Rätsel um Erfurter Schatz: Gastwissenschaftlerin der Uni Erfurt bringt Licht ins Dunkel

Einblicke

Alte Synagoge, Erfurt

Kleine silberne Schlüssel wurden nach mittelalterlichen Quellen von jüdischen Frauen am Schabbat getragen. Auch in dem 1998 in Erfurt gefundenen einzigartigen mittelalterlichen Schatz, der einst von einem jüdischen Kaufmann vergraben wurde, ist ein solcher Schlüssel enthalten. Er ist eines der ungewöhnlichsten Objekte im Fund, und sein Vorhandensein könnte ein neues Licht auf die Geschichte des Schatzes werfen. Welche Funktionen hatten solche Schlüssel? Waren sie ein reines Schmuckstück oder erfüllten sie eine rituelle Funktion? In welchen geografischen Kontexten sind sie nachzuweisen?

Dr. Merav Schnitzer, Forschungsstipendiatin am Goldstein-Goren-Diaspora-Forschungszentrum der Universität Tel Aviv, ist aktuell als Judaistin in Residence zu Gast in Erfurt. Ihren Forschungsaufenthalt am Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ der Universität Erfurt möchte sie dazu nutzen, dieses besondere Schmuckstück vor Ort zu untersuchen. Sie erhofft sich damit neue Erkenntnisse zum Typus allgemein sowie zur Funktion und Bedeutung silberner Schlüssel im jüdischen Kontext. Erste Ergebnisse ihrer bisherigen Forschung hat Merav Schnitzer in dieser Woche in einem öffentlichen Werkstattgespräch mit PD Dr. Claudia D. Bergmann (Universität Erfurt) und Dr. Maria Stürzebecher (Dezernat Kultur und Stadtentwicklung) in der Alten Synagoge vorgestellt.

In einer Vitrine in der Alten Synagoge ist er zu sehen: ein mehrere Zentimeter großer Vierkant-Schlüssel aus Silber. Sie habe sich immer gefragt, warum er aus Silber sei, erklärt Maria Stürzebecher, die Beauftragte der Stadt Erfurt für das Unesco-Welterbe. Denn eigentlich sei das Metall viel zu weich, um mit dem Schlüssel regelmäßig ein Eisenschloss zu öffnen. Merav Schnitzer konnte nun Licht ins Dunkel bringen: Bei der Untersuchung eines ähnlichen Schlüssels aus dem mittelalterlichen Schatz von Colmar fand sie heraus, dass dieser Schlüssel versilbert worden war, weil er nur dann auch am heiligen Schabbat aus dem Haus mitgenommen werden durfte – als Schmuckstück. So konnten die jüdischen Frauen im Mittelalter den so wichtigen Haustürschlüssel mitnehmen, wenn sie in die Synagoge gingen. Die Forscherin aus Tel Aviv vermutet nun, dass dies auch der Grund für die Versilberung des Schlüssels aus dem Erfurter Schatz gewesen ist. Beim Werkstattgespräch in der Alten Synagoge erklärte sie jetzt: „Das hier ist ein weiterer Schlüssel, der am Schabbat genutzt wurde. Von einer Frau, die ihn benutzte, um ihre Harfe zu stimmen“. Und dies sei insofern etwas besonders, weil hochreligiöse Menschen heutzutage keine Musik mehr in Synagogen machten, ja am Schabbat gar nicht musizierten. „Aber im Mittelalter spielte die jüdische Gemeinschaft Harfe und Violine, am Schabbat und auch in der Synagoge.“

Lesen Sie dazu auch den Beitrag beim MDR .