Universität Erfurt

Universität Erfurt

Universitätsgesellschaft: Geschichte der Universitätsgesellschaft Erfurt e.V.

von Dr. Steffen Raßloff

Logo der Universitätsgesellschaft Erfurt e.V.

Die 1987 als Interessengemeinschaft “Alte Universität Erfurt” gegründete Universitätsgesellschaft Erfurt gehört zu den Bürgerbewegungen der späten DDR-Zeit. Als eine der wenigen ihrer Art konnte sie nach der friedlichen Revolution 1989 ihr Hauptziel erreichen, die Wiedergründung der Universität Erfurt 1994. Heute unterstützt sie als Fördergesellschaft die Universität und pflegt deren reiche Tradition.

Am 15. Oktober 1987 gründeten ein Hand voll Erfurter Bürger um den Arzt und Mitarbeiter an der Medizinischen Akademie Dr. Aribert W. J. Spiegler die Interessengemeinschaft “Alte Universität Erfurt“ im Rahmen des Kulturbundes der DDR. Ihr Ziel war es, für das 1992 anstehende Stadtjubiläum (1250 Jahre Ersterwähnung, 600 Jahre Universitätseröffnung) das Andenken an die 1816 geschlossene Alma mater Erfordensis und ihre Baudenkmale im “lateinischen Viertel” zu beleben. Mutig strebte man sogar eine Wiedergründung der Universität und den Aufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Collegium maius an, des ehemaligen Hauptgebäudes der Universität in der Michaelisstraße. Im Mai 1988 begannen die ersten „Tage der Alten Universität“, die in den Hochschulwochen mit dem Hochschulstraßenfest eine feste Tradition geworden sind.

Während der Wende im Herbst 1989 engagieren sich viele IG-Mitglieder im wiedererwachten Bürgergeist. Den meisten sind jene Jahre als ungeheuer dichter, aufregender und faszinierender Lebensabschnitt in Erinnerung geblieben. Am 10. Dezember 1989 organisieren sie die spektakuläre Aktion „Ein Bürgerwall für unsere Altstadt“. Aber auch die von den DDR-Oberen skeptisch beäugte Idee einer Wiedergründung der Erfurter Universität sollte in greifbare Nähe rücken. Am 9. März 1990 veröffentlichte die IG ihren Aufruf für eine „Europäische Universität Erfurt“. Im Juni ermächtigte die Stadt Erfurt Oberbürgermeister Manfred O. Ruge, zur Förderung des Vorhabens ein internationales Gremium zu berufen und schon am 31. August 1990 wurde der Gründungsausschuss für eine „Europäische Universität Erfurt“ gebildet. Seit Juli 1990 begleitete die Stadt in Person des Universitäts- und Hochschulbeauftragten Hans-Christian Piossek sehr aktiv die Wiedergründungsinitiative.

Interessengemeinschaft und Stadt gelang es, für ihr Vorhaben erfolgreich zu werben. Mobilisierung bedeutender Persönlichkeiten, Universitätslesungen, Universitäts- und Ratsmusiken, Gedenktafeln und -medaillen, Veranstaltungen zu Persönlichkeiten der Universität wie J. B. Trommsdorff, das Engagement für den Wiederaufbau des Collegium maius, die jährlichen Hochschultage u.v.a.m. begeisterten immer mehr Bürger der Stadt für den Universitätsgedanken, aber machten auch über Erfurt hinaus das Projekt populär. Bundespräsident Richard von Weizsäcker bezeichnete es schon im Mai 1990 als einen “wahrhaft glücklichen Gedanken”. Im Januar 1991 erkannte die UNESCO das Vorhaben Wiedereröffnung der „Alten Universität Erfurt“ als „Europäische Universität“ als deutschen Beitrag zur „Weltdekade für kulturelle Entwicklung 1988 bis 1997“ an, im Folgemonat erhielt die IG den hoch dotierten Kulturpreis der Stadt Essen. 1992 benannte sie sich in „Gesellschaft zur Förderung der Europäischen Universität Erfurt e.V.“ um.

Die Bemühungen trugen bald realpolitische Früchte. Am 1. Januar 1994 trat das vom Thüringer Landtag beschlossene Gesetz zur „Wiedergründung der Universität Erfurt und zur Aufhebung der Medizinischen Hochschule Erfurt“ in Kraft. Am 29. April 1994 fand die feierliche Gründungsveranstaltung im Augustinerkloster statt. In den folgenden Jahren wurde das ehrgeizige Projekt einer international ausgerichteten Reformuniversität auf dem denkmalgeschützten Campus an der Nordhäuser Straße mit Leben erfüllt. Das Jahr 2001 brachte mit der Fusion mit der Pädagogischen Hochschule Erfurt einen gewissen Abschluss dieser Gründungsphase.

Mit der Renaissance der traditionsreichen Alma mater Erfordensis hatte sich eine zentrale Zielstellung verwirklicht. Nur wenigen DDR-Bürgerinitiativen war ein derartiger Erfolg nach 1989/90 vergönnt. Dabei ist aber nicht zu übersehen, dass der hiermit verbundene Funktionswechsel auch schmerzhafte Reibungen erzeugte. Nach Ansicht vieler ihrer Aktivisten wurde die Gesellschaft von der Landesregierung nicht in die landespolitischen Bemühungen um die Wiedergründung der Universität Erfurt einbezogen. Der Verkauf des Collegium maius durch die Stadt Erfurt an die Evangelische Kirche 2008 hat das Ziel eines repräsentativen Universitätsgebäudes in der Innenstadt durchkreuzt, wobei die Gesellschaft ebenfalls nicht in die Entscheidungen einbezogen wurde.

Trotz solcher Enttäuschungen - auch über die Schließung der Medizinischen Akademie und naturwissenschaftlicher Fachbereiche der Pädagogischen Hochschule - blieben die meisten Mitglieder ihrer Sache treu. Dass die staatliche Universität ihr Eigenleben entwickeln würde, war zudem ein natürlicher Prozess. Dem trug die am 16. Dezember 1995 beschlossene neue Satzung Rechnung, die auch die Umbenennung in Universitätsgesellschaft Erfurt e.V. mit sich brachte. Seither leistet die von Präsident Dr.-Ing. habil. Anselm Räder geleitete Gesellschaft wichtige Unterstützungsarbeit für die Universität Erfurt. Sie fördert Wissenschaft, Forschung und Lehre, knüpft soziale Netzwerke, hilft Förderer und Stifter für die Universität Erfurt zu gewinnen. Besondere Anstrengungen werden unternommen, um die Universität weiter im Bewusstsein der Bürger der Stadt Erfurt zu verankern. Dies geschieht u.a. durch Pflege des Erbes der Alten Universität wie auch der jüngeren Erfurter Hochschulgeschichte und ihrer Baudenkmale.

Daten zur Geschichte der Universitätsgesellschaft

  • 15.10.1987 Erfurter Bürger bilden die Interessengemeinschaft “Alte Universität Erfurt”
  • Mai 1988–1993 Veranstaltungsreihe “Tage der Alten Universität”
  • 10.12.1989 Organisation der Aktion “Ein Bürgerwall für unsere Altstadt” von der Interessengemeinschaft
  • 09.03.1990 Aufruf der Interessengemeinschaft für einen “Europäische Universität Erfurt”, unterzeichnet von Dr. Roswitha Jacobsen und Dr. Aribert W. J. Spiegler
  • 20.06.1990 Der Rat und der Magistrat der Stadt Erfurt ermächtigen ihren Oberbürgermeister Manfred Ruge, zur Förderung des Vorhabens, ein internationales Gremium zu berufen
  • 31.08.1990 Gründungsausschuss der Stadt Erfurt für eine “Europäische Universität Erfurt”
  • November 1990 Herausgabe der Denkschrift “Erfurt – Stadt und Alma mater”
  • 27.02.1991 Interessengemeinschaft erhält den Kulturpreis der Stadt Essen
  • März 1991 UNESCO erkennt das Vorhaben der Wiedereröffnung der “Alten Universität Erfurt” als “Europäische Universität” als deutschen Beitrag zur “Weltdekade für kulturelle Entwicklung 1988 bis 1997” an
  • 27.08.1991 Gründungsausschuss verabschiedet die “Denkschrift zur Gründung einer Europäischen Universität Erfurt”
  • 1992 Interessengemeinschaft wird in “Gesellschaft zur Förderung der Europäischen Universität Erfurt e.V.” umbenannt
  • 1993 Gesellschaft veranstaltet einen Architekturworkshop zum Standort der zukünftigen Universität Erfurt
  • September 1993 Herausgabe der Zertifikate über Bausteine zum Wiederaufbau des Collegium maius der Alten Universität Erfurt
  • 01.01.1994 Gesetz zur “Wiedergründung der Universität Erfurt und zur Aufhebung der Medizinischen Hochschule Erfurt” tritt in Kraft
  • 16.12.1995 Mitgliedervollversammlung beschließt eine neue Satzung und die Umbenennung der Gesellschaft in “Universitätsgesellschaft Erfurt e.V.”

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