Universität Erfurt

Campus 1952-2009

Vom “Sinnbild des sozialistischen Erfurt” zum “Harvard an der Gera”

Blick von außen auf die Bibliothek

von Dr. Steffen Raßloff

1952 begannen die Arbeiten für eines der größten Bauprojekte der Erfurter Stadtgeschichte, den Campus an der Nordhäuser Straße. Am 1. September 1953 nahm hier das neu gegründete Pädagogische Institut Erfurt seinen Lehrbetrieb auf. Der weitgehend fertig gestellte Komplex wurde zehn Jahre später als “Sinnbild des sozialistischen Erfurt” gefeiert, das in der Aufbaubilanz der frühen DDR-Zeit heraus ragte. 1969 erhob man die Einrichtung zur Pädagogischen Hochschule “Dr. Theodor Neubauer” Erfurt/Mühlhausen. Die PH zählte bis zu 2500 Studenten, die hier ihre Ausbildung zur “sozialistischen Lehrerpersönlichkeit” absolvierten. Leben und Lernen spielte sich auf einem “Campus der kurzen Wege” mit zwei Lehrgebäuden, Wohnheimen, Sporteinrichtungen, Kindergarten, Mensa und Studentenclub ab.

Nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989/90 kam es auf Initiative der heutigen Universitätsgesellschaft 1994 zur Wiedergründung der traditionsreichen Universität Erfurt (1389-1816), die sich auf dem Campus ansiedelte und 2001 mit der Pädagogischen Hochschule fusionierte. Erfurt suchte zeitweilig den Ruf eines “Harvard an der Gera”, hatte man sich doch an der neuen geisteswissenschaftlichen Reform-Universität hohe, international beachtete Ziele gesteckt. Mittlerweile studieren fast 5000 Studenten auf dem sanierten Universitäts-Campus, der ihnen optimale Studienbedingungen bietet.

Der Campus mit seiner reizvollen Mischung aus denkmalgeschützter DDR-Architektur und modernen Hochschulbauten bildet heute das Herz der Universitätsstadt Erfurt. Den Anfang machte das Lehrgebäude I an der Nordhäuser Straße, das sich zu Beginn des Lehrbetriebes 1953 freilich noch im Bau befand. Auch mussten die Studenten bis zur Fertigstellung der Wohnheime I und III (1955), IV (1957) und II (1961) unter teils schwierigen Bedingungen ihr Studium bestreiten. Das Wirtschaftsgebäude mit Mensa (1957) und das Auditorium maximum (“Audimax”) mit großem Festsaal (1962) verbesserten die Rahmenbedingungen weiter. Diese ersten Bauten folgten der offiziösen DDR-Architektur der “nationalen Traditionen” mit neoklassizistischen Baukörpern und Walmdächern. Das Lehrgebäude II (1962) deutete mit seiner klaren Fassadengestaltung den seit Mitte der 1950er Jahre vollzogenen Kurswechsel hin zum typisierten Bauen im Stil der Moderne an, wie er im zehngeschossigen Wohnheim-Hochhaus (1964) dann konsequent umgesetzt wurde. Mit dem Eingangsbereich zur Nordhäuser Straße zwischen Audimax und Hochhaus, stadtbildprägendes Entree, hatte der Hochschulkomplex 1964 seine gestalterische Abrundung gefunden. Er gilt heute laut Denkmalschutz als eines der “wenigen, nahezu vollständig erhaltenen Ensembles der 50er und 60er Jahre in der ehemaligen DDR”. In späteren Jahren erfolgten u.a. mit einer Sporthalle (1967, abgerissen), der neuen Mensa (1982),  einem weiteren Wohnheim in Plattenbauweise (1987) und der großen Sporthalle (1988) eher nüchterne Ergänzungsbauten. Die den historischen Komplex in südlicher Richtung erweiternde neue Universitätsbibliothek (2000), ein beeindruckender Stahl-Glas-Baukörper, steht für die bislang letzte Etappe der Campus-Geschichte. Hinzu kommen u.a. die sanierte “Villa Martin” (2004) als Sitz der Katholisch-Theologischen Fakultät und ein moderner Erweiterungsbau der Sporthalle (2008), die auch dem Universitätssportverein (USV) als Heimatstatt dient.  

Abbildungen

von oben nach unten:

  • Der Campus an der Nordhäuser Straße aus der Luft (2001) 
  • Das Pädagogische Institut Erfurt nahm im September 1953 im Lehrgebäude I seinen Betrieb auf. Allerdings dauerte die Fertigstellung des neoklassizistischen Gebäudes noch bis 1954. 
  • Mit dem Wirtschaftsgebäude samt Mensa erhielt der Campus 1957 sein Herzstück (Mitte). Heute sind hier das Präsidium und weitere Dienstleistungsbereiche untergebracht. Das Lehrgebäude II (rechts) machte 1962 den Wechsel zu moderner Formensprache deutlich. Links im Bild Wohnheim IV (1957).
  • 1964 war der stadtbildprägende Eingangsbereich mit modernem Wohnheim-Hochhaus (1964, heute Mitarbeitergebäude), Flachbau, Arkaden und Audimax (1962) fertig gestellt.
  • Der Campus war von Beginn an mit dem Straßenbahnnetz verbunden. Bis zur Verlängerung in Richtung der nördlichen Wohngebiete ab 1973 endete hier die Linie 3.
  • Die 2000 fertiggestellte imposante Universitätsbibliothek steht für den Aufbruchsgeist der 1994 wiedergegründeten Universität Erfurt.   

Text und Bildauswahl der Ausstellung: Dr. Steffen Raßloff (2009); Gestaltung: Ulrich Spannaus, Artus Atellier Erfurt; Abbildungen: Hochschulkommunikation Universität Erfurt, Archiv Universität Erfurt, Stadtarchiv Erfurt.Die Ausstellungstafeln werden im Präsidiumsflur ausgestellt.

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