Raumzeitliche Politik im Iran oder: Was geschieht, wenn Nowruz und Eid al-Fitr zusammenfallen?

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Unter dem Titel „Spatiotemporal Politics in Contemporary Iran: Dynamics of Memory, Agency, and Ritual among the Graduates of Islamic Schools“ ist soeben ein neues Buch von Dr. Maryam Rahmani erschienen, das sich mit raumzeitlicher Politik im Iran beschäftigt. Für unseren „WortMelder“ haben wir mit der Autorin gesprochen…

Frau Dr. Rahmani, worum genau geht es in Ihrem Buch und was muss man sich unter „raumzeitlicher Politik“ überhaupt vorstellen?
In meinem Buch untersuche ich, wie religiöse Rituale und Erinnerungspraktiken im postrevolutionären Iran als umkämpfte räumlich-zeitliche Arenen fungieren, in denen staatliche Deutungen und individuelle Erfahrungen aufeinandertreffen. Im Mittelpunkt steht dabei eine jüngere Generation, die in religiös-konservativen Familien aufgewachsen ist und religiös geprägte Schulen besucht hat. Ich gehe der Frage nach, wie sich in ihren Erzählungen Agency, Widerstand und neue Bedeutungen herausbilden. Dabei zeige ich auch, wie diese Generation im Verlauf ihres Lebens – durch eigene Erfahrungen und im Austausch mit anderen – zunehmend Differenzen zwischen offiziellen Narrativen und gelebter Realität wahrnimmt und ihre eigene Subjektivität in diesem Spannungsfeld formt.

Dieses Jahr fielen im Iran zwei religiöse Rituale – das persische Frühlings- und Neujahrsfest Nowruz und das Ende des Fastenmonats Ramadan, Eid al Fitr – zusammen. Worum geht es bei diesen Feierlichkeiten und wie wird ihr Datum im Kalender im Iran bestimmt?
Nowruz und Eid al-Fitr gehören zu zwei unterschiedlichen Traditionen und Kalendern. Eid al-Fitr richtet sich nach dem islamischen Mondkalender und verschiebt sich deshalb jedes Jahr im Sonnenkalender. Nowruz hingegen ist ein festes Datum im iranischen Kalender und markiert jedes Jahr den Beginn des Frühlings zur Tagundnachtgleiche. Dass beide Feste zusammenfallen, kommt nur selten vor und ist deshalb besonders interessant – vor allem, weil hier zwei große Feierlichkeiten aus unterschiedlichen kulturellen und religiösen Kontexten aufeinandertreffen. In diesem Fall handelt es sich zudem um eine eher „glückliche“ Koinzidenz, da beide Anlässe festlich und freudig begangen werden. Zugleich gibt es auch Konstellationen, in denen ein freudiges Ereignis des persischen Kalenders mit einem islamischen Trauertag zusammenfällt.

Und was passiert im Alltag der Menschen, wenn sie zusammenfallen?
Wenn beide Feste zusammenfallen, entsteht zunächst ein doppeltes Gefühl von Freude, da beide Anlässe grundsätzlich festlich und positiv besetzt sind. Diese Frage lässt sich jedoch besonders gut anhand von Situationen beantworten, in denen nicht das Ende des Ramadan, sondern der Fastenmonat selbst mit Nowruz zusammenfällt. Das bedeutet, dass das Neujahrsfest während der Fastenzeit stattfindet. In solchen Fällen – wie in den vergangenen zwei Jahren – hat dies den Alltag der Menschen durchaus beeinflusst. Viele haben ihre Neujahrsrituale zeitlich angepasst und beispielsweise erst nach dem Iftar oder in den frühen Morgenstunden gemeinsam gegessen, um Speisen und Süßigkeiten genießen zu können. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass dies vor allem religiösere Teile der Gesellschaft stärker betrifft, während weniger religiöse Familien oft weniger Einschränkungen erfahren.

Im Untertitel ihres Buches sprechen Sie von „Erinnerung“ und „Ritual“. Was ist in diesem Fall damit gemeint?
Meine zentrale Ausgangsidee war es, über die formale Betrachtung von Ritualen und ihrer Konstruktion hinauszugehen und zu fragen, wie sie in der Gesellschaft definiert, interpretiert und vor allem von Individuen erinnert werden. Mich interessiert also weniger, wie ein Ritual normativ festgelegt ist, sondern wie es tatsächlich gelebt, erfahren und im Rückblick erzählt wird. Besonders in einem Kontext wie dem Iran, in dem man bereits seit der Schulzeit bestimmten religiösen und politischen Ritualen ausgesetzt ist und häufig auch zur Teilnahme verpflichtet wird, stellt sich die Frage, wie diese Erfahrungen später im Leben verarbeitet werden. Ein Beispiel dafür ist der Ramadan: Wie erinnert eine erwachsene Person das Fasten, wenn sie in einer religiösen Familie und im schulischen Umfeld stark damit sozialisiert wurde? Wird dies als sinnstiftend und positiv erinnert oder eher als Zwang und Belastung? Ähnlich verhält es sich mit ideologischen, politischen Ritualen wie den Jahrestagen der Revolution. Werden diese mit positiven Bedeutungen verbunden oder eher kritisch und distanziert erinnert? Und wenn Letzteres der Fall ist, welche biografischen Erfahrungen oder gesellschaftlichen Veränderungen haben zu dieser Verschiebung beigetragen? Gerade hier zeigt sich, dass Rituale in politischen Kontexten nicht einfach stabil und eindeutig sind, sondern sich in individuellen Narrativen unterschiedlich ausprägen. Sie können daher sowohl sozialwissenschaftlich als strukturierte Praxis als auch auf der Ebene persönlicher Erinnerungen und Erzählungen analysiert werden.

Die Situation im Iran ist ja aktuell dramatisch. Haben Sie Informationen darüber, was der Zusammenfall von Nowruz und Eid al-Fitr in diesem Jahr für die Menschen dort bedeutete?
Dieses Jahr ist für viele Menschen im Iran ein äußerst schwieriges und belastendes Jahr. Bereits das gregorianische Neujahr im Januar war von landesweiten Protesten geprägt, die mit massiver Repression beantwortet wurden und zu zahlreichen Todesfällen sowie zu einer tiefen gesellschaftlichen Erschöpfung geführt haben. In den darauffolgenden Wochen hat der seit inzwischen vier Wochen andauernde Krieg die Situation weiter verschärft. Vor allem in größeren Städten, die von Angriffen betroffen sind, leben viele Menschen in einem Zustand ständiger Anspannung und Unsicherheit darüber, was die Zukunft bringen wird. Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass die iranische Gesellschaft – mit mehr als 90 Millionen Menschen im Land und vielen Millionen in der Diaspora – sehr heterogen ist. Die Einschätzungen, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte oder wie die aktuelle Situation zu bewerten ist, gehen stark auseinander. Einige sehen in den aktuellen Entwicklungen eine mögliche Chance, politische Blockaden zu überwinden, während viele andere den Krieg als zerstörerisch erleben, der vor allem das Leben der Menschen belastet und keine positive Perspektive eröffnet. Dabei trifft er insbesondere eine Zivilgesellschaft, die ohnehin bereits unter erheblichen Einschränkungen und Druck stand und nun einer doppelten Belastung ausgesetzt ist.Vor diesem Hintergrund ist es sehr schwierig, von einer einheitlichen Haltung oder „dem Willen der Bevölkerung“ zu sprechen. Hinzu kommt, dass der Zugang zu Informationen stark eingeschränkt ist. Auch ich selbst habe seit mehreren Wochen nur sehr begrenzten Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden, da das Internet weitgehend blockiert ist. 

Was auf jeden Fall deutlich wird, ist, dass solche Festzeiten immer im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext stehen. In diesem Jahr – geprägt von den politischen Ereignissen im Januar und dem anhaltenden Krieg – sind viele Menschen, soweit ich es wahrnehme, kaum in Feierlaune.

Welche persönlichen Erinnerungen verbinden Sie mit den beiden Festen – und wie feierten Sie selbst dieses Jahr?
Ich bin grundsätzlich ein eher nostalgischer Mensch und verbinde mit beiden Festen sehr schöne Kindheitserinnerungen. Besonders prägend ist für mich, dass ich am Tag des Eid al-Fitr geboren wurde – dadurch fällt mein Geburtstag nach dem Mondkalender jedes Jahr auf dieses Fest, was ihm für mich eine ganz eigene, persönliche Bedeutung verleiht. 

Nowruz wiederum ist für viele Iranerinnen und Iraner – und auch für andere, die es feiern – ein absoluter Höhepunkt im Jahr. Es steht für das plötzliche Ende von Kälte und Grau und für den Beginn von Frühling, Licht und neuen Farben. In der persischen Dichtung ist es eng mit dem Motiv der mojdeh (der frohen Botschaft) verbunden – als Ankündigung von Neubeginn und Hoffnung.

Als Iranerin, die seit vielen Jahren nicht mehr im Iran lebt, versuche ich – auch wenn es nicht immer leicht ist – diese Traditionen aufrechtzuerhalten und zumindest einen Haft-Sin-Tisch zu gestalten und mit meiner Familie zu telefonieren, um den Moment des Jahreswechsels gemeinsam zu erleben. In gewisser Weise ist das auch ein Beispiel für das, was ich als spatio-temporale Erfahrung beschreibe: Man befindet sich physisch an einem anderen Ort, ist aber zeitlich und emotional dennoch mit diesem Moment und Raum verbunden. In diesem Jahr war das jedoch kaum möglich. Unter den gegebenen Umständen fiel es mir sehr schwer, überhaupt zu feiern – gerade weil man innerlich so stark an einem Ort ist, an dem man nicht sein kann.

In Ihrem Buch geht es auch um den Zusammenhang von Bildung, politischer Macht und Religion im Iran. Was wünschen Sie sich diesbezüglich für die Zukunft des Iran?
Wenn man die vergangenen Jahrzehnte betrachtet, zeigt sich, dass verschiedene Generationen im Iran immer wieder versucht haben, Veränderungen anzustoßen und Perspektiven für ein besseres politisches und wirtschaftliches Leben zu eröffnen – sei es in den Reformbewegungen der 1990er-Jahre, in den Protesten von 2009 oder zuletzt in der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“. Diese Bewegungen haben durchaus Verschiebungen bewirkt, auch wenn viele der damit verbundenen Erwartungen bislang unerfüllt geblieben sind. 

Vor diesem Hintergrund wünsche ich mir, dass es zu einem Wandel kommt, der den Menschen im Iran mehr politische Freiheit und eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lebensbedingungen ermöglicht. Ebenso hoffe ich, dass der Krieg endet, damit sich gesellschaftliche Entwicklungen ohne Gewalt entfalten können. Und schließlich hoffe ich, dass das Land wieder zur Ruhe kommt, damit die Menschen ihr Leben dort führen können, wo sie sich zugehörig fühlen und wo ihr Zuhause ist, und dass auch andere die Möglichkeit haben, zu reisen und die besondere „Magie“ Irans zu erleben – geprägt von einer tief verwurzelten Gastfreundschaft und warmherzigen Menschen.

Dr. Maryam Rahmani

… ist Soziologin und Religionswissenschaftlerin. Sie wurde am Max-Weber-Kolleg für Kultur- und Sozialwissenschaftliche Studien und im Seminar für Religionswissenschaft (Islamwissenschaft) promoviert. Aktuell forscht sie als Postdoc im Nachwuchskolleg „Glocal Religiosities: Entanglements, Identities, Belongings an einem Projekt zu Podcasterinnen aus dem Iran. 

Link zur Website von Dr. Maryam Rahmani