Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

PD Dr. Andreas Pettenkofer: Junior Fellow und Koordinator des Projekts "Lokale Politisierung globaler Normen"

Universität Erfurt
Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Postfach 900221
99105 Erfurt

  • +49(0)361/737-2803
  • +49(0)361/737-2809

andreas.pettenkofer@uni-erfurt.de

Vita

  • 1992-1998 Studium der Soziologie (Nebenfächer: Jura und Philosophie) an der Freien Universität Berlin und an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (Paris)
  • 1999 Werkvertrag bei der Abteilung 'Normbildung und Umwelt' am Wissenschaftszentrum Berlin
  • 2000-2003 Mitglied des Graduiertenkollegs am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Bielefeld
  • 2003-2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Georg-August-Universität Göttingen, im Bereich Gesellschaftstheorie
  • Im SoSe 2003 Kollegiat am Max-Weber-Kolleg, WS 2003/2004 - SS 2007 Gastkollegiat am Max-Weber-Kolleg; 2007 Promotion mit "Kritik und Gewalt. Zur Genealogie der westdeutschen Umweltbewegung"
  • 7/07-9/07 Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln
  • 2007-2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Fernuniversität Hagen, im Bereich Allgemeine Soziologie
  • Seit 1/09 Postdoktorand am Max-Weber-Kolleg
  • Seit SoSe 09 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Weber-Kolleg
  • Seit März 2014 wissenschaftliche Koordination des Projekts "Die lokale Politisierung globaler Normen"
  • September 2015 Habilitation am Max-Weber-Kolleg (Habilitationsschrift: "Das Verstehen der Situation. Gewalt, Affekte und die Probleme einer hermeneutischen Soziologie")

Forschungsprojekte

Die lokale Politisierung globaler Normen
Teilprojekt: "Beweissituationen. Grundzüge einer soziologischen Theorie der lokalen Evidenz"

Dieses Teilprojekt soll einen systematischen soziologischen Zugang zum Problem der lokalen Evidenz entwickeln, das eine entscheidende Rolle spielt, wenn Erfolg und Scheitern einer lokalen Politisierung globaler Normen erklärt werden soll. Damit soll das Projekt zugleich einige allgemeine sozialtheoretische Konsequenzen ausarbeiten, die sich bei der Beschäftigung mit diesem empirischen Gegenstand zeigen, deren Relevanz aber über ihn hinausreicht.

Entwickelt werden soll eine Perspektive, die soziale Ordnung weder allein von der unterstellten Eigendynamik gesellschaftlicher Makrostrukturen her erklärt, noch auf gegebene Individuen und deren vermeintlich stabile Orientierungen (‚Präferenzen‘, ‚Habitusformen‘) abstellt, sondern stattdessen die Rolle von Situationen aufwertet und auch alle ‚Makro‘-Effekte als durch Situationen vermittelt begreift. Im Zentrum steht ein Konzept von Situationen, durch die eine bestehende Ordnung ihre Evidenz bestätigt sieht oder verliert, die also – auch wo diese Evidenz nicht reflexiv gesucht und geprüft wird, sondern zunächst affektiven Charakter hat – als Beweissituationen wirken. Soziale Ordnung erweist sich dann als prekäres Produkt einer Verkettung von Situationen, die geltende Deutungsmuster festigen oder destabilisieren, und die auch neuen Deutungsmustern Evidenz verleihen können. Auch der ‚Akteur‘ mit seinen ‚Präferenzen‘ lässt sich auf diese Weise als variables Produkt einer Verkettung von Situationen zu rekonstruieren. Das hilft auch, die sozialen Mechanismen genauer zu erfassen, die jene Art tiefgreifenden kulturellen Wandel antreiben, den das Entstehen neuer Normbindungen bedeutet.

Damit knüpft das Projekt zunächst an die neuen Moralsoziologien (Boltanski/Thévenot, J. Alexander, Joas) an. Es rekonstruiert diese Ansätze von diesem Bezugsproblem her: Welche je unterschiedlichen Typen lokaler Evidenz beschreiben sie? Von welchen Modellsituationen gehen sie aus? Welche sozialen Mechanismen identifizieren sie? Wie wird eine Verknüpfung mit Aussagen über Makrostrukturen hergestellt? Für diese Rekonstruktion nutzt es auch die zwischen diesen Ansätzen geteilten Theoriebezüge: Sie lassen sich erstens als teils konkurrierende, teils einander ergänzende Anknüpfungen an Durkheims Religionsbuch lesen, aus denen sich unterschiedliche Theorien darüber ergeben, was in solchen Beweissituationen bestätigt bzw. nicht bestätigt wird, und durch welche sozialen Mechanismen das jeweils geschieht. Ein zweiter gemeinsamer Bezugspunkt besteht in einer teils intensiven, teils erst begonnenen Pragmatismusrezeption.

Mit diesen Mitteln lässt sich auch das derzeit viel diskutierte Konzept ‚sozialer Praktiken‘ rekonstruieren. Dieses Konzept ist für die Frage nach den Bedingungen einer lokalen Politisierung globaler Normen zunächst sehr einschlägig: Es erhellt einen Teil der Mechanismen, die das In-Gang-Kommen eines Reflexionsprozesses bremsen, der zur Betrachtung lokaler Abläufe im Lichte allgemeinerer Normen führen könnten. Der pragmatistische Grundgedanke, dass Reflexivität nur durch spezifische Situationen ausgelöst wird, kann Theorien über ‚Praktiken‘ (als Teiltheorien der Vermeidung von Reflexivität) und die neuen moralsoziologischen Konzepte (als Teiltheorien des In-Gang-Kommens von Reflexivität) verknüpfen. Er hilft auch, differenzierter zu erfassen, warum ein Erfolg neuer Normen, der auf dem reflektierten Nachvollzug rationaler Begründungen gründet, einen voraussetzungsvollen Sonderfall darstellt. Denn auch ein erheblicher Teil der Erklärungen, die unter dem Stichwort ‚Praktiken‘ präsentiert werden, verweist tatsächlich auf Effekte der Situation. Berücksichtigt man das, dann lassen sich diese Erklärungen so rekonstruieren, dass der von Bourdieu verteidigte Habitusbegriff mit seinen übertriebenen Stabilitätsunterstellungen nicht mehr benötigt wird.

Insgesamt sollen – um das Wirksamwerden bzw. Nichtwirksamwerden neuer Normen genauer zu erklären – nicht nur normstützende Beweiseffekte erfasst werden, sondern auch gegenläufige Beweiseffekte: Mechanismen, die die gegenwärtigen Umstände der Hinterfragung entziehen; Mechanismen, die den Werten, durch die Normbindungen stabilisiert werden, gerade ihre Evidenz nehmen (Goffman); Mechanismen, die moralfreie Koordination auf Dauer stellen, auch weil sie den Eindruck fördern, jeder Versuch der Normdurchsetzung sei aussichtslos (Gambetta). So kann diese theoretische Rekonstruktion auch helfen, Modelle normorientierten Handelns und Modelle normfreier Kooperation differenziert zueinander in Bezug zu setzen; das hilft, auch die Grenzen und das Scheitern einer lokalen Politisierung globaler Normen zu erklären.

zur Projektseite: "Die lokale Politisierung globaler Normen"

Grundloses Vertrauen. Eine Fallstudie über jüdische Deutsche und die Entscheidung zu bleiben

Die Frage nach den Ursachen und Wirkungen von Vertrauen eröffnet einen Weg, der über ein rationalistisches Konzept sozialer Ordnung hinausführt. Allerdings folgt ein Großteil der einschlägigen Forschung immer noch einer Theorie rationalen Handelns und verweist auf situationsbezogene Nutzenerwartungen. Weiter führen Konzepte, die Vertrauen als wesentlich präreflexiv begreifen, sowie Versuche, die emotionale Dimension von Vertrauen herauszuarbeiten (klassisch: W. James’ Konzept des faith state). Wie so ein Vertrauen sozial entsteht, ist aber noch weithin unklar. Das Projekt, das als Fallstudie in theoretischer Absicht angelegt ist, knüpft hier u. a. an Durkheims Ritualtheorie an, die in der Forschung über Vertrauen bisher kaum Verwendung fand; es nutzt auch die Ergebnisse der neueren Soziologie der Emotionen und soll diese Diskussion seinerseits weiterbringen.

Die Forschung zum Vertrauen konzentriert sich meist auf Fälle, in denen das zu beobachtende Vertrauen im Nachhinein durch einen mehrheitlich eintretenden Erfolg gerechtfertigt erscheint. Das fördert unter der Hand eine Rückkehr zu Erklärungen, die Vertrauen letztlich doch auf eine begründete Erwartung des dann eingetretenen Erfolgs zurückführen. Das vorliegende Projekt betrachtet dagegen einen Fall, in dem kein Erfolg eintritt, um damit einen Zugang zu den Mechanismen zu gewinnen, die auch in anderen Fällen den Glauben erhalten, dass es schon irgendwie weitergehen wird.

Von den etwa 520 000 deutschen Bürgern, die nach dem Wahlsieg der NSDAP auf die Kategorie ‚Jude‘ festgelegt wurden, sind etwa 285 000 nicht geflohen. Viele haben sich gegen eine Flucht entschieden, als ihnen diese Möglichkeit noch offen stand. Dabei konnten sie zwar nicht mit dem Massenmord rechnen; neuere Arbeiten von Historikern belegen aber ein hohes Maß alltäglicher Angriffe längst vor dem November 1938. Das zeigt, dass hier ein hoch erklärungsbedürftiges Vertrauen vorlag. Für die Stabilisierung dieses Vertrauens scheinen kollektive Riten eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Einerseits solche, die (wie die „Kulturbund“-Theateraufführungen) die Zugehörigkeit zum ‚Deutschtum‘ bekräftigen und so Vertrauen erzeugen, indem sie einer Selbstkategorisierung Evidenz verleihen, die bestimmte Denkmöglichkeiten nahe legt und andere ausschließt. Andererseits Riten, die jene reaktive Selbstethnisierung stützen, mit der ein Teil der jüdischen Deutschen bereits während des Ersten Weltkriegs beginnt, die sich aber in Reaktion auf die nationalsozialistische Politik noch verstärkt. Ein für beide Varianten einer derartigen Innenstabilisierung wichtiger Ort sind Familien, in denen an der Normalisierung der Situation gearbeitet wird. Bei allen diesen Riten dürfte eine aktive ‚Emotionsarbeit‘ eine wichtige Rolle ge-spielt haben; ein Teil des auftretenden Vertrauens könnte durch einen Rückwirkungseffekt der Emotionsarbeit zu erklären sein, die für den Vollzug dieser Riten notwendig wurde. Ein weiterer wichtiger Typ alltäglicher Riten besteht in der ‚Interaktion‘ mit Artefakten, die wie eine Form der Selbsterhaltung wirkt (so lange man mit diesen Objekten umgeht, ist man trotz allem noch der, der man vorher war) und dadurch auch den allgemeinen Eindruck stützt, dass es weitergehen wird. – Das sind aber nur vorläufige Vermutungen; es geht nicht um einen Hypothesentest, sondern um eine explorative Fallstudie.

Als Quellen dienen Tagebücher und Briefe von Angehörigen derjenigen ressourcenstarken Gruppe, die tatsächlich die Möglichkeit gehabt hätte zu fliehen. Gefragt wird zunächst: Wie reagieren die Betroffenen auf die einzelnen Wendepunkte der Verfolgungsgeschichte? Wie kommt jeweils der Schluss zustande, dass sich die Situation noch nicht eigentlich zum Schlimmsten gewandt hat? Die Auswertung geschieht mit der – bisher zur Forschung über Vertrauen kaum genutzten – Methode der hermeneutischen Sequenzanalyse; das Projekt sucht also nicht nur nach expliziten Bekundungen von Vertrauen oder Misstrauen, sondern fragt, ob und wie ein fundierendes Vertrauen in diesen Berichten zum Ausdruck kommt. (Je größer das Gewicht des präreflexiven Moments im Vertrauen, desto weniger sinnvoll ist die Methode der standardisierten Befragung, auf die sich der größte Teil der empirischen Forschung zum Vertrauen nach wie vor verlässt.) Das soll helfen, ein immer noch rätselhaftes historisches Phänomen genauer zu erklären; zugleich soll es ein besseres theoretisches Verständnis davon ermöglichen, wie ein Vertrauen entsteht und sich erhält, das als Grund einer sich grundlos reproduzierenden Ordnung wirkt.

Publikationen

Zu den Veröffentlichungen von Andreas Pettenkofer gelangen Sie über den Forschungsdatenbankserver der Universität Erfurt.

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