Frauen sind in der Wissenschaft und Forschung nach wie vor unterrepräsentiert. In seinem Programm „Zia – Visible Women in Science & Humanities“ lädt der ZEIT-Verlag Wissenschaftlerinnen deshalb zu einem einjährigen Fellowship ein, das ihnen die Möglichkeit bietet, sich sowohl fachlich als auch persönlich weiterzubilden und zu entwickeln – durch Workshops zu den Themen Kommunikation und Rhetorik, Stimmtraining, Körpersprache und Medienlogik, aber auch durch den Erfahrungsaustausch und die Vernetzung untereinander sowie mit weiblichen Role Models und institutionellen Unterstützern aus Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft und dem Public Sector. Damit sollen junge Wissenschaftlerinnen im Wissenschaftssystem gestärkt und überdies die Chancengleichheit vorangetrieben werden. Dr. Suzanne Amy Foxley, wissenschaftlichen Mitarbeiterin an der Professur „Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit“ am Historischen Seminar, ist die erste Frau an der Universität Erfurt, die an diesem Fellowship-Programm teilnimmt. Wir haben mit ihr über ihre Erfahrungen gesprochen…
Frau Dr. Foxley, was interessiert Sie als Forscherin und woran arbeiten Sie gerade?
Ich schreibe derzeit eine animal geography des Löwen im Europa der Frühen Neuzeit (ca. 1500–1800). Das bedeutet, ich leiste einen Beitrag zur historischen Biodiversitätsforschung, indem ich anhand einer speziellen Tierart – dem Löwen – untersuche, wie sich unser menschlicher Umgang mit der Natur im Lauf der Zeit verändert hat. Mich interessieren dabei insbesondere, wo und wie die Tiere gehalten bzw. ausgestellt wurden, über welche (Handels-)Netzwerke sie nach Europa kamen, und welche Rolle die Kategorien Klasse, Geschlecht und zugeschriebene Nationalität für den Umgang mit dieser Tierart hatte. Hat man zum Beispiel eine Löwin, die im Tower of London gezüchtet wurde, anders behandelt als einen Löwen, der als diplomatisches Geschenk an den Hof kam? Die Zeitspanne der Frühen Neuzeit ist hierbei besonders spannend, da sie nicht nur die Entwicklung der Biologie als Disziplin umfasst, sondern wir in dieser Zeit auch massive Veränderungen in der europäischen Gesellschaft beobachten, u.a. die „Entdeckung“ anderer Weltregionen, den Beginn der Industrialisierung und das Aufkommen der Tierschutzbewegung. Meinen methodischen Schwerpunkt setzte ich hierbei auf den raumzeitlichen Zugang. Ich achte also besonders auf „tierische“ Orte, Plätze und Routen, aber auch auf zeitliche Rhythmen und Regeln, die Interaktionen zwischen der Spezies homo sapiens und der Spezies panthera leo geprägt haben.
Und was treibt Sie dabei an?
Ich liebe es einfach zu forschen. Als Historikerin hat man die Chance, in ganz verschiedene Themengebiete einzutauchen und diese durch innovative wissenschaftliche Methoden zu erforschen und für andere aufzuarbeiten. Das Gebiet der Tiergeschichte hat mich dabei schon immer fasziniert. Hier habe ich in meinem Leben bereits einen starken Wandel meiner Disziplin beobachten können: Als ich studiert habe, wurde noch rege debattiert, ob Tiere überhaupt im Fokus der Geschichte stehen dürften, oder ob dies allein dem Menschen vorbehalten sein darf. Im englischsprachigen Raum wird die Geschichte als eine Disziplin innerhalb der „Humanities“ (Geisteswissenschaften) bezeichnet, was diesen Anspruch verdeutlicht. Aber mittlerweile hat sich fest etabliert, dass wir eine Geschichte des Menschen ohne Einbeziehung der Tier- und Pflanzenwelt einfach nicht schreiben können.
Als Kind von Einwanderern hat mich bei den Löwen besonders die Frage gepackt, ob diese Tiere für immer etwas „anderes“ und „exotisches“ bleiben werden – auch wenn heute so mancher Löwe im Zoo bereits seit Generationen in Europa gezüchtet wurde und Afrika gar nicht kennt. Wann werden wir anerkennen, dass diese Tiere fest Teile unserer Kultur sind? Können sie jemals „deutsch“ sein? Zu reflektieren, dass wir diesen Tieren noch heute einen (oft imaginären) Raum und eine Nationalität zuschreiben, hat mich am Anfang zu diesem Forschungsgebiet gebracht, und wird hoffentlich auch einige andere zum Nachdenken anregen.
Wie kamen Sie zum Zia-Fellowship?
Darauf hat mich meine Vorgesetzte, Prof. Dr. Susanne Rau, aufmerksam gemacht. Mir war das Programm vorher nicht bekannt, aber ich finde es wichtig, die Rolle von Frauen in der Wissenschaft hervorzuheben und unsere wissenschaftliche Arbeit als etwas Alltägliches statt Außergewöhnliches zu präsentieren. Deshalb passt das Fellowship sehr gut zu mir. Als sie mich fragte, ob sie mich vorschlagen dürfe, habe ich nicht lange gezögert.
Insgesamt haben sich im vergangenen Jahr 420 Personen beworben, von denen 25 Fellows aus Deutschland und der ganzen Welt ausgewählt wurden und nun gefördert werden, davon neun Frauen direkt von ihren Forschungsinstituten oder Universitäten. Dieses Jahr tritt auch die Universität Erfurt als direkter Förderer auf. Förderer und Partner halten durch ihre Finanzierung das Programm am Laufen und sichern ihren Teilnehmerinnen im Gegenzug einen Platz im Programm. In Erfurt gibt es derzeit keine feste Infrastruktur für ein solches Fellowship. Die Mittel für die Förderung wurden dementsprechend aus verschiedenen Töpfen zusammengetragen: aus dem Akademischen Qualifizierungsprogramm, dem Dekanat der Philosophischen Fakultät, dem Gleichstellungsbüro, der Hochschulkommunikation und schließlich der Professur für Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit. Es ist ein Privileg, dass so viele Stellen in Erfurt an mich und unser Ziel, Frauen in der Wissenschaft sichtbar zu machen, glauben. Für all die Unterstützung bin ich sehr dankbar.
Das heißt, man braucht immer einen Förderer, der die Bewerbung finanziell unterstützt?
Nein, jede Wissenschaftlerin, die sich für das Programm interessiert und sich in der Abschlussphase ihres Studiums befindet, eine Promotion anstrebt, bereits promoviert oder promoviert ist bzw. sich in der Postdoc-Phase befindet oder schon eine Juniorprofessur innehat, kann sich bewerben – per E-Mail mit einem Kurzlebenslauf und einem Motivationsschreiben. Wer allerdings einen Förderer hat, bekommt garantiert einen Platz.
Und hält das Programm aus Ihrer Sicht, was es verspricht?
Das Fellowship bietet aus meiner Sicht drei Vorteile: Erstens werden Fellows geschult, vor allem in den Bereichen Wissenschaftskommunikation und Selbstvermarktung. Das sind Bereiche, auf die unsere universitäre Ausbildung nicht ausgerichtet ist, die aber immer wichtiger werden, um in der Wissenschaft und im Zeitalter des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) erfolgreich zu sein. Die ZEIT-Stiftung hat hierbei nicht nur andere Möglichkeiten als die Mitarbeiterprogramme der verschiedenen Forschungseinrichtungen, sondern funktioniert auch anders: Mir bietet sie als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit neue Perspektiven. Zweitens werden wir ins Zia-Netzwerk aufgenommen. In diesem Netzwerk stützen wir einander, auch in der Zukunft, und profitieren von den Erfahrungen früherer Fellows, wenn wir Rat brauchen. Networking ist als Effekt nicht unbedingt messbar, ist aber ein wichtiger Teil der (wissenschaftlichen) Karriere. Natürlich soll unsere Forschung für sich sprechen, aber auch Wissenschaftler*innen müssen sich untereinander austauschen und besonders unter den Wissenschaftlerinnen ist es möglich, über Themen zu sprechen, die in der Regel männliche Kollegen weniger belasten. Beispielsweise landet „Care Arbeit“ nachweisbar wiederholt bei Frauen. Dadurch erreichen wir mit etwas Glück auch drittens: Die Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft zu erhöhen, indem wir uns gegenseitig unterstützen und in die Öffentlichkeit treten.
Inwiefern haben Sie schon davon profitiert?
Ich habe die Weiterbildungsprogramme gerade schon genannt. Hinzu kommen ein lebenslanger Zugang zur ZEIT-Akademie, aber auch Einzelangebote wie zertifizierte Schulung vom Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation und Impulsvorträge – beispielsweise von der Geschäftsleiterin von Holtzbrinck Berlin oder dem Geschäftsführer der ZEIT. Besonders spannend war für mich die Eröffnungsveranstaltung: Hier haben Elena und Martin Lichtenthaler von Mighty-Real durch den Abend geleitet und beeindruckend aufgezeigt, wie wenige Wissenschaftlerinnen sich „angekommen“ fühlen, selbst wenn sie den Gipfel ihrer Karriere erreicht haben. Dieses Gefühl schon frühzeitig als Stolperstein auf dem eigenen Weg zu erkennen, hat mich sehr berührt, vor allem, weil Phänomene wie das Imposter Syndrom bei Frauen bekanntlich stärker greifen. Durch das Netzwerk nicht nur kompetente fachliche, sondern auch zwischenmenschliche Kontakte aufzubauen ist unersetzbar.
Sie empfehlen also anderen Wissenschaftlerinnen, sich zu bewerben?
Auf jeden Fall. Der Austausch mit anderen Frauen in der Wissenschaft ist sehr bereichernd. Die Chance, zudem an Weiterbildungsprogrammen teilzunehmen, die speziell auf die wissenschaftlichen Laufbahnen von Frauen zugeschnitten sind, ist außergewöhnlich. Sich zu bewerben heißt, diese Chance zu verstehen und zu ergreifen. Gesponsert zu werden bedeutet darüber hinaus, dass die eigene Einrichtung einem den Rücken stärkt und sich für Gleichberechtigung in der Wissenschaft einsetzt.
… lehrte seit ihrem Master-Abschluss mit dem Schwerpunkt Public History 2018 an unterschiedlichen Universitäten. Im April 2024 verteidigte sie ihre Doktorarbeit „The American Experience of British Prize Jurisdiction, 1776-1804“, die 2025 auf Englisch bei Boydell & Brewer erschienen ist. Heute ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur der Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit und Koordinatorin des Master-Studiengangs Sammlungsbezogene Wissens- und Kulturgeschichte an der Universität Erfurt.