleme sind etwa digitale Illiteralität, unklare Dialogregeln (Stichwort Hate-Speech) und  machtpolitische Abhängigkeiten der Internetöffentlichkeit.

Die größte Gemeinsamkeit im deutsch-indonesischen Vergleich ergab sich allerdings jenseits der diskutierten Inhalte: Denn die Workshops und Arbeit der Studierenden wie auch der Lehrenden zeigten, wie problemlos und erfolgreich deutsch-islamische Kooperationen verlaufen können. Die vermeintlich unüberwindbaren kulturellen Grenzen, die in öffentlichen Debatten oft spekulativ konstruiert werden, können in der lebensweltlichen Realität interkultureller Zusammenarbeit schnell aufgelöst und widerlegt werden.

Umso trauriger ist, dass gerade jene muslimischen Gäste, die sich akademisch wie persönlich gegen kulturelle Grenzziehungen wenden, den Teil der Erfurter Realität kennenlernten, der Fremdenfeindlichkeit noch nicht überwunden hat. Die Organisatorinnen und Organisatoren der Erfurter Fall School verurteilen jede Form religiöser und ethnischer Diskriminierung. Der verweigerte Einlass zur Studentenparty aufgrund des Tragens eines Kopftuchs ist als eine solche Form alltagsrassistischer, religiöser Diskriminierung zu deuten.

Umso mehr erfreut der persönliche und akademische Erfolg der Fall School und die politische Resonanz des Dialogprojekts in Zeiten zunehmender fremdenfeindlicher Übergriffe, die Ministerpräsident Bodo Ramelow durch seinen überraschenden Besuch bei der Abschlussveranstaltung bekräftigte.

Die Fall School ist Teil eines dreijährigen Kooperationsprojekts und wird vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Rahmen des Programms „Hochschuldialog mit der islamischen Welt“ finanziert. Initiiert und organisiert wurde das Projekt von Prof. Dr. Kai Hafez, Subekti Priyadharma, M.A., Sabrina Schmidt, M.A. und Dr. Anne Grüne.

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